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Jeschurun · 1886-03-18 · Heft 11 (18.3.1886) · p. 167

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Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 11 (18.3.1886)
Article
Wandelungen
Date
1886-03-18
Page
167 (sequence 2)
Language
German
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167 trat, glitt Bella aus den Armen ihres Freundes und zog ihn zur Mutter. ״Mama, segne Deiuc Kinder!" Schreckensbleich starrte Frau von Merten die Liebenden an, wiederum regte sich der Mahner in ihrer Brust; ihr war, als sähe sie ihren verstorbenen Galten vor sich, als strecke er abwehrend seine sarblose Hand gegen den jungen Mann, der sich um sein Kind bewarb. — Konnte sie die Pietätlosigkeit gegen den Berstorbenen so weit treiben'? — Minna hatte Recht, eS schien unmöglich. — Doch ebenso unmöglich erschien cS ihr, dem heißblütigen jungen Mädchen eine Bitte zu vcrsagen, cs wäre das erste Mal gewesen, und'— Minna hatte abermals recht, das selbständige, Willensstärke junge Mädchen war der schwachen Mutier längst über den .Kopf gewachsen. — Dennoch machte sie einen schwachen Versuch, ihre Einwilligung zu verweigern — aber der Versuch mißlang und noch bevor sie sich zur Ruhe begab, hatte sic Bella's Aufforderung entsprochen, hatte des Himmels Segen für den Bund erfleht, den die Tochter ihres erustfronimcn Gatten mit dem Nichtjuden geschlossen. Frau von Merten hatte cs jedoch den Verlobten nicht verhehlt, daß sie vor Bella's Großjährigkeit an eine eheliche Verbindung nicht denken könnten. Denn sie hielt sich überzeugt, Herr Doktor Wiesenhein würde nie seine Einwilligung dazu geben. Das war ein starker Dämpfer ans die Glückseligkeit der Liebenden, beide Hütten gern wenigstens den Versuch gemacht, des Vormundes Zustimmung zu erlangen, doch Frau von Merten widersprach dem entschieden. Was sie befürchtete, darüber war sie sich selbst nicht klar, doch sie ging so weit, die eigene Einwillignng von der vollständigen Geheimhaltung der Verlobung abhängig zu machen. Die Verlobten mußten sich fügen. Das Opfer, das sie bringen mußten, war im Grunde auch nicht allzu groß. Beide waren jung, und während der allerdings etwas langen Dauer ihres Vrantstandes konnten sic unter den Augen der gütigsten, nachsichtigftcu Mutter stets beisammen sein. Die Zeit verstrich. Der Aufenthalt in Italien, Anfangs nur für die Wintermonate berechnet, hatte sich ans Nath der Acrzte auf unbestimmte Zeit verlängert, denn Adele begann zu kränkeln, und man besorgte, das rauhere Klima der Heimath könnte ihre ohnehin so sehr wauken.de Gesundheit noch mehr gefährden. Wie schätzte sie sich glücklich, in dieser Zeit den Verlobten ihrer Tochter zur Seite zu haben. Alle ihre Angelegenheiten hatte sic seinen Händen übergeben, und er sorgte für sie mit der Zärtlichkeit eines Sohnes. Auch Bella konnte sich nicht über ihn beklagen, er zeigte sich stets aufmerksam und liebevoll gegen sie, aber ihrer Leidenschaftlichkeit erschien er zu kalt, und sie konnte es ihm nicht verzeihen, daß er auch jetzt noch in einsamen Stunden sich von düsterer Melancholie zuweilen überwältigen ließ. So waren einige Jahre verstrichen. Bella stand in ihrem neunzehnten, ihre Schönheit hatte sich in ihrem vollen Glanze entfaltet und macljtc Furore, selbst in dem Lande, das durch die Schönheit seiner Töchter berühmt ist. Aber auch aus dem schmächtigen, bleichen Jüngling, der ihre erste Neigung gewonnen, war ein kräftig schöner Mann geworden, dessen blühendes Antlitz ein wohlgepflegter dunkler Vollbart umrahmte. Adele hatte der in;Nähe des Meeres eine reizende Villa gemicthet, die sie seit beinahe drei Jahren mit ihrer Tochter und Herrn von Mühler bewohnte. Letzterer galt in den Kreisen, die Frau von Merten in dieser Gegend fregncntirte, für ihren Neffen. Sie hatte diese unschuldige Täuschung für nothwendig gehalten, um, ohne das Lhatsächliche Vcrhältuiß der jungen Leute ciuzngestchen, deren Vertraulichkeit mit einander zu rechtfertigen. Es war ein herrlicher Frühlingsmorgen, als Bella an: Arme ihres Verlobten die breiten Marmorstnfen hinuntcrschritt, die zum Garten führten, der sich bis zum Ufer des Meeres hin zog. ״Wohin wenden wir uns?" fragte Herr von Mühler. ״Dem Strande zu, dort ist cs immer am schönsten. O.' wie schön, wie wunderbar schön ist cs hier, wie Schade, daß Mama heute nicht hinaus kann." ״Hat Mama eine unruhige Nacht verbracht?" fragte theilnehmcnd ihr Begleiter. ״Eine sehr unruhige," erwiderte seufzend das junge Mädchen. ״Ach. Martin, ich bin sehr besorgt um Mama," ״Das bist Du hoffentlich ohne Grund, liebes Kind. Professor Giovanni versicherte mich noch gestern, Mama's Unwohlsein wäre durchaus unbedenklich." ״Ist das wahr, Martin, wirklich wahr?" ״Ich gebe Dir mein Ehrenwort." ..Ich glaube Deiner einfachen Versicherung undbin Dir von Herzen dankbar für dieselbe, denn es ist mir in der Thal eine Erleichterung, daß der Professor Mama's Zustand unbedenklich findet. — Aber freilich, diese italienischen Acrzte — ich habe kein wirkliches Vertrauen zu ihnen. — Wenn nur unser alter, lieber Sanitätsrath hier wäre, da wäre ich doch weit ruhiger." ״Wenn cs Dir Beruhigung gewährt, so könnten wir ihn kommen lassen. Wünschest Du cs, so könnte ich ihn telegraphisch darum ersuchen." ״Ach ja, das wäre mir sehr lieb. Aber ersuche

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