Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 10 (10.3.1886)
- Article
- Österreich-Ungarn : Wien [Nachricht]
- Date
- 1886-03-10
- Page
- 156 (sequence 3)
- Language
- German
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156 Gewalt; er scheut vor keinem Mittel zurück, er umhüllt, wie der Abgeordnete Haase heute gesagt hat, die Wahrheit mit dem Mantel der Lüge, er schrickt selbst vor der Aufforderung zum Justizmorde nicht zurück, wenn er damit seine Zwecke fördern könnte. Der Antisemitismus hat in den Herzen vieler Bürger das Bewußtsein von der Brüderlichkeit aller Menschen erstickt, und wenn der Liberalismus keine andere Aufgäbe hätte, als eS wieder zu wecken, als die Grund״ sätze wieder zu beleben, welche die höchste Blüthc der deutschen Wissenschaft und Kunst geschaffen haben, so würde er damit allein schon darthun, daß seine Mission noch lange nicht zu Ende ist, daß mit ihm der edelste Gehalt der bürgerlichen Gcsellschajt verschwinden würde. Der Antisemitisinns will national sein. Was hat er für das deutsche Boll Anderes gethan, als es in der Achtung Europas zn schädigen? WaS hat er für die Deutschen in Oesterreich gewirkt, die sich in einem so schweren Kampfe befinden? Ans der Tagesordnung der nächsten Sitzung, steht jener Antrag, welcher in Oesterreich die deutsche Staatssprache gründen will, und dieser Antrag geht von der liberalen Partei aus. Wie soll auch Caliban, diese von dem größten Dichter ersonnene Gestalt, welche aber den: wirklichen Leben nicht so fremd ist, als man gewöhnlich glaubt, etwas Ernstes wollen, etwas Ernstes schaffen? M. Wien, 7. Mürz. Es gicbt im Leben des Individuums lind der Gcsammthcit Momente, die so lautes Zcugniß für das Walten einer allmächtigen Vorsehung ablegen, daß auch der Skeptiker mit den pharaonischen Gelehrten zngestchen müsse: Hier ist ein Fingerzeig Gottes! Ein solcher Fingerzeig ist der jetzt endgültig entschiedene Mordprozcß gegen das Ehepaar Moses und Gitcl Ritter. Dasselbe war bekanntlich der Ermordung der Dicnstmagd Franziska Mnich angeklagt. Eine beklogenSwerthe Verirrung, leider jüdi scher Seite, trug dazu bei, der Annahme eines Mordes ״auö rituellen Ursachen" eine allerdings schwache Stutze zu gewähren. Diejenigen, welche sich einen solchen Irrthum vorznwerseu haben, tragen gewiß schwer daran. — Der ganze Prozeß ist eine fortgesetzte Kette von Ungeheuerlichkeiten, ans die ich heute nicht eingehen null. Die Geschworenen in Nzeszow sprachen MoseS und Gitcl Ritter schuldig, der Gerichtshof erkannte auf Tod durch den Strang. Es wurde die Nichtigkeilsbejchwcrde eingelegt. Der Kassationshof zn Wien, das oberste (Gericht der Monarchie, gab der Beschwerde Folge und kassirte die erste Prozedur. Die Sache kam an das Krakauer Gericht. VersüllendcS Verdikt der Geschworenen, TodeSurtheil, Nichtigkeitsbeschwerde, Kassation wiederum. Dasselbe Schauspiel darauf zitm dritten Male. Vcrnrthcilung zum Strang durch den Krakauer Gerichtshof! Jetzt reichte der Hauptvcrthcidigcr, Hofrath Simvnowitsch, die Nichtigkeitsbcschwcrdc wiederum ein, beantragte aber zugleich die gänzliche Frcisprechnng der drei Mal zum Tode Verurtheilten durch den KassationSgerichtshof selbst. Eine solche Freisprechung durch den obersten Gerichtshof erheischt aber vollständige Einstimmigkeit sänuntlicher Gerichtsmitglicdcr und der Staatsanwaltschaft. Und diese ist in diesem Falle erfolgt. Also bvcinial schuldlos zum Tode vcrurthcilt und endlich glänzend freigesprochen!; Ein solcher Fall dürfte in den sorensischen Annalen sonder Gleichen dastehen. Soll inan hierin nicht den!Finger Gottes erkennen?! * Zrraiin, (Mähren). In der Zeit vom 4. bis! 16. Februar fand vor den! hiesigen Schwurgerichte ein | Prozeß statt, der bei Weiten! nicht das Aussehen heri vorgerufcn hätte, welches er thatsächlich hervorrief, wenn; nicht im Laufe bcr Verhandlung Vorfälle sich ereignet; hätten, die an die Tisza-Eszlarer. Vorgänge lebhaft : erinnerten. Der Pferdehändler Heinrich Herzog (Jude) und der Lederhändler Philipp Weiniger (Jude) anS Mislitz hatten den Bürgermeister Franz Ln tz beschuldigt, : daß er dem ersleren die Nippen gebrochen habe, und war auch wirklich Lutz am 26. Juli 1884 vernrtheilt worden; dem Vernrtheilten gelang es aber, ein Gutachten der Wiener medizinischen Fakultät, wobei Professor ■Di3 .׳. & uu brat als Referent fungirte, zn erwirken, welches siclsun Gegensätze zn vier vor Gericht vcrnomniencn praktischen Aeczten dahin anssprach, daß die fraglichen Rippcnbrüche keine frischen, sondern schon vor Jahren durch einen Pferdehnsschlag erlittene seien. In Folge dessen wurde gegen Herzog und Weiniger die Anklage wegen Verleumdung und falschen Zeugnisses, gegen letzteren (einen notorischen, überaus gehaßten Wucherer) überdies wegen Widersetzlichkeit cingcleitct. Die Verthcidigcr der beiden Angeklagten, die Herren Dr. Elbogcn und Dr. Renda anS Wien beleuchteten den geringen Werth des Fakullätgutachlens, das nicht auf unmittelbarer Wahrnehmung beruhe, sondern, wie sich Dr. Elbogcn ausdrückte, auf ״lückenhastcin, unvollständigem, zudem durch die persönlichen Eindrücke des UntersnchnngSrichters verwischtem, einseitig dargcstelltem Material." Herr Dr. Elbogen schloß mit den Worten: ״Die vollste, uneingeschränkte Schuldlosigkeit dieses arnrcn Mannes ist meine tiefste, innerste Ueberzeugung. So wahr mir Gott helfe!" — Sein charakteristisches Gepräge erhielt abcn ׳ dieser Prozeß durch das Vorgehen des Präsidenten - O.-L.-G.-N. Smntuy, welcher sich darin gefiel, den jüdischen Jargon spöttisch zu imitircn. ..Ai waih, ai waih," ließ sich der Herr Präsident vcrnchmcn, oder ,,Eppes e soi, ün eppcs e soi, ün cppeS nischt." Ein anderes Mal wieder fertigte der Herr Präsident den (jüdischen) Vertheidigcr Dr. Elbogcn mit den Worten > ab: ״Redcn's meinetwegen bis morgen früh." Man