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Jeschurun · 1886-03-10 · Heft 10 (10.3.1886) · p. 155

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 10 (10.3.1886)
Article
Österreich-Ungarn : Wien [Nachricht]
Date
1886-03-10
Page
155 (sequence 2)
Language
German
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gute Eigenschaften, deren sich die Allgemeinheit erfreut, auch an den Einzelnen nicht mehr zu erkennen und nicht zu würdigen. Ich werde die Fehler der Juden nicht entschuldigen, denn das ist ja znzngebcn, daß sic Fehler haben, wie jede andere Partei, NcligionS- I gcnossenschast, jedes Volk u. s. w. sic auch hak; aber andererseits gehört kein großer Scharfsinn und keine besondere historische Kcnntniß dazu, einzuschcn, daß ihre Fehler ganz andere sind, wo sic in der Unkultur stehen und verfolgt werden, als dort, wo ihnen das bürgerliche Leben, alle Gewerbe, Handel und Industrie offen stehen. Wenn der galizischc kleine Handelsjnde, der alltäglich mit Füßen getreten wird, eine arme feige Seele ist, so ist Las wahrhaftig kein Wunder. Wenn wir nach Frankreich sehen, so finden wir, wie der Armee mehrere hundert Offiziere angehörcn, welche Inden sind, darunter fünf Generale. Schon Mirabcan hat im vorigen Jahrhundert cs ausgesprochen, daß, wenn man die Inden zu besseren Menschen und nützlichen Bürgern machen wolle, man alle erniedrigenden Scheidungen beseitigen und ihnen alle Wege der Subsistenz öffnen müsse. Ich schließe indem ich noch Folgendes sage.׳ Ich wünsche, daß sich die gesunden Elemente aller Nationen und Konfessionen die Hand bieten möchten zur Unterdrückung der antifcmU tischen Allüren, damit durch das Eindämmcn derselben nicht die Geister verwirrt, nicht die Herzen und Gemüthcr verroht werden, und damit man nicht nach Jahren in Bezug auf die Bewegung und die Verkümmerung der Gemnther so sagen könne, wie Klopstock in seiner Ode an Kaiser Joseph: ״Wen faßt des Mitleids Schauer nicht, wenn er sicht, wie unser Pöbel Kanaans Volk entmenscht?" (Lebhafter Beifall und Händeklatschen links; Redner wird von seinen Parteigenossen beglückwünscht.) Die ״N. fr. Pr." bemerkt zu dieser bcachtcnswerthen Verhandlung: Die Debatte über die Einführung einer Börsenstcner hat in der heutigen Sitzung des Abgeordnctenhanscö zu einer höchst bedeutsamen Kundgebung geführt. Man wird sich erinnern, wie die.antisemitischen Abgeordneten selbst die Diskussion über eine rein wirlh׳ schaftliche und finanzielle Frage dazu benutzt haben, um das Gift deS Rassenhasses zu verspritzen, wie sic das Parlament dadurch.herabwürdigten, daß sie einen Ton in dasselbe einsnhrten, welcher jeden gebildeten Menschen, mag er welcher Ansicht immer sein, aufs Tiefste verletzen und abstoßeu muß. ES ist nicht der Haß gegen die Juden, welcher diesen Menschen einen so cigenthümlichen Stempel verleiht, sondern die leidenschaftliche Abneigung gegen alle Kultur, gegen alles Hohe und Edle, was die moderne Zeit hervorgebracht, gegen jene bürgerliche Gesittung, welche das Produkt der philosophischen Forschung, der politischen Umwälzung und der wahren Menschlichkeit ist. Gegen diese Acußerung der politischen Verwilderung und der sozialen Ausschreitnng wendete sich nun der Abgeordnete Haase, und seine Rede wird um so größere Wirkung Hervorrufen, j| als es ein edler protestantischer Priester ist, welcher in H Erinnerung an die Leiden der reformirtcn Kirche, an j) I den Kampf seiner Glaubensgenossen um die Gleich- H berechtigung, sich gegen jede religiöse Unduldsamkeit, s) gegen den brutalen Kampf der Nassen verwahrt und! damit gleichsam die Verirrungen eines Stöcker verj;; urtheilt, welche auch der Thronfolger des deutschen Reiches j; als eine Schmach für unsere Zeit gcbrantmarkt hat. 1;.? Mit einem unsäglichen Gefühl der Bitterkeit muß man h leider koustatiren, daß mit dieser Krankheit vorwiegend das deutsche Volk behaftet ist, welches sich im osterrcichischen Parlamente in der Minorität befindet, und in dein harten Kampfe um seine Existenz, um die Wahrung seiner Stellung gerade die Juden in Böhmen und Mähren in so großerZahl als treueKämpfer an scinee Seite gefunden hat. Die Worte, welcher dieser Mann heute gesprochen hat, werden einen kräftigen Nachhall in der Bewölkerung finden. Aber eS ist beschämend, anerkennen zu müssen, daß Angesichts unserer öffentlichen Verhältnisse, angesichts der Schüchternheit, welche auch die liberalen Parteien in der Bekämpfung des AutiseinitiSmus beknudcu, es einen hohen Muth bezeugt, wenn der Abgeordnete Haase durch seine Ausführungen an die Traditionen des unsterblichen Schleiermacher augcknüpft hat. Der Antisemitismus, sagt der protestantische Theologe, ist die Verleugnung der allgemeinen Hunianität, der Sittlichkeit und der Christenlicbe, und es ging eine ernste Bewegung durch das Haus, als auch der katholische Prior Possclt bei diesen Worten seine - Zustimmung zu erkennen gab. Die große Theilnahme, mit welcher alle großen Parteien der Rede des Abgeordneten Haase folgten, steigerte sich, als er wehmüthig ansrief: Wir sind in den Traditionen der Menschenliebe erzogen worden, wir lebten freudig dem Gedanken, daß diese Ideen sich immer mehr Bahn brechen werden. In welcher Täuschung aber befindet sich der Abgeordnete Haase! In welche Welt veraltctcr Vorstellungen Hai er sich verirrt! Humanität'? Wer spricht heute noch von so vornehmen Empsindnngen? Macht ist Alles. Die antisemitische Literatur hat das herrliche Wort von den ״Wirthsvölkern" erfunden, und so giebt eS Bürger, welche nur Gäste im Staate sind, die, wenn sie irgendwie unbequem sind, jeden Tag vor die Thür gesetzt werden können, denen nian die Fähigkeit abspricht, den Patriotismus mit der ganzen Gluth des Herzen zu erfassen, die keine dauernde Hcimarh, kein Vaterland erwerben können. Wer sollte sich dieser Auffassung widersetzcn? Humanität und Gleichberechtigung, das ist nur eine moratische Macht, die sich nicht ans Bajonnctte stützt, und der Antisemitismus ist die Apotheose der physischen

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