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Jeschurun · 1886-03-03 · Heft 9 (3.3.1886) · p. 136

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 9 (3.3.1886)
Article
Wandelungen
Date
1886-03-03
Page
136 (sequence 3)
Language
German
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Drehend ballte sie die Faust. ״Thörin! Thörin! wahnsinnige Thörin! — mir daS zu bieten! — Das sollst Du büßen!" Sie brach in ein heiseres Hohnlachen auS, dann aber schlichtete sie hastig ihre Effekten in den großen Ncisekosfer, schob den Riegel an der Thür zurück und zog die Glocke. Dem herbcieilcriden Diener befahl sie, ihr rasch einen Wagen zu besorgen, da sie unverzüglich abreifen müsse, und bevor noch eine halbe Stunde vcrstrichen war, vernahm Adele das Rollen des Wagens, der ihre ehemalige Freundin dem Bahnhofe zuführte. Unwillkürlich trat sie zum Fenster und blickte hinaus. Minna gewahrte sie. Bereits vollständig wieder Herrin ihrer selbst, nickte sie grüßend hinauf. Adele erwiderte den Gruß und verweilte am Fenster, bis der Wagen ihren Augen entschwunden war. Dann athmete sie, wie von schwerer Last befreit, hoch auf. Hatte sie doch endlich mit kühner Hand düs Netz zerrissen, mit dem die schlaue Freundin seit neun Jahren sie umgarnt gehalten. Und dennoch, dennoch hatte sie die Mahnung an die Pietät, die sie dein Andenken ihres verstorbenen Gatten schuldete, tief in das Innerste ihres Herzens getroffen. Aber Minna Mcsenhem hätte diese Mahnung nicht aussprechcn dürfen, in Minnas Munde ward sie zur Blasphemie. War doch sie cs gewesen, die durch sophistische Phrasen die Wittwe dereinst zum Wortbrnch gedrängt, sie verleitet hatte, mit den Traditionen ihrer Familie zu brechen, an denen der edle Verstorbene mit Herz und Seele gehangen. — Und jetzt glaubte sie cs!vage» zu dürfen, von Adelcns Pietätlosigkeit gegen ihren verstorbenen Gatten zu sprechen! Höhnisch kräuselte Adele die Lippen und doch wie in verhaltenem Schmerz. Was hätte sie darum gegeben, hätte sie ihren damaligen Trcubrnch rückgängig machen können. — Nicht daß sie ihr eigenes!!!!jüdisches Leben bereut. Adele hatte, wir haben es bereits erwähnt, die spezifisch jüdischen Pflichten zwar ehedem gehalten, doch nur theils ans Gewohnheit, theilS aus Rücksicht auf ihren Gatten. Sie selbst hatte niemals Werth darauf gelegt. — Doch hätte nicht die Pietät gegen ihren verstorbenen Gatten sie;um Mindesten veranlassen sollen, ihr Kind in seinem Sinne zu erziehen? cs wenigstens jene Lehren kennen lernen zu lassen, die dem Vater als das Höchste gegolten? — Doch Minna Wieseuhcin hatte sic nicht an ihre Pietätlosigkeit mahnen dürfen. — Nie hätte sic daran gedacht, jene Haushälterin zu entlassen,. der der Berstorbene so großes Vertrauen geschenkt — hätte nicht Minna sie dazu gedrängt. — Und jetzt erkannte sie es nur allzu wohl, weshalb die schlaue ränkesüchtige Frau alle jene Personen, von denen sie uneigennützige, treue Anhänglichkeit für ihre Tochter erwarten konnte, zurückgedrangt hatte. Und Bclla's Geschick, Bella's nächste Zukunft lag in den Händen ihres Vormunds, des gewissenlosen Gatten jener gewissenlosen Frau. — Frau von Merten seufzte schwer. Arme Bella! sic mußte eS büßen. — Die Fürsorge des sterbenden Vaters trachtete, einen väterlichen Freund ihr zu sichern, der Unverstand ihrer thörichten Mutter hatte sie um denselben betrogen. ״O, daß mein Wortbrnch nur an mir sich räche und uicht au meinem Kinde!" flüsterte sie und versank von Neuem in trübes Sinnen. Dämmerung war hercingebrochen. Von außen her vernahm mau eine Helle Müdchcnstimme. ״Kommen Sic herein, Herr von Mühler, Sie sind noch Rekonvaleszent, die Abcndluft könnte Ihnen schaden." Die Thür ging auf, und herein trat oder hüpfte vielmehr ein zartes, schlankes Mädchen von ungefähr fünfzehn Jahren, ihr folgte ein innger Mann in eleganter Ziviltracht, den rechten Arm in der Binde. ״Guten Abend, Mama! wie, Du bist noch im Finstern und allein? wo ist denn Frau Doktor?" ״Frau Doktor Wieseuhcin ist abgercist." ״Abgereist!" jubelte Bella, ״das ist ja herrlich, das ist wunderschön! Aber kommt sie nur uicht bald zurück?" ״Ich glaube nicht, daß wir sie in nächster Zeit Wiedersehen." ״Herrlich! herrlich! Aber sage mir nur, liebe Maina, welch ein himmlischer Geist ist denn in Frau Doktor Wiesenhein gefahren, daß sie so liebenswürdig war, uns von ihrer Gegenwart zu befreien?״ ״Bella!" mahnte die Mutter mit einem Seitenblick aus den jungen Mann; aber das junge Mädchen warf muthwillig lachend die Locken zurück. ״Ach, Mama, Herr von Mühler hat so gut wie ich Frau Doktor Wicsenheins Anwesenheit als Pönitenz belrachtcl." ״Bitte, bitte, mein Fräulein, ich wüßte doch nicht —" ״Daß Sie dieses gesagt hätten? — ei, freilich nicht. Aber angesehen habe ich's Ihnen nur allzu deutlich." ״Und Sie halten den Vlick Ihrer schönen Augen dein nach für unfehlbar?" ״Ganz gewiß," lachte das junge Mädchen, ״meinen Augen entgeht nichts, uicht einmal, daß die Nachtluft Ihre Wangen noch um einen Ton bleicher färbt. Du erlaubst doch, Mama, daß ich die Fenster schließe?" (Fortsetzung folgt.)

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