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Jeschurun · 1886-03-03 · Heft 9 (3.3.1886) · p. 135

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 9 (3.3.1886)
Article
Wandelungen
Date
1886-03-03
Page
135 (sequence 2)
Language
German
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135 selben allerdings nicht gradezu glänzend zu sein. Aber Bella ist eine Erbin, und ihr großes. Vermögen setzt sie wohl in den Stand, bei der Wahl ihres zukünftigen Gatten nicht ans Geld sehen zu müssen." Minna starrte die Freundin mit weit aufgerissenen Augen an. ״Aber — aber —" stotterte sie ״das geht doch keinesfalls — ich wenigstens habe die feste Ueberzengung, daß Wiesenhcin nie seine Einwilligung zu einer solchen Verbindnng geben würde." ״Und warum nicht, wenn'S beliebt?" ״Warum nicht? — Ei, das liegt ja aus der Hand. — Weil — nun ja — weil Bella Jüdin ist, und Herr von Mn hier ist Christ." Frau von Merten zuckte die Achseln. ״Das ist in heutiger Zeit kein Hinderniß." ״Unmöglich!" rief Frau Doktor Wiesenhcin, ״nein, Adele, so weit könntest Du die Pietätlosigkeit gegen Deinen seligen Gatten nimmer treiben, daß Du>seine Tochter einem Christen vermählen wolltest." ״Du, Du sprichst mir von Pietät gegen meinen seligen Gatten!" rief Adele mit bitterem Lachen. ״Aber da es zwischen uns Beiden nun einmal so weit gekommen ist, so w!ll ich Dir offen und rückhaltlos gestehen, daß ich Dich und Deinen würdigen Gatten vollkommen durchschaue, und daß ich die Stunde beklage, ja verwünsche, in -er ich mich von Dir verleiten ließ, den letzten Willen meines seligen Mannes zu verachten." ״Adele! — Großer Gott, Du weißt nicht, was Du sprichst!" ״O," entgcgncte Adele hastig, ״jetzt weiß ich nur allzuwohl, waS ich spreche, aber vor neun Jahren, als der Schmer; um den Verlust des besten Mannes mich nahezu zermalmtmich völlig willenlos gemacht hatte, als ich mich damals durch gleisnerische Worte bethören ließ, darum nachzusuchen, daß Doktor Wiesenhein zu Bclla's. :Vormund ernannt werde — wenn Du mir damals gesagt hättest, ich wüßte nicht, was ich spräche! — O, wie bethört, wie hirnlos habe ich gehandelt!" Sic schlug sich mit der Hand gegen die Stirn. ״Doch was klage ich mich an! — ohne mein Ersuchen hättest Du es mit Deinem säubern Vetter, dem damaligen Bürgermeister von W...., wohl auch zu Stande gebracht." ״Aber Adele! um des Himmelswittcn, Deine Leidenschaftlichkeit läßt Dich jede Rücksicht vergessen. Was Du sagst, verniagst Du nicht zu verantworten. Was haben wir denn gethan? — wessen klagst Du uns an?" ״Was Ihr gethan habt? — wessen ich Euch anklage? — wozu es wiederholen, Du weißt eS so gut wie ich. — Aber was ihr thuu wollt, was ihr beabsichtigt, das will ich Dir sagen. — Du bist zwar ungleich klüger als ich und hältst mich für sehr, für außerordentlich beschränkt. Aber trotzdem durchschaue ich'S vollkommen, daß Ihr nicht mehr und nicht weniger beabsichtigt, als Euch des Vermögens meiner Bella zu versichern. Und darum bin auch ich überzeugt, daß ihr hochweiser Vormund nie und nimmer ihre Verbindnng weder mit Herrn von Mühlcr noch mit irgend einem Andern gestatten wird, sondern mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln streben wird, sie an seinen eigenen blasirten Sprößling zu verkuppeln. — Doch das wird Euch nicht gelingen," fügte sie heftig hinzu. ״Mag nun Bella Herrn von Mühler wählen;'oder irgend einen Andern, Euer Alfred bekommt sie nicht. — Denn trotz ihrer Jugend und ihres heißen Blutes hat sie einen eisernen Willen, und wenn eS nicht anders geht, wird sie die Zeit bis zu ihrer Großjährigkeit als Mädchen verstreichen lassen und dann erst ihre Wahl treffen." In Frau Doktor WiescnheinS Antlitz wechselte die Ginth der Scham, sich von der beschränkten Freundin so vollkommen durchschaut zu sehen, mit der Gluth deö Zornes über deren höhnische, rücksichtslose Worte. — Hochansgcrichtct stand sie da, ihr rottendes Auge sollte Verachtung ausdrücken, es lag jedoch weit mct>r zornige Verlegenheit darin. Endlich sprach sie mit bebenden Lippen: ״Die Anklagen, die Du mir entgegen schleuderst, sind so niedrig — so — so — so überaus gemein, daß meine Ehre mir verbietet, auch nur eine Silbe darauf zu erwidern. — Aber kommen wird der Tag —" Hier hob sich Stimme und Arm, und wie in prophetischer Voraussicht fuhr sie fort: ״Kommen wird der Tag, an dem Du eS bitter bereuen wirst, Deine beste, Deine trenefte Freundin so verkannt, so von Dir gestoßen zu haben. — Lebe wohl, Adele, ich verzeihe Dir. — Ich war Dein Gast — Du hast die heiligen Gesetze des Gastrechts verhöhnt, mit Füßen getreten — hast Deinen Gast beleidigt, verhöhnt. — Ich war Deine Freundin, Deine treueste Freundin, die stets die eigenen Interessen den Deinen uachgestellt — die immer und immer ihr eigenes Wohl dem Deinen geopfert hat — und Du behandelst mich so! — Aber dennoch verzeihe ich Dir!" Gemessenen Schrittes, das Haupt stolz zurückgeworfen, näherte sie sich der Thür, ans der Schwelle blieb sie stehen, wandte sich um und wie schmcrzerfüllt noch einen Blick auf ihre bisherige Freundin richtend, sprach sie mit erstickter Stinnne: ״Lebe wohl, Adele׳!" Dann drückte sie ihr Battisttnch vor die Angen und stürzte hinaus. Sie eilte in das ihr zugcwicsene Zimmer, warf die Thür ins Schloß und schob den Niegel vor, und nun brach auch ihre bisher bewahrte Fassung zusammen und rückhaltlos überließ sie sich den stürmischen Gefühlen, die ihre Brust durchwogten.

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