Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 9 (3.3.1886)
- Article
- Das Preuß. Judenedikt vom 11. März 1812
- Date
- 1886-03-03
- Page
- 133 (sequence 3)
- Language
- German
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133 wie das Votum der Kultus- und Unterrichts ׳- Sektion im Allgemeinen und im Vergleich mit ihren Kolleginnen erscheint, so eigenthümlich ist die Beleuchtung, in welche dasselbe durch ihre Auslassung über die den kirchlichen Zustand der Juden regelnden Bestimmungen gesetzt wird. Schrötter hatte festgesetzt, daß Synagogen nur in den Städten errichtet werden dürsten, und daß eine jüdische Kirchcngcmcindc aus mindestens 50 Familien- Häuptern bestehen muffe. Dagegen wurde aber von ihr eingewendet, ״daß dieses das nähere Zusammenwohncn der Juden befördere, da man doch sonst vielmehr ihre Zerstreuung und Vermischung mit der übrigen Nation beabsichtige." Gegen die vorgcschlagcue Bestellung eines Obcrrabbiucrs in Berlin zur Aufsicht über alle jüdischen Kirchengcmcindcn bemerkte Humboldt, daß dieses ״der kirchlichen Verfassung der 311bcn ncnc Stärke und Einheit gebe, und daß man viel!!:ehr das Band zwischen den einzelnen jüdischen Kirchen unb Gemeinden recht locker machen und Schismen befördern müsse." (!!) Das ״Todtschlagen des Jndenthums״, mit welchem der joviale Brand die SchrÖtter'schc Absicht zum ״unblutigen Todtschlagcn der Juden" beantwortete, scheint demnach auch Wilhelm von Humboldt sympathisch gewesen zu sein. (Fortsetzung folgt.) Iiikil in der Miste S'flijttrit. Heber die in diesem traurigen Erdstrich lebenden Israeliten ist bis jetzt fast nichts bekannt geworden. Der ״Jewish World" tycilt in seiner jüngsten Ausgabe das Folgende mit, welches unseres Erachtens jedoch der Bestätigung bedürfen niöchte. Ein Reisender be-׳ richtete, daß er vor etwa fünf Jahren ans einer Tour von Tripoli nach Malta ans dem Schisse die Bekannt-׳ schaft eines MnhamedancrS!nachte, welcher sich Hassan Nazis nannte, ein Sohn des Kadi von Jknba und Imam von Keula war. Er befand sich schon achtzehn Monate unterwegs, um das Grab Mnhamcdö zu besuchen. . Als er bemerkte, daß der Reisende Thefillin anlcgtc, erzählte er ihm, daß er ans seiner Wanderung durch die Wüste Sahara in Ghat, an der Westgrenze von Fezzan, welche Stadt von einen! unabhängigen Scheit regiert wird, Aufnahme in dem Hanse eines Kaufmanns, Namens Mustapha, fand, wo er während einer Krankheit verpflegt wurde. Eines TageS sah er, wie sein Wirth in einem Buche lab, dessen Zeichen ihm unbekannt waren. Er fragte ihn nach der Beschaffenhcit des Buches, woraus Mustapha ihm einen Eid abnahm, daß er nicht verrathe, was er ihm mittheilcn!volle. Er sei nämlich kein Muselmann, sondern ein Jude und das Buch sei eine hebräische Bibel, welche er aber nur lesen aber nicht verstehen könne. Er erzählte ihm ferner, daß seine Vorfahren sich in Ghat bald nach dein Tode Königs Salomo niedergelassen hätten, da sie hier Goldminen entdeckt. ES lebten noch mehrere Inden in der Stadt, welche sich gleich ihn! öffentlich zum Islam bekennten, und zwar ans Furcht vor der Bevölkerung, aber im Geheimen die Religion ihrer Voreltern ansübten durch Gebet und Opfer im Namen Mosis und Königs Salomo. — So lange er in dcrn Orte war, habe er dieses Gehcimniß bewahrt, jetzt aber sei er nicht mehr an seinen Eid gebunden und meine, den Renten einen Dienst zu erweisen, wenn er dieses ihren Glaubensgenossen in andern Ländern initthcile. Der Reisende schenkte jedoch dieser Erzählung wenig Glauben, aber in Malta angekommen, erzählte er es dem Rabbiner von Tripoli, welcher gerade dort anwesend war. Dieser war aber der Ansicht, daß viele der Einwohner von Ghat Abkömmlingc der ״Zehn ׳Stämme" wären, welche sich vor der Zerstörung des ersten Tempels daselbst niedergelassen hätten. Einige Monate darauf traf der Reisende in Venedig einen in Tripoli wohnhaften italienischen Kaufmann, der in Ghat gewesen war und das Land genau kannte. Dieser erzählte ihm, daß es keinem Zweifel unterläge, daß ein großer Thcil der Einwohner von Ghat jüdischen Ursprungs wäre. Da diese sich aber in keiner Weise von der übrigen Bevölkerung anSzeichnen, so könne man nur nach sehr langer und genauer Bekanntschaft einen charaktcrischen Unterschied wahrnchmen. Auch die Mnhamedancr wissen, daß viele unter ihnen von alten Israeliten abstammen, da sic aber sämmtlich sich zum Islam bekennen, so belästigen sie sic nicht. Was die Angabe Mnstaphas anbetrifft über die geheime Ausübung der jüdischen Religion, so vermochte der Kaufmann dieselbe weder zu bestätigen noch in Abrede zu nehmen. Hinsichtlich ihrer Abstammung war er jedoch der Ansicht, daß sie Nachkommen der Gefangenen wären, welche nach der Zerstörung deS zweiten Tempels von den Römern fortgeschleppt wurden. Es ist bekannt, daß 60 000 Juden damals nach Sardinien gebracht wurden, um in den Bergwerken zu arbeiten. Sv uuirc cü wahrscheinlich, daß auch zu den! gleichen Zwecke einige nach Ghat vorschickt sein möchten. Es wäre auch möglich, daß sie von tunesischen Juden abstammten, von welchen mehrere Hundert nach der Invasion der Vandalen in Tunis dorthin geflohen wären. Im Laufe der Zeit hätten sic ihre Religion vergessen und die Gewohnheiten der Eingeborenen angenommen. Sie unterschieden sich von den andern Eimvohnern nur durch die Vornahme der Beschncidnng am achten Tage und die Enthaltung von schwerer Arbeit am Sabbath. Sie bekennten sich übrigens auch selbst zu ihrer israelitischen Herkunft,