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Jeschurun · 1886-02-25 · Heft 8 (25.2.1886) · p. 120

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Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 8 (25.2.1886)
Article
Wandelungen
Date
1886-02-25
Page
120 (sequence 3)
Language
German
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120 Gatten nie erwähnt, hatte nie nach Nachrichten vom Kriegsschauplätze gefragt. Still und sanft lag sie da, mit freundlichem, doch unsäglich traurigem Lächeln für jede 2Utfmcrffamfcit dankend, und als sie kräftiger wurde, es oft beklagend, daß sie und ihr Kind ihren Schwiegereltern so viele Last verursachten. Wenn sic nur recht bald wieder gesund würde, da wolle sie arbeiten für sich und ihr Kind und danach streben, Alles zu vergelten. * Der Krieg war zu Ende und selbst die Gegenden, in denen er gewüthet hatte, nahmen allmählich ihren friedlichen Charakter wieder an. Friedlich und reizend wie immer, erschien auch die Gegend von Kissingcn, dem aninnthigen Kurort.?, cw.S den: vor wenigen Wochen die Schrecken des Krieges die Badegäste verscheucht hatten. Auf der Veranda einer zwischen den Bergen ziemlich versteckt liegenden Billa befinden sich zwei Damen. Während die eine, die zartere von beiden, träumerischen Blickes in die Gluth der sinkenden Sonne schaute, schritt die andere, eine hohe, imposante Gestalt mit ausdrucksvollen Zügen, in denen sich jedoch unverkennbar eine gewisse Ungeduld widerspiegelte, hastig auf und nieder. ״Wie gesagt, liebe Adele, ich begreife Dich nicht, daß Du in dem steten Verkehr Deiner Bella mit dem jungen Braune keinen Auslos; findest." ״Aber, beste Minna, ich muß gestehen, daß ich wiederum Dich nicht verstehe. Tödtlich verwundet siel der junge Mann hier vor unserem Hanse. Bella sah ihn sinken und ohne der eigenen Gefahr zu achten, lehnte sie ans dem Fenster und ries seinem Kameraden zu, ihn herein zu tragen. Meiner Cinwillignng war sie sicher und benachrichtigte mich daher erst hinterdrein. Nasch hatte sie in einem kühlen Partcrrcstübchen ein Lager für ihn bereitet, befahl den beiden Soldaten, die den Verwundeten gebracht hatten, schleunigst einen Arzt zu senden. Und nachdem dieser erschienen, den ersten Verband angelegt und die genauesten BerhaltnngSregeln erthcilt hatte, wich sie nicht mehr vom Lager ihres Schützlings, den sie mit wahrhafter Aufopferung wochenlang pflegte. Icb sage Dir, ich bin stolz aus meine Tochter. Ein fünfzehnjähriges Mädchen, so hochherzig und edel und dabei so umsichtig und selbständig " Frau Doktor Wicscuhein zuckte die Achseln. ״Du kannst Deine Tochter nicht mehr bewundern als ich cS Ihne. Bella ist ohne Zweifel in jeder Beziehung ein herrliches, ausgezeichnetes Mädchen. Trotzdem würde ich eS jetzt augezcigt finden, nachdem der Verwundete doch nahezu genesen, den Umgang mit ihm einigermaßen zu beschranken." - Adele schüttelte den Kopf.״ ׳Du .kennst Bella nicht.. Ich habe sie allerdings nach Deinen Grundsätzen erzogen, aber eS ist doch beinahe eia Jahr, seit Du sic nicht gesehen Hast, und feitbem hat sie' sich ganz herrlich entwickelt." ״Willst Du damit sagen, daß Du keinen Einfluß auf sie besitzest?" Frau von Merten crröthcte leicht. ״DaS gerade nicht — aber —״ ״Aber Dein selbständiges Töchterlcin ist Dir über den Kopf gewachsen," siel Minna ein, während ein verächtliches Lächeln ihre Lippen umspielte, ״da sehe ich keinen andern Ausweg, als daß der Vormund sich ins Mittel legt." ״Minna!" rief Frau von Merten, während dunkle Röthe ihr sonst bleiches Antlitz überzog, ihre Augen funkelten in zorniger Erregtheit. ״Nuhig, liebes Kind, ruhig!" and wie beschwichtigcnd legte Frau Doktor Wiescnhein ihre Hand auf AdeleS Schulter und ließ sich an der Freundin Seite nieder.- ״Wohin gerathcn wir, theuerste Adlce? — sollen wir, die treuesten, langjährigen Freundinnen, uns nicht mehr mit einander ׳verständigen' können?" ״Wenn Du Dir Eingriffe in meine Mntterrechtc erlaubst, hört jede Verständigung zwischen nnS auf." murmelte Adele mit bebenden Lippen. Minna ließ ihre Hand von AdeleS Schulter an deren zarten Taille niedergleiten und zog sie näher an sich. ״Dein Vorwurf trifft mich hart," entgegncte sie jaust. ״Aber trotzdem freut eö mich, daß endlich einmal über Deine Lippen gekommen, was Dich seit Jahren drückt und was Dich, leugne cs wenn Du kannst, aus nnserm schönen L.... vertrieben hat." ״Ich stelle eS durchaus nicht in Abrede," versetzte Eibele gepreßt, ״sondern gestehe Dir vielmehr ganz offen, daß cS mir mit der Zeit unerträglich geworden war, mich von Dir bevormunden zu lassen, mib daß ich einzig und allein aus diesem Grunde mich hierher zurückgezogen habe." ״Du verwechselst Dich selbst mit Deiner Tochter und mich mit meinem Manne, dem Vormund Deiner Tochter. Daß aber ein Vormund seine Mündet bcvormnndet, wenl könnte da-S seltsam erscheinen?" ״Auch der Vormund darf nicht in die Ncchte der Matter cingreifen." ״Die Rechte des Vaters stehen ihm jedoch zu, und er hat daher nicht nur daS Recht, sondern sogar die Pflicht, dafür zu sorgen, daß die Erziehung seiner Mündel seinen Intentionen entspreche." ״Und welches sind die Intentionen Deines ManncS?" fragte Adele gereizt. (Fortsetzung folgt.)

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