Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 8 (25.2.1886)
- Article
- Wandelungen
- Date
- 1886-02-25
- Page
- 119 (sequence 2)
- Language
- German
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119 Schlaf genügend crquicft, Hai Le ihren Platz an Tirza'S Bette wieder eingenommen, ihr hatte er die nothwendigen Instruktionen ertheilt und war nun im Begriffe sich zu entfernen. Der Wirth eilte ihm entgegen. ״Schläft sie noch? schläft sie ruhig?" ״Ganz ruhig, Sie können unbesorgt sein, mit Gottes Hülfe wird sie Ihnen erhalten bleiben." ״Herr Doktor!" rief der Wirth, des Andern Hand ergreifend und sie innig drückend, ״nimmer werde ich's׳ Ihnen vergessen, was Sie an uns gethan haben. — Herr Gott im Himmel! wenn ich bedenke, was der Max getrieben hätte, wenn er heim gekommen wäre und hätte seine Tirza nicht gefunden! — Gott sei Dank! — Gott und Ihnen, Herr Doktor, sei Dank, daß ich mich wieder freuen kann auf die Heimkehr meiner Söhne." Wenn cs auf ihn allein angekommen wäre, so hätte er wohl die Nacht durchgeplaudert mit dem Doktor, doch dieser sehnte sich nach Ruhe und ließ sich nicht lauge mehr halten, und als er sich nun wieder allein befand, da machte denn doch die Natur ihr Recht geltend. Mit inniger Andacht verrichtete er sein Nachtgebet, suchte dann sein Lager auf, und schon nach wenigen Minuten umpsing ihn ein ruhiger fester Schlaf, wie er solchen seit Wochen nicht genossen. Sein letztes Wort vor dem Einschlafen war noch ein inniger Dank gegen Den, der die schreckliche Angst der jüngst verflossenen Zeit in Gnaden von ihm genommen. Er schlief scsi und lange, weit länger, als der thätige Mann, der nach Allem selbst zu sehen pflegte, gewohnt war. In dem Gastzimmer herrschte bereits reges Leben, als die Wirthin den Kopf in das Zimmer steckte, und ihr Mann, durch das Knarren der Thür geweckt, die Augen aufschlug und sich verwundert umschaute, daß seine ״Alte" heute vor ihm auf den Beinen. ״Guten Morgen, Vater!" rief sie lächelnd, ״hast Du gut geschlafen?" ״Gut und, wie es scheint, lange," versetzte er, sich die Augen reibend, ״wie spät ist es denn?" ״Neun Uhr vorüber." ״Herr Gott!" mit einem Satz war er aus dem Bette, ״da ist man doch bereits ״ower krias schemaa". Das ist doch in Wirklichkeit nicht erlaubt. Aber wie geht eS denn drüben bei Tirza?" ״Gut, Gott sei Dank! sehr gut! — Der Doktor ist schon da gewesen, er meint, ich könnte vielleicht schon in einigen Tagen mit dem Kinde.zu ihr!" ״Gott sei -Dank! Gott sei Dank!" wiederholte der Wirth. ״Mutter, Mutter, was hätten wir angefangen, wenn es, Gott behüte! nicht so gut ge> worden wäre — und wenn dann unsere Jungen heimgekehrt wären —" ״Wenn sie nur bald kämen, wenn wir nur wenigstenS Nachricht von ihnen erhielten." ״Sorge nicht, mir ahnt, wir erhalten heute noch Brief. Es ist ein. altes Sprüchwort, das Unglück kommt nicht allein. Aber ebenso wahr ist eS, daß das Glück sich gern häuft, und heute ist für und ein GlückStag, Du wirst es sehen." Nach diesen Worten wand er die Gebetriemen tun Haupt und Arm und in freudig gehobener Stimmung verrichtete er seine Morgcnandacht. Dann begab er sich hinüber in das vordere Zimmer, wo bereits mehrere Gäste daö Frühstück einnahmen. Der Postbote brachte die neuen TagcSblätter, der Wirth reichte sie höflich seinen Gästen. ״Wir können thcilen, Herr Müller," sagte einer seiner Bekannten, indem er ihm die eine Hälfte deS Blattes bot, und alle vertieften sich in die Lektüre der Journale, die in dieser unruhigen, bewegten Zeit doppeltes Interesse gewährte. Die neuesten Ereignisse vom Kriegsschauplatz waren gelesen und wurden nun besprochen, als des WirtheS Auge zufällig auf ein Vcrzeichniß von Namen fiel. Unwillkürlich las er sie, sic waren ihm fast sämmtlich fremd. — Da, doch halt! — da war der Name seines ältesten Sohnes ״Feldwebel Max Müller vom .... Regiment." Welch eine Bewandtniß hatte es mit diesen Namen? — warm es vielleicht die Namen Derer, die in Folge ihrer Tapferkeit befördert worden? Er wollte an seinen Nachbar die Frage richten, eine seltsame Angst erfaßte Plötzlich sein Herz, die Sprache versagte ihm. Hastig wendete er daS Blatt um, denn das Verzcichniß begann auf der vorhergehenden Seite, aber seine Hand zitterte so heftig, daß er die Uebcrschnft deö Verzeichnisses nicht sogleich fand. Er legte das Blatt aus den Tisch, beugte sich darüber und las: ״Namen der in der Schlacht bei jKöniggrätz Gefallenen." Mit herzzerreißendem Wcheruf zerriß er sein Obergewand und stürzte zu Boden. Wiederum waren Wochen verstrichen. Tirza'S Genesung schritt zwar langsam, aber stetig vor. Trotz des schmerzlichen Schlages, der sie getroffen und den sie ltimmer verwinden konnte, hatte die Sorgfalt der Schwiegereltern für die Kranke keinen Moment nachgelassen. So schwer cs ihnen wurde, sie halten der Mahnung deö Arztes Folge geleistet und im Krankenzimmer nie eine Thräne vergossen, nie eine Klage laut werden lassen, obgleich die Wirthin schluchzend dehauptete, Tirza habe das Schreckliche weit früher gewußt als sie. Und seltsam war cs in der That, seit sie das Bewußtsein wieder erlangt, hatte sie den Namen ihres