Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 7 (18.2.1886)
- Article
- Wandelungen
- Date
- 1886-02-18
- Page
- 104 (sequence 3)
- Language
- German
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104 L:n Himmel! wenn es wahr wäre! — wenn sie ihn wirklich gesehen hätte! —״ Laut schluchzend drückte sie das Kind an ihre Brust. Ihr Mann halte indessen die noch immer Bewußt, lose Wiederaus das Bett gelegt. ״Unsinn!" entgcgnetc er, aber seine Lippen bebten, ״von hier nach Koniggrätz scharrt keines Menschen Auge. Die Angst hat dem armen Kinde die Sinne verwirrt und sie krank gemacht. Schau, wie die armen Glieder beben. Johann! geschwind laus zum Doktor, er soll gleich kommen." Der Arzt erschien, er sand die Kranke im heftigsten Dclirinrn. Er war ein intelligenter, noch ziemlich junger Mann; seiner Ansicht nach hatte die unablässige Aufregung der unglücklichen Frau ein Nervenfieber zugezogen und vcrordnete er vor allen Dingen die größte Nutze. In dem nicht übermäßig großen, doch stark frcqncntirten Gasthofe war Ruhe nahezu Unmöglichkeit, und ward die Kranke daher auf des Arztes Geheiß in ein ziemlich entlegenes Gartenhäuschcn transporrirt, bis wohin das Lärmen der Gäste nicht zu dringen pflegte. Der Wirth und seine Frau sorgten nach besten Kräften für die Pflege der Kranken, letztere war jedoch oft kaum im Stande, Anordnungen zu treffen, denn sie ließ eS sich nicht ausreden, daß Tirza Wirkliches gesehen. Vergebens bemühte sich ihr Mann, sie von der Haltlosigkeit dieser Annahme zu überzeugen, doch vernrochte er selbst nicht, sich des unheimlichen Eindruckcs zu erwehren, denn die Kranke phantasirte fort und fort von ihrem Gatten, und zwar immer, wie von einem Verstorbenen. So verstrichen eine Reihe langer, angstvoller Tage, die Krankheit schien von Tag .zu Tag sich zu verschlimmern und die so heiß ersehnte Nachricht von den fernen Söhnen traf nicht ein, obgleich Andere von ihren bei der Armee befindlichen Angehörigen auch nach der Schlacht bei Königgrätz Kunde erhalten hatten. Die Eltern waren der Verzweiflung nahe. Es war in der Nacht descinuudzmanzigsten Tages nach Tirza's Erkrankung, der Arzt halte ihre Umgebung darauf vorbereitet, daß die Krisis nahe, und saß nun selbst an ihrem Bette, bangen Herzens die Entscheidung erwartend. Er hatte sic in ihren gesunden Tagen gar nicht gekannt, doch ihre Jugend, die aufrichtige Trauer ihrer Angehörigen hatten das gewöhnliche Mitgefühl deö Arztes mit seinen Patienten um ein Beträchtliches gesteigert. Unhörbaren Schrittes, er hatte die schweren Stiefel am Eingang des GartenhäuschenS abgelegt, trat der Wirth in das Krankenzimmer. Seine Angst hatte ihn im Hause nicht Ruhe finden lassen, er hatte daher die durch viele Nachtwachen bereits ermüdete Wärterin hinausaeschickt und beabsichtigte, am Krankenbette selbst die entscheidende Stunde zu verbringen. Schweigend saßen die Männer einander gegenüber. Des Vaters angsterfüllter Blick haftete oft fragend an dem Antlitz deö beobachtenden Arztes, doch dieser schien ihn nicht zu bemerken. Die Unruhe der Kranken steigerte sich in den ersten Stunden unanfhörlich, ihre Pulse flogen, ihre Glieder zuckten, unartikulirte Schreie wechselten mit den wildesten, verworrensten Reden. Aus dem gewöhnlich stark geröthetcn Gesicht des WirthcS hatte die qualvolle Aufregung die Farbe verscheucht, auf seiner tiefgefurchten Stirn perlten große Schweißtropfen, von Minute zu Minute fürchtete er die Katastrophe eintreten zu sehen. Plötzlich mit dem Glockenschlage Zwölf trat eine totale Aenderung in dem Zustande der Kranken ein. Die wie zum Kampf erhobene Faust löste sich und sank kraftlos nieder, die wild rollenden Augen schlossen sich, die Zuckungen hörten auf, regungslos lag sie da. Mehrere Minuten verstrichen. Mit angehaltencm Athein neigte sich der Arzt über das Bett, er überzeugte sich, daß ein ruhiger Schlummer cingetretcn, und schweigend, doch mit freudig erregtem Blick drückte er dem ihm gegenüber Sitzenden die Hand. Fragend schaute dieser zu ihm auf. ״Hoffen wir das Beste," entgcgnete der Arzt im Flüsterton, ״wenn nichts dazwischen kommt, glaube ich mit Gottes Hülfe einen glücklichen Ausgang versprechen zu können." Der sonst so kräftige, robuste Mann schien dieser Freudenbotschaft nicht gewachsen, nur mit übergroßer Anstrengung unterdrückte er ein lautes Schluchzen im Krankenzimmer und stürzte hinaus, im Freien seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen. ״Gott sei gelobt!" schluchzte er, ״Gott sei gelobt!" Er warf sich auf die Rasenbank in der Jasminlande, und heiße Freudcnthräncn entstürzten seinen Augen. Seltsam, er hatte in der jüngst verflossenen Zeit ebenso sehr für seine Söhne als für die Tochter ge« bangt; und nun, seit er die Versicherung des Arztes erholten, daß Tirza'S Krankheit einen günstigen Verlauf zu nehmen scheine, nun war auch wie mit einem Zaubcrschlage die Angst um die Söhne geschwunden. Es schien ihm undenkbar,. daß der Himmel, der ihm die Tochter erhalten zu wollen scheine, ihn der Söhne berauben sollte. (Fortsetzung folgt.)