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Jeschurun · 1886-02-18 · Heft 7 (18.2.1886) · p. 103

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 7 (18.2.1886)
Article
Wandelungen
Date
1886-02-18
Page
103 (sequence 2)
Language
German
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103 und sich auch einen Bart zugelegt haben wird, dann wird er seinem Bruder in keiner Weise nachstehcu." Aber Tirza schüttelte ungläubig den Kops. So innig sie den Gatten liebte, so unangenehm war ihr die Person ihres Schwagers, und es war ihr ein nahezu widerwärtiger Gedanke, daß ihre Schwiegermutter Aehnlichkeit zwischen ihren Söhnen finden konnte, doch besaß sie Takt genug, der Mutter dieses nicht zu verrathen. Die Wirthin, von dem Liebreiz des Kindes bc> zwungen, hatte doch endlich das Strickzeug in den Schooß gleiten lassen und statt dessen das große blanke Bund Schlüssel hervorgczogcn, das sic nun auch vor den Augen des Kleinen hin- und herbcwegte, um ihn durch das Klingen und Glitzern zu ergötzen. Und zu ihrer nicht geringen Genugthunng schien ihm das in der That ausnehmend zu gefallen, er verzog das Mündchen zum Lächeln und wollte mit den runden Händchen darnach greifen. ״Bist ja ein echtes Soldatenkind. liebst auch solche Musik wie sie Dein Vater jetzt hört. Na, warte nur, in zwanzig Jahren —״ In diesem Moment ward die Thür aufgerissen, mit lautem Geschrei stürzten mehre junge Bursche in das Zimmer. ״Sieg! Sieg! Die Preußen haben gesiegt! Königgrätz ist gefallen! Hurrah!" Es entstand ein lärmendes Durchcinauderschrein, Keiner verstand den Andern, Jeder verlangte das Blatt, das die Depesche gebracht hatte. Da schwang sich endlich einer der Gäste, mit dem Blatte in der Hand, auf den großen eichenen Tisch und, nachdem es ihm durch noch lauteres Schreien und durch Schwenken der Depesche endlich gelungen war, die Untenstehenden zum Schweigen zu bringen, las er mit lauter, vernehmlicher Stimme die Sicgesnachricht. Königgrätz war in der That gefallen und das ....Regiment, es war dasselbe, bei dem der ältere Sohn des Wirthcs diente, hatte sich am meisten dabei hervorgethan. ״Da wird der Max auch nicht zurückgeblieben sein," schmunzelte der Wirth und nickte seiner Schwiegertochter freundlich zu. Tirza war mit dem Kinde im Arm näher zu den Männern getreten, um kein Wort der Siegesbotschaft zu überhören, auch ihre Brust hob sich freudig bei dem Gedanken an die Freude ihres Mannes über die öffentliche Anerkennung, die seinem Regimcnte geworden. Plötzlich jedoch fuhr sic mit der Hand nach dem Herzen, als empfände sie dort einen heftigen Schmerz, stieß einen gellenden Weheruf ans und brach ohnmächtig zusammen, während daß Kind ihren Armen entglitt und sich wimmernd am Boden wand. Erschreckt sprangen die Umstehenden herzu, und während die Großmutter sich um den Enkel bemühte, hatte der 'Wirth mit Hülfe eines der Gäste die Bewußtlose aufgehoben und in ihr Zimmer getragen. ..Großer Gott hilf!" jammerte die Wirthin, die mit dem noch immer schreienden Kinde folgte. ״Wasser! Wasser!" schrw der Wirth und goß in seiner Angst eine Kanne schaumenden Biers über das todtenglciche Antlitz der jungen Frau. Die Kälte that ihre Wirkung, die Augen der Ohnmächtigen öffneten sich, ihre bleichen Lippen bebten. ״Gottlob! sie kommt zu sich! — Tirza! Tirza! liebes Kind, was hat eS denn gegeben?" Doch sic schien ihn nicht zu hörcn, wenigstens blickte sie nicht zu ihm auf. ״Max," flüsterte sie, ״Max, schmerzt Dich die Brust? — O, so viel Blut! — so viel Blut! — 1)111!! —" und schaudernd schlug sie die Hände vor die Augen, als wollte sie ihnen einen fürchterlichen Anblick entziehen. Doch sie mochte die Augen schließen, so fest sie wollte, das Entsetzliche, das sie zu schauen wähnte, entzog sie ihnen nicht. ״Noch mehr Blut!" stöhnte sie, ״noch mehr! — o Gott! — 0 Gott! —" ״Arme Frau," sagte der junge Mann, der ihren Schwiegervater geholfen hatte, sie auf das Lager ' zu legen, ״sie lebt gewiß in beständiger Angst um ihren Gatten, da hat sie die Nachricht vom Kriegsschauplatz zu sehr erregt." ״Es ist wahr," bestätigte die Wirthiu, indem sie das Kind in ihren Armen schaukelte, ״seit unsere Söhne fort sind, hat sic keine ruhige. Stunde gehabt. Aber cö ist auch ihre erste Trennung von ihrem Manne, darum ist sie so verzagt. Du lieber Gott, er ist doch auch mein Sohn, und unser zweiter Sohn ist auch dabei, aber — ״St! st!" mahnte der Wirth mit bedeutsamem Blick auf die Schwiegertochter, die, nachdem sie einige Augenblicke ruhig gelegen, plötzlich an allen Gliedern zu zittern begann. ״Tirza! Tirza! um Gottes willen, sei doch unbesorgt, morgen kommt sicher ein Brief von Max, Du wirst scheu, er ist frisch und munter.". Aber sie hörte ihn nicht, von Minute zu Minute nahmen die Zuckungen zu, wie im Fieberfrost schlugen ihre Zähne aneinander. Plötzlich fuhr sie in die Höhe, ihre weit aufgerisseucn Augen starrten ins Leere. ״Er stirbt!" kreischte sie, ״o Gott! er stirbt!" Mit einem Satz war sie aus dem Bette, doch im selben Moment brach sie abermals ohnmächtig zusammen. Leichenblaß starrten ihre Schwiegereltern ein- ׳ ander an. ״Was war das?" stammelte die Mutter, ״Gott

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