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Jeschurun · 1886-02-04 · Heft 5 (4.2.1886) · p. 66

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 5 (4.2.1886)
Article
Der Neujahrsgruß der Kreuzzeitung
Date
1886-02-04
Page
66 (sequence 2)
Language
German
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•frcrrn desselben KnechtS, und ließ ihn loS, und die Schuld erließ er ihm auch. Da ging derselbe Knecht hinaus, und fand einen seiner Mitknechte, der war ihm hundert Groschen schuldig; und er griff ihn an, und würgte ihn, und sprach: Bezahle mir, was du mir schuldig bist. Da fiel sein Mitknecht nieder, und bat ihn, und sprach: Habe Geduld mit mir, ich will dir Alles bezahlen. Er wollte aber nicht, sondern ging hin, und warf ihn ins Gefängniß, bis daß er bezahlte, was er schuldig war. Da aber seine Mitknechte solches sahen, wurden sic sehr betrübt, und kamen, und brachten vor ihren Herrn Alles, was sich begeben hatte. Da forderte ihn sein Herr vor sich, und sprach zu ihm: Du Schalksknecht, alle diese Schuld habe ich dir erlassen, dieweil du mich batest; solltest du dem! dich nicht auch erbarmen über deinen Mitknecht, wie ich mich über dich erbarmt habe? Und sein Herr ward zornig, und überantwortete ihn den Peinigern, bis daß er bezahlte Alles, was er ihm schuldig war. — Also wird euch mein himmlischer Pater auch thun, so ihr nicht vergebet von euren Herzen, ein Jeglicher seinem Bruder seine Fehler." Wir haben in diesen: Gleichniß stets die ein־־ dringliche Predigt und Mahnung zur Bethätignug der Liebe zu erblicken geglaubt, welche als christliche und evangelische Liebe bezeichnet wird, und in ihn: nur die Anssührnng der talinudischen Mahnung: wie Gott barmherzig, so sei auch Du barmherzig, wie Er liebevoll, so sei auch du liebevoll u. s. w. erkannt. Wenn deshalb die ״Krenzzeitung" und ihre Genossen uns etwa entgegnen wollten: du irrst, dich, wenn du!!!einst, daß wir das Judenthum als solches bcfämpfcti wollen: wir verstehen unter den Kamps gegen das Indenthum nur den .Kamps gegen die Juden, welche in unfern: öffentlichen politischen und sozialen Leben eine hervorragende Rolle spielen und sich durch!!:anchc häßliche Eigenschaften anszcichnen: diesen gilt unser Kamps, unser Haß, unsere Verachtung und Feindschaft, sv fragen wir im Hinblick ans Matthäus 18, 21—35, wo ist denn eure christliche Liebe? Angenommen, die Juden seien wirklich so schlecht, wie ihr fälschlich vorgebt, zu-, gegeben, sic hätten, die Fehler in den: Umsange, wie ihr in übertriebener Weise ihnen andichtet, — hier in diesem Gleichnisse eures Evangelisten ist ja ausdrücklich die Rede von einem Mitknechte. der dem Knechte in der That hundert Groschen schuldig war. Der Herr aber läßt sich gar nicht darauf ein, diese Schuld etwa zu bezweifeln, — der Mitknecht hatte auch gar keinen Versuch gemacht, sic abzuleugnen, — dennoch fährt der Herr den strengen Gläubiger mit den: zürnenden ״Du Schalksknecht" an und überantwortet ihn den Peinigern, daß er die eigne Schuld büße. Da sollten die ״Krcuzzeitnng", die Christlich-Sozialen und deren Führer nicht bedenklich werden, wenn sie tagtäglich anszichen, um ihre jüdischen Mitknechte zu greifen, um von ihnen die noch gar nicht erwiesene Schuld von hundert Groschen in Strenge einzusordcrn, während sic doch sicherlich nicht ii: Abrede nehmen wollen, daß sic selbst dem Herrn für zehntausend Pfund verschuldet sind? In demselben vierten Kapitel ihrer ״Kirchlichen Rundschau" spricht die ״Kreuzzeitung" von der ״furchtbaren kirchlichen Verwahrlosung der Großstädte", von dem theilweiscn Mangel ״des christlichen Charakters der Schule", von den ״schweren sittlichen m:d sozialen Schäden der Trunksucht und des VagabundenthumS", von der ״Prostitution" und den ״sittlichen Pesthöhleu, welche ihre giftigen Miasmen weithin verbreiten", und sic legt das ergreifende Bekenntniß ab: ״Es thut wahrlich Noth, daß alle Volksschichten an ihre Brust schlagen und bußfertig sprechen ,wir haben gesündigt sammt unfern Vätern׳."-Da sollte diese demüthige Bußsertigkeit sich in einer Verfolgung deS Jndcnthums oder der Inden äußern dürfen, da sollte man bei Andern nach Fehlern spähen dürfen, da sollte man wegen geringer hundert Groschen den Mitknecht an׳ fassen und ihn zur Haft bringen und der zehntausend Pfund vergessen, die man selbst dem Herrn schuldet? Da sollte man nicht den Zorn des Herrn fürchten, der da sprechen möchte: ״du Schalksknccht, alle diese Schuld habe ich dir erlassen, diewcileu du mich batest", habe dich trotzdem mächtig und stark und.reich gemacht, habe dir trotzdem diesseitiges und jenseitiges Heil bcstimmt, bin dir trotzdem ein gnaden- und liebevoller Herr gewesen, — da du aber so streng und lieblos gegen deinen Mitknecht verfährst, der doch auch mein Knecht ist gleich dir, so überantworte ich dich den Peinigern, bis daß du bezahlt hast Alles was du nur schuldig bist?! Also, wenn in der That der jüdische Mitknecht jene hundert Groschen schuldig wäre, wenn in Wirklichkcit die christlichen Mitknechte ihn in Anspruch zu nehmen hätten. Wenn aber diese Schuld überhaupt gar nicht vorhanden wäre, wenn der Mitknecht dem Knecht nicht das Mindeste schuldete, würde der gerechte Herr nicht dann noch mehr unwillig zürnen und noch härtere Pön über ihn verhängen? Würde er dann nicht sage!:: du Schalksknccht, erweise erst deines Mitknechts Schuld gegen dich. Was er gleich dir Mir schuldet, das habe ich ihm erlassen, dieweil er nüch bat, wie ich dir die zehntausend Pfund erlassen, dieweil du mich batest. Tritt jetzt hin und erweise deinen Anspruch ans hundert Groschen, für welche dein Mitknecht dir verschuldet sein soll, vermagst du aber solches nicht, dann fürchte meine gerechte Strafe! (Schluß folgt.)

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