Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 4 (28.1.1886)
- Article
- Wandelungen
- Date
- 1886-01-28
- Page
- 54 (sequence 2)
- Language
- German
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״Ach, ick bin nicht immer die beste gegen ihn gewesen," fuhr sclbstanktagend die Trauernde fort, ״gerade in der letzten Zeit hätte ich so manche trübe Stunde ihm ersparen können, hätte sein rhcnreS Leben in so mancher Beziehung heiterer und freundlicher gestallen können, hätte —" ״Halt, Kind, das geht zu weit," fiel Frau Doktor Wicscnhcin mit Aplomb ein, ״nie dürfen wir unsere Handlungen nach dem Erfolg derselben beurthcilen, nur über die Beweggründe, die uns zu dieser oder jener Handlung geleitet, sind wir uns Rechenschaft schuldig, und was diese betrifft — ich glaube die Ursache des Zwiespaltes in Deiner sonst so glücklichen Ehe zu kennen." ״Leider, leider!" versetzte die Wittwe mit schmerzlichcm Seufzer. ״Ach, Minna, ich könnte Dir grollen, denn eigentlich warst doch Dl! die allerdings unschuldige Ursache von Allem." ״Allerdings unschuldige Ursache," wiederholte Frau Doktor Wiesenhcin pikirt, ״hast Du doch noch so viel Gerechtigkeitssinn — sieh, das ist doch schön vön Dir. Ich muß Dir wirklich dankbar sein, daß Du mir nicht noch ganz andere Sachen vorwirfst. Aber ich gestehe, gefaßt war ich darauf nicht." ״Ach, Minna, cS liegt mir ja nichts ferner, als Dir einen Vorwurf machen zn wollen! kenne ich Dich denn nicht? — bin ich denn von der Lauterkeit Deiner Absichten nicht überzeugt? — Aber Du mußt Nachsicht mit mir haben, muht nicht jedes meiner Worte auf die Goldwaage legen, der Schmerz macht mich zuweilen ganz verwirrt." ״DaS sehe ich, mein liebes, armes Kind; aber das darf nicht länger so bleiben. Wir dürfen nicht in egoistischem Mitlcidcn mit uns selbst die Welt und ihre berechtigten Forderungen vergessen. Auf. Adele, das Leben ruft!" Doch Adele erhob sich nicht und so stand denn die imposante Gestalt hoch ausgcrichtet vor der trauernden Freundin mit erhobenem Arni, mit blitzendem Auge. Dieses fiel, höchst wahrscheinlich unwillkürlich, auf den Spiegel, und ein befriedigtes Lächeln umspielte ihre vollen Lippen, mußte sie sich doch sagen, daß sic mit diesem Ausdruck, in dieser Haltung auf der Tribüne geradezu unwiderstehlich sein würde. Schade, daß Adele in diesem Augenblick so ganz und gar keinen Sinn für Derartiges hatte. ״Adele", Hub Frau Doktor Wiesenhein nach einigen Minuten Stillschweigens von Neuem an, ״Du hast mich vorhin, als ich von den oft uncrforschlichen Wegen der Vorsehung sprach, unterbrochen." ״Ach. verzeihe mir, liebste Minna!" ״Bitte, bitte, das ist ja nicht der Rede wert!); ich erwähnte es nur, weil ich nochmals daraus zurückkommen wollte, denn ich habe in der That viel und reiflich darüber gedacht." ״Dunkel und unerforschlich sind allerdings die Wege der Vorsehung, doch zuweilen gestattet sie dem Bevorzugten einen Blick in das Nad des Universums, und mit geöffnetem Auge schauen wir Ursache. Wir׳ kung, Rückwirkung —״ ״Liebe Minna, ich bin nicht im Stande, bcm Fluge Deiner Ideen zn folgen." ״Ich wollte sagen, cs giebt Momente, in denen wir sonnenklar den Causal nexus — doch halten wir uns an Thatsachen. Der theucrc Entschlafene, den Du be.vcinst. ich bin überzeugt, er war der beste der Menschen, die Dürftigen verloren in ihm einen Vater, seine Hochherzigkeit rühmte man weit und breit. — Und doch, wie engherzig hat er sich eben in den letzten Monaten Dir gegenüber gezeigt." ״Ich möchte es denn doch nicht engherzig nennen," erwiderte die Wittwe crröthcnd, ״wenn ich auch nicht in Abrede stellen kann, daß — daß — Aber ich bin überzeugt, daß er auch in dieser Beziehung nach seiner besten Einsicht, seiner innigsten Ucberzengnng verfuhr." ״Wer wollte das in Abrede stellen, theuerste Adele? — ich gewiß am wenigsten. Aber Engherzigkeit — oder wenn Dir dieses Wort zu hart erscheint, sagen wir Beschränktheit, mag sie auch der reinsten, innigsten Ueberzcng'.'.ng cnlstainmcii, sie richtet gar oft nicht gcringeres Unheil an als Böswilligkeit selbst." ״Liebste Minna, wie könntest Du hier von Unheil reden!" ״Und warum nicht? Unheil ist die Abwesenheit von Heil. Du bist berufen, das Heil der Mitwelt zu fördern, Dein Gatte hinderte Dich daran, war cs auch in reinster Absicht, immerhin bewirkte er Unheil. — Und auS diesen! Grunde wagte ich allerdings, mir die Frage zn stellen, ׳ob nicht vielleicht gerade dieses die Ursache, daß die Vorschnng ihn von Dir rief." ״Minna!" ״Adele!" Die beiden Freundinnen standen einander gegenüber, die Wittwe mit gcröthcten Wangen, bebend vor Errcgung; Schmerz und Zorn kämpften in ihrem Herzen. Die Andere in ruhiger Uebcrlegenhcit. Auge in Auge standen sie da. — Doch Adele vermochte den klaren, durchbohrenden Blick der Freundin nicht lange zu er׳ tragen; sie senkte den ihren, und der Zorn wich gar bald aus ihrem Herzen und der wilde Schmerz machte, wie Frau Doktor Wieseuhciu sich ausdrückte, nun endlich einer ruhigen Ucbcrlegnng Platz. Minna trinmphirtc, sie sah sich am Ziele, Adele hatte es ihr nicht allzu schwer gemacht. Im Grunde waren sie ja längst eines Sinnes, und dann hören