Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 4 (28.1.1886)
- Article
- Der Neujahrsgruß der Kreuzzeitung
- Date
- 1886-01-28
- Page
- 50 (sequence 2)
- Language
- German
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50 vielmehr daraus zu beschränken genöthigt sehen, nur einige Perlen aus dem Geschmeide, welches uns von der liebevollen Hand der ״Kreuzzcitnng" verehrt worden ist, hervorzuhcbcn und uns an deren Farben- Pracht und mildem Glanze zu ergötzen. Das Geschenk ist nämlid), Dank der überschwänglichen Güte der frommen Spenderin, zu reich ausgefallen. Alle die Kostbarkeiten, mH welchen wir im Laufe des ganzen Jahres tagtäglich überrascht worden, sind hier in prächtigcr Erneuerung uns wiederum dargebracht worden, so daß der knappe Raum unserer Spalten sich als ungenügend erweist, sie alle aufzuzählen. Da finden sich: .,die den christlichen Völkern von den Juden drohende Gefahr", das ״krankhafte" und ״schädliche" ..soziale Wirken der Juden", ihre ״falschen Wege", ihre ״Anmaßung", ihre ״Selbstüberhebung", das Wachsen des ״latenten Antisemitismus der höheren und intelligcnten Gesellschaftskreise", die licblid)e und liebreiche Mahnung, ״daß über die Juden die Geißel des Zorns, wie über die Geldwechsler im Tempel geschwungen werden würde, wenn sie nicht in andere Bahnen einlenken" u. A. m. Etwas Fuukclnagrlncucs jedoch dürfte zur Erhöhung unserer Dankbarkeit ganz besonders geeignet sein und nicht ungeeignet erscheinen zum Beginn der neuen Epoche,. für welche uns das bisher geschenkte fromme, brüderliche, liebevolle Wohlwollen der ״Kreuzzcutimg", und,der von ihr rcuräsentirwu frxwj.ww; "christlidV-sozialen Partei unzweifelhaft gesichert ist, von uns besonders zu Gcmüthc gczoc^cu zu werden. Wir meinen jene weisen, gerechten und für die Inden überaus glückverheißenden Worte: ״Einen guten Kamps gegen das ^lldcutb״״» führt die christlich-soziale Partei unter Stöuer'S Leitung. — Beweis: der bittere Haß, mit welchem dieselbe von Juden und Judengcnossen verfolgt wird, dessen krasseste Ansgeburt jener bekannte Skandal Prozeß gegen Stöcker war. Die christlich-soziale Bewegung ist dadurch nur gestärkt und vertieft und Stöcker steht vor den Augen Aller, welche sehen wollen, rein und fleckenlos da." Wie hcrrlid) und groß! Welche Fülle von Weisheit, Wahrheit, Gerechtigkcil und Liebe ist nicht in diese knappen Sätze znsammengcfaßi worden, ׳die das Wesen und das Ziel jener Bewegung, welche bekannter Maßen den edelsten Regungen unseres gepriesenen Zeitalters entstammt, in prägnantester Weise erschöpfend charalterisircn. Ein jedes Wort ist eine Perle, die Offenbarung eines erhabcnen Geistes und einer schönen Seele. Einen Kampf führt die christlid)-soziale Partei, sie führt ihn gegen das Judcnthum. Dieser Kampf ist ein guter. Der Generalissimus der kampfführcnden Christlich-Sozialen heißt Stöcker. Also Kampf gegen das Jndenthmn ist die Parole der christlich-sozialen Partei, und dieser Kamps soll gut sein, und der Führer dieses Kampfes ist kein Geringercr als der Herr Hofimb Domprediger Stöcker. Wenn aber die ״Krenzzcitung" etwas für gut erklärt, so würden wir sid)crlich ihrer Tugend und Frömmigkeit zu nahe treten, wollten wir nicht überzeugt sein, daß ihr nur DaS als gilt gilt, was vor Gott und vor denLehrern der Religion als gut anerkannt wird. Gut wird ihr, und ganz bestimmt auch der von ihr vertrctencn Partei sowohl, wie vor Allem auch derem Führer, der ja ein Prediger und Priester ist, nur das sein, was Gott wohlgefällig ist. Wenn sie den Beweis für die Güte, d. h. für das Gott Wohlgefällige einer Sad)e führen will, so wird sie sicherlich diesen Beweis auS dein Worte und dem Wesen Gottes führen, so wird sie die Bücher der Religion zur Hand nehmen und vor aller Welt deren Ausspruch verkünden, welcher darthnt, daß die Sache mit dem heiligen Gebote in Einklang sid) befindet. Wir hätten deshalb auch erwartet, daß sie die Güte, d. i. das Wohlgefallen Gottes, des gegen das Judcnthum unter Leitung des geistlichen Oberhauptes geführten Kampfes mit dem Worte Gottes, oder doch mit einem AuSspruche der ihr heiligen ReligionSbüchcr belegen würde. Aber wunderbar! Sie beweist diese ״Güte" mit dem — Hasse, ״bau bittern Hasse", mit welchem angeblid) die Juden die d)ristlichsoziale Partei verfolgen! D.v ivctic uttä gc/icigtcft ucipcljai — wir sind ja nur Inden, zählen nicht zu dem Hcercsbaune des frommen Hosprcdigcrs und vermögen nicht dem hehren Gcistcssluge der Christlich-Sozialen und der ״Krcuzzeitnng" zu folgen — uns will bedünken, daß dieser ״Beweis״ ein nicht christlicher und nicht stichhaltiger ist. Das Christenthum lehrt doch die Liebe, und für das vor seinem Forum als ״gut" Geltende kann nur der Maßslab der Liebe angenommen, keineswegs aber ans dem Hasse argumcutirt werden. Wie bedenklich muß cs um das ״Gute" des d)ristlichsozialen Kampfes vom christlichen Standpunkte aus stehen, wenn der von den Juden dagegen gehegte Haß den vollgültigen Beweis dieses ״Gut" erbringen soll! Was würde die ״Kreuzzeilnng" etwa zu folgendem ״Beweis" jagen: der gegen die christlich-soziale Partei seitens ״der Juden und Judengcnossen" geführte Kampf ist gut; Beweis: der gegen die Inden von Seiten der chnstlich-sozialen Partei gehegte ״bittere Haß"? Oder wenn ein wegen Ruhestörung, Aufreizung, Rechtsbcraubnng oder dergleichen Angeklagter zu seinem Richter sprechen wollte: der von mir geführte Kampf gegen die Gesellschaft, oder einzelne Gesellschaftskrcise ist gut; Beweis: der von diesen gegen!nid) gehegte bittere Haß? Die ״Krcnzzeitnng" rühmt sich des Kampfes gegen das Judcnthum als einer verdienstvollen Thal. Woher nimmt sie die Berechtigung zu demselben? Mag sie