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Jeschurun · 1886-01-14 · Heft 2 (14.1.1886) · p. 24

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 2 (14.1.1886)
Article
Wandelungen
Date
1886-01-14
Page
24 (sequence 3)
Language
German
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24 jammernd warf sich Frau von Merten über ihren! sterbenden Gatten. Er hatte sie erkannt und, mit un- | säglicher Mühe hob er noch einmal die schweren j Augenlider.! ״Adele! —" hauchte er. ' ״Was kann ich für Dich thun? mein Gatte! mein Geliebter!" schluchzte die Verzweifelnde. Sein brechender Blick senkte sich auf das Schriftstück, das seine Linke noch krampfhaft umschlossen hielt. ״Mein Wille! —" ״Er wird mir heilig sein!" und mit Küssen und Thräncu bedeckte sic das Antlitz, auf dem bereits der Schweiß des Todes perlte. ״Bella! — meine Bella! — ״ Die Kleine spielte ahnungslos im Garten, und bevor mau sie herbcigcrufen, war ihr Vater bereits bewußtlos. Auch die Mitglieder der Bcgräbnißbrüderschast waren schleunigst Herbeigerusen. Sie hatten die üblichen Sterbegebete kaum beendet, als auch von Merten bereits vollendet. Mit herzzerreißendem Wehruf brach Frau von Merten zusammen. Der Arzt und ihre Leute demühten sich um sie, doch Walther, seiner Gefühle nicht mehr mächtig. stürzte hinaus. Das Blut in ihm kochte, seine Pulse flogen, er hätte laut aufschreien mögen in namenlosem Schmerz — aber die Brust war ihm wie zugeschuürt. Fort rannte er, fort über Wiesen und Felder, unaufhaltsam fort, als säßen die Furien ihm aus den Fersen. — Stunden vcrstrichen. Er empfand nicht die Gluth der Sonnenstrahlen, die mit nahezu tropischer Schwüle die Atmosphäre erfüllten, er gewahrte nicht die schwarzen Wolken, die, ein Unwetter verkündend, den Himmel bedeckten, vernahm das näher und näher kommende Rollen des Donners nicht, nicht einmal das Leuchten der zuckenden Blitze vermochte ihn aufzuhaltcn. Erst als der Regen in Strömen prasselnd hernicdcrficl und die glühende Stirn ihm kühlte, da kam er zu klarem Bewußtsein seiner selbst. Tief ausathmend blieb er stehen und schallte um sich. Was war aus ihm geworden? — wo befand er sich? — In dem Toben der Elemente vermochte er es nicht sogleich m erkennen, denn auch die Dämmerung war bereits vorgerückt. Jetzt erhellte ein Blitz die Umgebung, und vor sich erkannte er die Merteusche Villa. Wie er nach Stunden langem Nennen und Jagen sich doch wieder hier befand — er wußte eS nicht, er fragtees sich auch nicht, hatten doch seine Gedanken während des ganzen Tages hier geweilt. Ohne sich irgend welcher Absicht klar bewußt zu sein, hatte er die Schwelle des Hauses überschritten. Ein Diener kam ihm entgegen. Walther murmelte einige unverständliche Worte; der Mann nahm sie für eine Erkundigung nach dem Befinden seiner Herrin. Frau von Merten sei noch immecr sehr leidend, aber doch bereits etwas ruhiger geworden; der Arzt habe die größte Ruhe strengstens befohlen. Walthers Blick wandte sich dem Stcrbezimmer zu. ״Man hat den gnädigen Herrn dort gelassen," fuhr der Diener mit tiefem Seufzer fort, ״es war ja stets sein liebster Aufenthalt. Wollen Sie vielleicht hincingchen?" Er eilte dienstbeflissen voraus und öffnete geräuschloS die Thür. Schwankenden Schrittes folgte Walther. Hier war er am Morgen mit dem allem Anscheine nach von Gesundheit strotzendem Manne gestanden, der dort als Leiche ruhte. — Die Wucht dieses Gedankens tastete nahezu zermalmend auf ihm; cs war ihm, als könne er es nicht ertragen und dennoch zog cs ihn hin. Wie durch unsichtbare Gewalt bezwungen trat er bebend näher, bebend schob er das Tuch zurück, das das Antlitz des Verblichenen verhüllte. War cs denn wahr? — konnte es denn wahr sein, diese herrliche, volle Gestalt leblos? — Die Krämpfe, die die schönen Züge des Vcrstordenen in der letzten Stunde entstellt hatten, waren vorüber, jetzt schien er nur zu schlummern. Schauernd und doch wie gebannt stand Walther da. In dem sonst so lebhaftem Hause herrschte die Stille des Todes, der hier sein Siegel aufgedrückt hatte. Da ward mit einem Mal mit ungestümer Gewalt die Thür des Nebenzimmers aufgcrissen, laut weinend stürzte die kleine Bella herein. ״Ich habe sic nicht mehr halten können," jammerte die Bonne, die ihr auf den: Fuße gefolgt war. ״Lassen Sie sie," flüsterte Walther und hielt daö Mädchen zurück, daS die sich sträubende Kleine hinaus zu tragen versuchte. ״Papa! Papa!" schluchzte das Kind und warf sich auf die Leiche, die es mit Küssen bedeckte. ״Papa! höre mich! — Bella ist'S — Deine Bella! —" ״Er hört mich nicht!" rief sie verzwciflnngsvoll und rang in wildem Schmerz die kleinen Hände. Der Anblick der verlassenen Waise, die er zu überwachen gelobt, hatte dem jungen Manne seine Fassung wiedcrgegebcn. Er wartete, bis der heftigste Ansbruch ihres Schmerzes vorüber, dann aber zog er sie mit sanfter Gewalt von der Leiche weg. ״Bella," sprach er leise, doch mit Bestimmtheit, ״das ist nicht recht." ״Nicht recht?" rief sie in herzzerreißendem Ton. (Fortsetzung folgt.)

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