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Jeschurun · 1886-01-14 · Heft 2 (14.1.1886) · p. 23

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Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 2 (14.1.1886)
Article
Wandelungen
Date
1886-01-14
Page
23 (sequence 2)
Language
German
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23 freilich keine Ahnung, erst seit ungefähr einem halben Jahre sind mir die Gesinnungen meiner Frau bckannt. Damals hatten einige sogenannte Ingcndsrenn- Vinnen, Vorsteherinnen des Vereins zur Förderung der Emanzivation der Frauen, meine Frau aufgefordert, thätigcn Anthcil an diesen modernen Bestrebungen zu nehmen. Ihre soziale Stellung, ihre hohe Geistes׳ bildnng mache sie ganz besonders dazu geeignet. Meine Frau, die ihre Ansicht ebenso wie ihre Gesinnung theilt, war sofort bereit, doch ihre Ansicht war nicht die nieine, und zun! ersten Male in unserer Ehe sah ich mich gcnöthigt, energisch Einsprache zu thun. Ich sage energisch, denn zum ersten Mal wollte meine Frau eine einfache Bitte von mir nicht berücksichtigen. Was sollte ich machen? Ich kann diesen modernen Bestrebungen keine Berechtigung znerkennen, und wenn auch meiner Frau, der Mutter meiner Tochter kann ich nimmer gestatten, sich daran zu betheiligen." ״Aber warum sind Ihnen denn eigentlich diese Bestrebungen so sehr verhaßt?" ״Warum sie mir. verhaßt sind? — Ist Ihnen diese Frage Ernst?" ״Ich gestehe," erwiderte Walther leicht crrölhend, ״daß ich über diese Frage noch nicht übermäßig viel gedacht habe." ״Aber ich desto mehr," versetzte Merten heftig, ״und zugcben müssen auch Sie, daß cS ans weitem Erdenrund keine Nation gicbt, deren religionSgesetzliche Schriften dem Werth der Frauen und der Bedeutung ihrer Wirksamkeit in höherem Grade Gerechtigkeit widcrsahreu lassen als die jüdische, daß dem entsprechend jede acht jüdische Frau in jedem acht jüdischen Hanse deS höchsten Ansehens sich erfreut. Hub dann sollte eine jüdische Frau für die Emansipaticn! der Frauen wirken wollen? — Ich habe auch meiner Frau meine Ansicht nicht vorenthaltcn, und eben dabei ist cS zu Erörterungen zwischen uns gekommen, ans denen ich zu meinem größten Schmerze erfahren, daß!׳.!eine Frau allen spezifisch jüdischen Observanzen bisher nur theilö ans Gewohnheit, theilS ans Rücksicht für in ich entsprachen hat. — Und wenn ich nun demnächst von hinnen ginge und meine Bella zurücklassen müßte unter der Obhut ihrer irreligiösen Mutter — cutsctzlicher Gedanke! — Rathen Sic mir Walther, waS kann ich für meine Bella thnn? —־ Sie sind zwar noch jung, aber Sie sind Jurist, haben einen Hellen, klaren Kops, und in dem meinen pocht cS heute, als sollte er Minerva gebären." Walther, von den verschiedenartigsten Empfindungen bcstürnit, war nicht sofort im Stande, die Sachlage klar ins Auge zu fassen. ״Lassen Sie nnS überlegen, Herr von Merten." ״Ucbcrlcgcn," rief der Andere in plötzlich anSbrechender Ungeduld, ״überlegen heißt Zeit haben. Zeit ist Geld, sagen Sic — Zeit ist Leben, sage ich Ihnen." Er preßte die Hand an die Stirn. ״Ueberlegen überlegen —" Auf seinem Gesichte wechselte Plötzlich glühende Rothe mit erdfahler Blässe. ״Um Gottes willen, Herr von Merten! waS ist Ihnen?" ״Nichts — nichts!" Aber ein heftiges Zittern hatte den kräftigen Mann erfaßt, sein Aussehen veränderte sich von Minute zu Minute. Walther wollte hinanScilen, Hülfe herbeizu rufen, doch mit einer letzten Kraftanstrengnng hielt Herr Herr von Merten ihn zurück. ״Bleiben!" lallte er, ״überlegen!" DaS war jedoch zn viel verlangt, bleiben mußte der junge Mann, zu überlegen war er nicht im Stande und mit Entsetzen gewahrte er, wie die sonst so regelmäßigen Züge deöLeidenden sich mehr und mehr verzerrten. Es war die Anstrengung, die furchtbare Anstrengung, mit der der Willensstärke Mann den Anfall zu überwinden strebte. — Umsonst. ״Schreiben —״ stammelte er und blickte auf Walther und dann ans den Schreibtisch. Walther verstand ihn, er schob den Sessel, auf den der Kranke hingesnnken war, zu dem Tische, legte Papier vor ihn, tauchte die Feder in die Tinte und drückte sie dem allem Anscheine nach mit dem Tode Ringenden in die Hand. Doch vergebens bot dieser seine letzten Kräfte ans, sie zu führen. Ein Wimmern entrang sich seiner Brust, sein flehender Blick traf den jungen Monn, und nun im Moment der Entscheidung fand dieser sowohl seine Ueberlegnng als auch seine Thatkraft wieder. Er ergriff die Feder und mit rasender Schnelligkeit glitt sie über das Papier, das in wenigen Minuten mit Schriftzeichcn bedeckt war. ״Sie ernennen meinen Vater zun: Vormund Ihrer Tochter." ״Dank!" lallte der Sterbende. ״Aber sic müssen cS unterschreiben," drängte Walther und drückte ihm die Feder abermals in die Hand. ״Sie müssen -- sonst hat daö Testament keinen Werth." Er legte ihm die bebende Hand auf das Papier, stützte ihm den Arm, um ihm Festigkeit zn leihen, und der Macht der Vatersorgc gelang eS, die Schauer des Todes ans einen Moment zn überwinden. — Doch nur aus einen Moment, nur die drei ersten Schriftzeichcn seines Namens standen auf dem Papier, dann schlossen sich die Augen, der Kopf sank zurück. Walther stürzte hinaus und rief um Hülfe. Nasch hatte sich das Sterbczimmcr mit Menschen gefüllt, der schleunigst herbcigeruscne Arzt erklärte Hülfe für unmöglich. Laut

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