Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 2 (14.1.1886)
- Article
- Die wirkliche Sendung Moses
- Date
- 1886-01-14
- Page
- 21 (sequence 2)
- Language
- German
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vornehmsten Göttern dcs Landes cinzuräumcn und einen Theil seines Dienstes in den heimathlichen GötterkultuS zu verflechten. Wir wissen, daß das weitbewegende Ereigniß des Auszuges der Israeliten sich nicht still vollzogen hat; die Bibel, und namentlich der Anfang des Buches Iosua, bietet uns eine Veranschaulichung der tiefgehenden Aufregung, in welche die Völkerschaften weit und breit in der Runde davon versetzt wurden. Sv mögen wohl der Nachricht von der später erfolgten Offenbarung auch manche der hierbei verkündigten Gesetze in die Welt und zurück nach Aegypten gedrungen sein. Diese einzelnen Fragmente nun tnögen, zur Beruhigung des Volkes, die Pfaffen ihrem Kult bcigcgeben haben, und so wäre dann daö Entstehen jener Mystericukomödie zu erklären, wenn solche in Wirklichkeit zu einer Zeit bestanden haben sollte. Unter diesen Gesichtspunkt fällt auch das, was Schiller von der Isisbildsäulc mit der merkwürdigen Inschrift und von dein Unistand, daß Jeder, der den SerapiStempcl betreten wollte, den Namen Iao oder J-Ha-Ho au der Brust oder Stirn tragen mußte, erwähnt. Die Epopten kannten den räthselhaste״ Namen (Ehjeh ich werde sein), welchen Moses bei seinem ersten Hintr.eten vor Pharao seinem Absender beilegte, und auch in die Kcuntniß breiter Volksschichten mochte er übergegangcn sein. Was konnte also geeigneter sein, dem Pöbel den Glauben beizubringcn. man sei bestrebt, jenes furchtbare, unbekannte Wesen zu gewinnen, alSwenn man seinen modisizirteu Namen beim Eintritt in den Tempel anries und einige Sätze, welche einen gleichen Klang mit jenen rüthselhasten Worten besaßen, mit welchen MoseS das gcheimnißvolle Wesen seines Gottes angcdeutct hatte, auf dem Standbild der angesehensten Göttin cingrub? Selbstredend hatten diese Sätze mit jenen des MoseS nichts gemein, als einen ähnelnden Schall und dieselbe Art von Unverständlichkeit, und sicherlich wußten dabei die Pfaffen sich ebenso wenig zu denken, wie der gemeine Mann, der in denselben himmlische Orakclsprüche erblickte, welche die Gewogenheit jener gefürchteten Macht verbürgen. Diese Ansicht, als einleuchtendere, werden wir so lange aufrechterhaltcn, bis nicht sonnenklar bewiesen wird, daß jene fragliche Jsisbildsäuie in der That älter sei als das Wirken Moscst, und daß die ägyptischen Mysterien erstens wirklich dagewescn und zweitens vor Moses dagewesen. Bis dahin aber hat cS noch eine gute Weile! Ebenso wird cs sich mit der Vcschncidung verhalten, welche PytagoraS ein ganzes Jahrtausend nach dem Wirken MoseS als einen Theil der Eintritts- Wege in die Mysterien bezeugt. Zu welchem Zwecke der ägyptifcheu ״hicroglyphischcn Götterbilder", die aus den Theilen der mächtigsten Thiere zusammengesetzt waren, Erwähnung geschieht, ist uns nicht klar geworden. Denn wenn man diese Eigenart des ägyptischen Kult mit unserem Thema in Verbindung bringen will, so muß man vorauSschen, daß die Kolosse lind Sphinxe ihre Stimme gegen die Ansicht Schillers erheben werden. UuS wenigstens bcdünkt eS, daß nichts geeigneter ist als die Gegeneinanderhaltung dcS grob verkörpernden GottcSbegriffS der Aegypter mit dem äthcrklaren des MoseS, welcher ein menschliches Gebilde nicht einmal als Symbol, geschweige denn als Personifikation der Gottheit zulüßt, zu zeigen, daß diese zwei Begriffe eine weltcnweite Kluft trennt, welche unmöglich mit natürlichen Mitteln übersprungen werden konnte, daß sic zwei Gründen erwüchsen, welche durch keine einzige hcrüberreichcude Faser vcrbundcu werden. Sollte aber Schiller damit auf das einzige plastische Gebilde angespielt haben, welches im ganzen mosaischen ReligionSgebäude Platz gefunden hat, so Hütte er auch so das Gegcnthcil von dem erreicht, was sein Interesse förderte. Denn auch hier äußert sich ein dem ägyptischen entgcgengcsetzter Geist. Wir finden beim hebräischen Cherub — obwohl eS uns Sünde erscheint, ihn gleichzeitig mit den ägyptischen Götzen zu nennen — nicht die Embleme thierisch - sinnlicher Stärke zusammengetragen; keinen Adlerkopf, Stierkörpcr und Löwcnllaue, sondern den Physisch wehrlosesten Theil der schwächsten aller Geschöpfe, welcher höchstens blos als der Sitz sich dereinst zu entwickelnder Geistesgröße bedeutsam ist: ein Kindesantlitz mit Flügeln. Bei der eigentlichen Sendung Moses sind wir erst jetzt aiigelangi, während alles Bisherige nur einleitende Vorarbeit war. lind hier, in dem wichtigsten Theile der Arbeit, tritt die Vorsehung, deren unleugbarer Einfluß in der merkwürdigen Ingendgeschichte Moses so schön erkannt und getvürdigt worden, ganz in den Hintergrund, und wir scheu nichts als einen großen, genialen, aus freien Entschließungen handelnden Mann. Es wäre aber ein Jrrthum, zu glauben, daß durch das Abstrcifcn alles Uebernatürlichcu das Bild des MoseS in menschlicher, kritischer Beziehung ge- Wonnen habe, Nicht einmal daS; denn anstatt einer göttlichen Macht, welche in entschiedenem, offenem Eingreifen übernatürlich Großes wirkt, vono ein Mensch aus Fleisch lind Blut zum Gott befördert, indem man ihn unter Verhältnissen, die nur ein Gott zu meistern vermöchte, Himmlisches vollführcn läßt. UeberdieS läßt man noch diesen Gottmensch seine Erfolge durch Mittel und in Absichten erreichen, deren Akzcptirung allch unter gewöhnlichen Menschen als Beweis moralischer Verderbthcit angesehen wird. Und wirktlich schwankt MoseS, sowie ihn lins Schiller malt, stets zwischen einem Gott und cincln abgefeimten Betrüger und Schwindler. Ein Bolksbcsreier, ein Held und Heiliger, der mit kalter Berechnung eines Komödianten, eines Markt-