Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 53 (31.12.1885)
- Article
- Johann Zestowitz
- Date
- 1885-12-31
- Page
- 843 (sequence 2)
- Language
- German
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843 schmerzlichsten Momenten des Menschenlebens auf, in welchen die Unzulänglichkeit des menschlichen Geistes sich in den Trümntcrn der lange gehegten liebsten Ztiknnsrshvffnnngen auch dein Sclbstbcwntzten und' Stärksten offenbart, und dach ist von der Lösung solcher Fragen das Wohl und Wehe des Menschen bedingt. Was beginnen? O, ihr Glücklichen, die ihr von der Wiege bis zu!n Greisenalter auf ebenem Pfade gewandelt seid, die ihr eine sichere Heimstätte euer nennt, die reine Macht der Erde euch entreißen kann, die ihr der Arbeit in Ruhe euch hingeben könnt, da ihr wisset, daß euch deren Ertrag nicht verkümmert wird, die ihr keine andere Sorge kennt, als für die Eurigen zu schassen und dem stolzen oder bescheidenen Lebcnsbau einen Stein nach dem andern hinzuzufügen. — Ihr wisset eS nicht, was die Frage bedeutet: Was beginnen? Diese Frage ist die Verzweiflung, die Hossnungslosigkcit, das niederschmetternde Bewußtsein der Ohnmacht. Diese Frage ist der Hunger, das Elend, die Vagabondage, der Untergang. Diese Frage ist der Wahnsinn, der Selbstmord. Wehe dem Menschen, dessen Seele bei dieser Frage sich in tiefes Düsterhüllt, von dem Strahl dcS Gottesgedankens nicht erhellt! Wehe ihm, wenn er den einzigen Stützpunkt verliert, an welchen er sich anktammern kann in der Losenden Brandung, die über seinem Haupte sich bricht! Jankel PrZestowitz, der Lumpensammler, der russische Flüchtling und Vrendel Przestowitz, das unwissende Judenweib, die Frau des gemeinen russischen Soldaten, Schmieds und Lumpensammlers, in Armuth groß geworden, an Elend gewöhnt — diese beiden tapferu Menschen, welche vereint den Kelch des Leids bis zur Neige geleert, welche in ihrem an Sorgen und Kummer und Enttäuschungen so reichen Leben dennoch das Glück zu finden gewußt — sie schauten auf ihre Kinder, die Freude ihres Herzens hin, und vermochten sich ׳unter diesen! schweren Schlage des Geschickes zu erheben, sie blickten zu Gott empor und fanden die Kraft der Seele, den Muth des Daseins wieder und unterlagen nicht. Was beginnen? — Hinaus in die weite Welt, wandern, immer wandern, so langc der mübc Fuß die Bürde des Leibes trägt. Irgendwo muß doch ein Plätzchen zu finden sein, wo man den jüdischen Vertriebencn duldet, wo man den Paß refpektirt, welchen sein Schöpfer ihm ausgestellt, da er ihn auf Erden setzte. Soli er denn ewig der Fremde, Rechtlose, Heimcühberaubte, Ausacstoßens bleiben? Sollte cs denn nirgends einen Raum geben, von welchem seine glücklichen, mächtigen Mcnschenbrüder ihn nicht fortscheuchen? Wohin? Die alte Heimath'war ihm verschlossen. Er hatte ja das unerhörte Verbrechen begangen, fortgezogen zu sein, ohne sich einen ordnungsmäßigen, mit Siegel und Unterschrift versehenen Paß auSstcllen zu lassen. Der Herr JSpranowik hatte ja damals, als die guten Leute sich das harmlose Vergnügen machten, die Judenhauser ein wenig zu plündern und anzuzünden, die Jndenweiber ein wenig zu schänden, die jüdischen Männer ein wenig todt zu schlagen, keine Zeit, auf dem Büreau zu sein, er fühlte sich ja nicht ganz wohl und erholte sich im Theehanse und ergötzte sich an der kindlichen Freude seiner Kreiseingescssenen. Ja, es war in der That sehr unrecht und unvorsichtig, daß Jankel mit Weib und Kind sich den Streichen der Mordbrenner entzog und aus der in Flammen stehenden Schmiede flüchtete, ohne sich mit einem Paß in regelrechter Form, für das Ausland bestimmt, von dem Herrn Jsprawnik ansgestellt und von dem Herrn Gouverneur in der Hauptstadt untersiegelt, zu versehen. Freilich hätte er auch gar keinen Paß für das Ausland erhalten, selbst wenn er in regelrechter Weise darum hätte nachsnchen können, denn er gehörte zur Opoltschenie und war noch inuner Soldat. Wie dem aber auch immerhin sei, es war jedenfalls ein großes Unrecht, daß er ohne Paß inS Ausland gegangen war. DaS sagte man ihm auch aus der Polizei, und die Polizei hatte Recht, denn Ordnung muß fein, und wenn die hochlöbliche Polizei nicht auf Ordnung sieht, wer sollte es denn thnn? Die Geschichte von den Mordbrennern und dem drohenden Sode, ja, die konnte wohl wahr sein, und die Herren von der Polizei thatcn auch dem Jankel gern den Gefallen, daran zu glauben, denn sie waren höfliche und gebildete Menschen. Und sie glaubten ihm das nur als gewöhnliche Menschenkinder, nicht aber als Behörde. Das ist aber ein gar gewaltiger Unterschied. Dafür konnte die Polizei nichts. Als Behörde konnte sie nur das glauben, was schwarz auf weiß in gehörig beglaubigter Weise vorliegt. Uebrigens war es ihr auch ganz gleich. Sie hatte sich ja nicht darum zu kümmern. Soviel stand doch fest. Jankel Przestowitz war kein Inländer — also fort mit ihm! Wohin? nun natürlich über die Landesgrenze hinaus, das Weitere kümmert sie nicht, war ja auch gar nicht ihre Sache, gehörte auch gar nicht zu ihrem Ressort. Wohin? Wohin? Die hohe Behörde befand sich demgemäß in der behaglichen Lage, hierauf eine ganz präzise Antwort zu ertheilen, aber Jankel wußte nicht, wohin er seine Schritte lenken sollte. Wenn aber in der alten Welt Jemand nicht weiß, wo er bleiben soll, dann richtet er seinen Blick auf die neue Welt jenseits des Meeres, nach Amerika. Und nach Amerika reiste auch Jankel in der That mit Weib nnd Kinder. Mildherzige Glaubensgenossen legten soviel Geld zu-