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Jeschurun · 1885-12-31 · Heft 53 (31.12.1885) · p. 841

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 53 (31.12.1885)
Article
Die wirkliche Sendung Moses
Date
1885-12-31
Page
841 (sequence 1)
Language
German
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Mm, Jeschnru«. pe mrklilhe Sendung Moses. Ein Essay von S. B. Nosenhain. (^achdruä verboten.) (Fortsetzung.) Woher Schiller seine Angabe geschöpft habe, .daß den Juden das Nebel des Aussatzes ״bis auf die heutigen Zeiten" anhaftet, ist uns ein nricrhclltcS Räthsel geblieben. Außer — wir wollen nur nicht darauf zurückkommen, was wir schon einmal angedeutet haben — daß nämlich der Parnaß und Delphi unter einem Himmelsstrich liegen. Nun geht Schiller von der Beschäftigung mit dem derzeitigen Zustande der Juden zu seinem eigentlichen Helden, zu Moses über. Bei Hervorhebung der merkwürdigen, den Einfluß einer allweisen, vorherbestimmenden Macht zweifellos beweisenden Art, wie Moses zu seiner erhabenen Sendung vorbereitet wurde, wird begonnen und dann fortfahrend der Pfad beleuchtet, den Mojes bis zum Gipfel des Geisteöwerks zurückgclegt, welches er, eine gewaltige, wolkcnberühreude und weltenüberdauerude Pyramide aus Diamautquadern, sich und dem Menschengeschlecht aufrichtete. Und jener von uns schon oben erkannte Widerspruch, jenes Schwanken zwischen der Anerkennung einer überirdischen Leitung und der spätern, ausschließlich natürliche, menschliche Potenzen zulassenden Darstellung tritt hier so grell hervor, daß man fast au dem großen Genius irre werden muß. ES ist ein sehr unbehaglicher, quälender Zustand, eine Größe, die man nicht anders als, wie Horaz sagt, ״mit dem Scheitel die Sterne berührend," sich denken kann, in einer Stellung zu sehen, wo sie das Maß der Mittelmäßigkeit nicht erreicht. Ein Gefühl allgemeiner Unsicherheit erwacht in uns, wir beginnen, unseren Sinnen zu nußtrauen und an dem Handgreiflichsten zu zweifeln. In dieser Lage begrüßen wir dankbar Alles, was uns nur eine halbwegs plausible Lösung an die Hand giebt, wodurch das Vertrauen zu unserem eigenen Verstände wieder zurückkehrt. Einen solchen leidlich erhellende!: Lichtblick begrüßten wir in den Worten Karl Goedecke's, mit welchen er den betreffenden Baud Schillers in der Cotta'schen Bibliothek der Weltliteratur cinleitet: ״In einer andern Vorlesung, die Sendung MojcS, schritt er zur spekulatioen Auffassung einer Staatcubildung fort, wobei er einen Aufsatz Nciuholds (Bruder Dezius) über hebräische Mysterien zum Grunde legte, nicht gerade zum Vortheil seiner Spekulation, da er mit seiner Quelle, ganz gegen seine sonstigen Anschauungen, davon auSging, daß das ganze Werk der Bildung eines Staats durch Moses, der in (erträumte) ägyptische Geheimlichkeiten eingeweiht gewesen, die willkürliche That eines Mannes sei, der sich, um seinen Institutionen 84t Eingang zu schaffen, den Anschauungen des israelitischen Volkes anbcquemt und eine ReligionSfabcl gelehrt habe,, die ein späterer Verbesserer derselben nicht zu vernichten, sondern nur auf die zum Grunde gelegten Ideen zurück- Zufuhren und von der Einkleidung zu reinigen habe." Diese Worte belehren uns cineöthcilS, daß die unnatürliche Ziellosigkeit und Zwitterhaftigkeit auf fremden, Einfluß zurückzuführen sei; anderntheils bilden sie ein werthvolles Zeugniß für die Wahrheit der von unS eiugcschlagenen Richtung, obwohl in ihnen viel zu wenig gesagt wird. Denn der Vorwurf, Schiller habe sich von seiner Quelle auf einen seinem früher» Standpunkt entgegengesetzten Pfad leiten lassen, hätte nur eine bedingungsweise Berechtigung. ES ist eine Priuzipiensrage, über die sich streiten, oder eigentlich nicht streiten läßt. Es kann Niemandem als Fehler angerechnet werden, wenn er sich veranlaßt sieht, in einer wissenschaftlichen Frage heute eine Ansicht zu bekennen, welche seine Ucberzeugung von gestern über den Haufen wirft. Diese Ansicht muß aber konsequent durchgeführt sein, was in der vorliegenden Schrift Schillers nicht der Fall ist. Und das ist eS, woraus es hier hauptsächlich ankommt. ״Hier muß uns die große Hand der Vorsicht, die den verworrensten Knoten durch die einfachsten Mittel löst, zur Bewunderung hiureißen — aber nicht derjenigen Vorsicht, welche sich aus dem gewaltsamen Wege der Wunder in dieQekonomie der Natur cinmengt, sondern derjenigen, welche der Natur selbst eine hohe Oekonomie vorgeschrieben hat, außerordentliche Dinge auf dem ruhigsten Wege zu bewirken." Als Seitenstück zu dem bekannten Satze: Nichts ist dauernd als der Wechsel, möchten wir sagen: Nichts ist in ״der Sendung MoseS" konsequent durchgeführt, als die Konscquenzlosigkeit. Oie Distinktion, die hier zwischen Vorsicht und Vorsicht getroffen wird, verdünnt diesen Begriff zu einer jener transzedentalphilosophischen, ätherischen Substanzen, die wir geistig nicht scheu noch fassen können und für deren Existenz wir keine andere Bürgschaft haben, als daß sie uns eben auf Treu und Glauben versichert wurde. Denn die kräftige, gesunde, von dem nüchternen Menschenverstand faßbare Vorstellung von der Vorsehung, wo sie identisch ist mit dem Begriffe ״GoU", läßt sich uninöglich mit dieser Distinktion in Einklang bringen. Wenn es eine Vorsehung, eine göttliche Allmacht giebt, warum soll sie keine Wunder wirken können? WaS heißen wir Wunder? Ein Blitz aus heiterem Himmel wäre sicherlich ein Wunder — nach menschlichen Begriffen; wer jagt aber, daß er auch ein Wunder ist dem Wesen, welches Alles weiß, welchem die Wurzel aller Erscheinungen aufgedeckt ist? Das Wunder erscheint nur dem kurzsichtigen, an die quotidiane Gleichheit des Naturlauss gewöhnten Eintagsgejchöpf als eine!

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