Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 52 (24.12.1885)
- Article
- Johann Zestowitz
- Date
- 1885-12-24
- Page
- 824 (sequence 3)
- Language
- German
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Elends, und die Regungen ihrer Herzen tönten in dem hehren Ton des innigsten Dankes gegen den allgütigen Goti aus, in welchen: der Mensch sich zu der Sphäre der Engel erhebt, die deö Schöpfers Ruhm verkünden von Ewigkeit zu Ewigkeit. ״Boruch Hatauw Wehameliw — Boruch schcgemolani kol taulv!" stammelten die Lippen des heimkehrenden Vaters, als er sein Weib und seine Kinder an sein Herz preßte. Und thränenden Auges sprachen es ihm die Scinigen nach. Doch cS galt zu arbeiten. Der Arme hat keine Zeit, nnthätig in Gefühlen zu schwelgen. Die rauhe Nothwendigkcit rüttelt ihn ans seiner Beschaulichkeit auf und verlangt die Einsetzung seiner ganzen Kraft für den Kampf um das Dasein. Zestowitz war eine kräftige, energische Natur, er hatte ein tapferes Herz. Arbeit war ihm Vcdürfniß und Lust, Arbeit für Weib und Kinder höchste Befriedigung. Am Morgen nach seiner glänzenden Freisprechung war er wieder auf der Straße, um seiner gewohnten Beschäftigung obzuliegen. Die Gerichtsverhandlung hatte begreiflicher Weise das allgemeinste Interesse erregt, sein Name war in Aller Munde. Man brachte ihn! von allen Seiten Theilnahme entgegen. Fast überall, wohin er kam, um ein Geschäft zu erkunden, will- -führte man seinem Begehren. Sein Kundenkreis mehrte sich von Tag zu Tag, und wiederum lächelte ihm der Strahl eines bescheidenen Glücks. Der Major von Hadamar hatte sich veranlaßt gefühlt, zu ihm zu senden und ihn zu sich kommen zu lassen. Es drängte den edlen Herrn, dem unschuldigen Opfer des bei ihm verübten Verbrechens eine kleine Entschädigung zu Thcil werden zu lassen. Er bot ihm einiges Geld an. Zestowitz weigerte sich jedoch es auzunchmen. ״So lange ich mein Brod verdienen kann, nehme ich nichts geschenkt," sprach er, ״und Sie sind mir nichts schuldig, gnädiger Herr Major. Sie konnten auch nichts dafür, daß man mich für den Dieb hielt." Das Benehmen des Lumpensammlers gefiel dem Major. Cr ließ sich von ihm seine Lcbensschicksale erzählen, und als er vernahm, welche lange ehrenvolle militärische Laufbahn Zestowitz zurückgelcgt hatte, klopfte er ihm auf die Schulter und sagte: ״Da sind wir ja Kameraden. Ein Kamerad darf aber wohl dem andern einen kleinen Dienst erweisen. Ich werde mich bemühen, daß die Kasernen Euch alles Abgängige aufbewahren." Das nahm Zestowitz gern an, und das trug nicht wenig dazu bei, feinen Verdienst zu erhöhen. Seine Kinder wuchsen heran zu der Eltern Freude. Sein Sohn war der Liebling seiner Lehrer. Sein Fleiß, seine Bescheidenheit und die glücklichen Anlagen seines Geistes ließen ihn den ersten Platz in der Klasse erringen. Joseph Zestowitz ist der beste Schüler in der ganzen Anstalt,' so lautete das allgemeine Urtheil der Lehrer und Schüler. Bei Gelcgenheiit der Geburtstagsfeier des Laudesfürsten wurde er aus den unteren Klassen auserlesen, um eine kleine Rede zu halten. Man denke sich den Stolz und die Glückseligkeit der Eltern, die ihren Sohn in der gedrängt vollen Aula auf der Tribüne sehen und den wohlgcsetzten mit volltönender Stimme und in reinster Aussprache zur Geltung kommenden Worten ihres SohucS lauschten. Es däuchte ihnen, als hörten sie eine himmlische Musik, und sie wähnten sich auch im Himmel. Da stand ihr herrlicher. Knabe, der Stolz ihres Herzens, vor der vornehmen Versammlung und sprach zu ihr von der Verehrung des LandeSvaters, von der Liebe zum Vaterlande in schöner begeisterter Rede. Und alle Anwesenden rühmten die schönen Worte und die schöne Vortragsweise. Das war ihr Sohn, der Sohn des Lumpensammlers, der Sohn des vertriebenen russischen Juden! Und als der Klassenlehrer ihres Sohnes zu ihnen hcrantrat und ihnen vor aller Welt die Hand reichte und sprach: ״Ihr Sohn hat wirklich gut gesprochen; Sie dürfen sich zu einem solchen Kinde Glück wünschen; Sie werden gewiß noch recht viel Freude an ihm erleben," da schwoll ihr Her; in seligster Freude und sie hätten dem wackeren Herrn gern die Hände geküßt, und wenn sic sich nicht geschämt hätten, so wären sie auf ihren Sohn zugeeilt, um ihn zu umarmen. Als sie aber zu Hause augelangt waren, da sprach Zestowitz: ״Danket Gott, Kinder, daß er uns in dieses Land geführt hat, wo man mit dem Juden Gercchtigkeit und Liebe übt. Gott segne dieses gute Land und segne seinen Fürsten und alle die Männer, welche den Geist der Milde pflegen im Lande. Betet für das Wohl dieses Landes, Kinder, und seid ihm anhänglich und treu; betet für das Wohl des Fürsten, liebt und verehret ihn. Denn dieses Land ist euch zum Vaterlande geworden, und der gerechte Fürst ist auch euer Vater." Und wahrlich, unter allen Segenswünschen, die heute für das Wohl des Fürsten gehegt wurden, waren gewiß keine inniger und herzlicher als der Wunsch und das Gebet des jüdischen Lumpensammlers in dem Dachstübchcn des kleinen Hauses in der entlegenen Vorstadt- (Schluß folgt.)