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Jeschurun · 1885-12-24 · Heft 52 (24.12.1885) · p. 823

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 52 (24.12.1885)
Article
Johann Zestowitz
Date
1885-12-24
Page
823 (sequence 2)
Language
German
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823 gegen sie geschleuderten Anklage erzwangen ein Geständniß, welches sonst wohl nicht so leicht abgelegt worden wäre. ES waren zwei bereits oft gestrafte Männer, welche ohne Ahnung von der heutigen Verhandlung den Schwurgcrichtssaal betreten hatten, wie ja bekanntlich der Zuhörerranm der Gerichtslokale von Spitzbuben mit Vorliebe frequentirt wird. Wiederum erhob sich der Staatsanwalt. ״Meine Herren Geschworenen! Vor Ihren Augen hat sich in dramatischer Weise eine Szene abgespielt, welche ersichtlich bezeugt, daß die allmächtige Vorsehung in die Geschicke der Menschen wunderbar eingreift. Was Menschen nicht vermochten, der Herr hat es enthüllt. Die Unschuld des Angeklagten Zestowitz ist erwiesen — ich ziehe meinen früheren Antrag zurück und bcantragc dessen Freisprechung." ES verstrich eine ganze Weile, bis Zestowitz in den jähen Wechsel seines Geschickes sich Hineinsinden konnte. Soeben noch am Rande des schrecklichsten Verderbens, fühlte er sich plötzlich auf den höchsten Gipfel seligster Empfindung, welche keinen Raum in seinem Innern ließ für die rauhe Wirklichkeit des Lebens, die alsbald ihm entgegen starren würde. Augenblicke, wie er jetzt durchkostete, zählen zu den seltenen, aber wohl in jedes Sterblichen hicniedigcö Dasein einmal eintretenden Momenten, in welchem der Staubgeborenc der Erde sich entrückt wähnt und die unmittelbare Nähe seines allmächtigen Schöpfers und Beschirmers gewahrt, der ihm, seinem Kinde, ans dem unerschöpflichen Born seiner väterlichen Liebe den reichsten beglückendsten Segen spendet. Er hörte nicht die Worte des Vertheidigers, er achtete nicht darauf, daß die Geschworenen sich zurückzogen, um nach einigen Minuten wiedcrmn in den Saal zurückzukehren und durch ihren Obmann das freisprechende Verdikt verkünden zu lassen. Sein Geist weilte in anderen Regionen. Der Präsident mußte wiederholt die Aufforderung an ihn richten, sich zur Vernehmung des Urtheils zu erheben. ״Johann Zestowitz," sprach der Vorsitzende, ״Ihr seid des Euch zur Last gelegten Verbrechens durch den Wahrspruch der Geschworenen unschuldig erklärt worden. Ihr seid hiermit der Haft entlassen und frei. Kehrt heim zu Eurer Frau und zu Euren Kindern. Findet in dem Bewußtsein Trost über die ausgestandene Angst, über die Leiden der Haft, daß Eure Unschuld so klar und zweifellos erwiesen ist, daß der Herr Staatsanwalt selbst Eure Freisprechung beantragt hat und der GerichtShof hiermit ausdrücklich erklärt, daß Ihr frei von jeglichem Makel der Gesellschaft zurückgcgeben seid. Fahret fort auf dem Pfade des Rechten zu wandeln, und möge Gottes Gnade, die Euch sichtbar heute zu Thcil geworden, stets geleiten. Mit diesem Wunsche entläßt Euch das Gericht." Zestowitz hatte sich während dieser Ansprache gesammelt. Als der Präsident geendet, nahm er das Wort und sprach: ״Ich danke Ihnen, gnädiger Herr, für die guten Worte. — Gott hat Wunder an,mir vollbracht. Die Menschen gedachten mich zu verderben, Er aber hat mich gnädig gerettet. — Arm, elend und gebrochen kehre ich zu den Meinigen zurück und finde sic in Roth, Gram und Sorge, von Allem entblößt. — Ich hofft aber zu dem allgütigen Gott, daß Er mit mir sein und mir die Kraft verleihen wird, wiederum für sie Brod und Gewandung zu schaffen. — Warum hat mau mich denn für einen Dieb gehalten? Hätte man mir doch geglaubt, so wären sie nicht so elend geworden! — Sehe ich denn wie ein Verbrecher aus, daß man so sest an meine Schuld geglaubt?" Von diesem Ansbrllch des verletzten Nechtsgefühls des so lauge unschuldig Leidenden fanden sich Richter, Staatsanwalt und Lertheidigcr Lief getroffen. Der in Lumpen gehüllte, in kaum verständlichen. häßlich klingenden Lauten zu ihnen redende russische Jude stand ihnen als Ankläger gegenüber, vor dem sie das Auge zu Boden senken mußten. Sie konnten sich der Wucht der gerechten Anklage nicht erwehren. ״Hadert nicht mit Eurem Geschicke!" sprach der Vorsitzende. ״Menschen können irren, und auch Richter sind fchlsame Menschen, dem Jrrthume auSgesetzt. Ziehet den Stachel des Unmnths ans Eurem Herzen, vergesset das Leid, gedenket der Hülfe. Der Herr sei mit Euch!-Ich schließe die Verhandlung." Richter, Geschworene, Staatsanwalt und Vcrtheidigcr hatten eine kleine Summe zusammengelegt, welche man ihm beim Verlassen dcS Saales einhändigen wollte. Er aber schüttelte das Haupt, wies die Gabe zurück nnd entfernte sich mit einer tiefen Verbeugung. *' Zestowitz traf die Seinen, wie er geahnt, in äußerster Durstigkeit und traurigstem Elend. Wohl hatten wackere Menschen sich ihrer angenommen. Der brave HauSwirth, ein unbemittelter .Handwerksmann, hatte auf die Micthe verzichtet, und wohlthätige Glaubensgenossen hatten für das Nothdürstigste gesorgt. Dennoch aber war die arme Frau, die die Sorge und der Kummer auf das Krankenlager gebettet hatten, genöthigt gewesen, ein Stück des winzigen HauSrathS nach dem andern in das Leihhaus oder zum Trödler zu tragen. Aber nun hatten sie einander wieder. Des Gatten und Vater Name war von jeglichem Schatten eines Makels frei. Iw' dem heiligen Augenblicke der Wieder« Vereinigung vergaßen sie allen TrübsalS und allen

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