Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 52 (24.12.1885)
- Article
- Die wirkliche Sendung Moses
- Date
- 1885-12-24
- Page
- 821 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2932754-2933101-2933152-2963792--20663-2963851- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
821 Pharaonen, Riesenbauten und Denkmäler anfzuführen, von großer Bedeutung sein mußte. Die Lösung der Schwierigkeit bestand daher darin, einen Modus zu finden, laut welchem man beiHeradminderung der Streitbarfett des Volkes sich seine ungeschmälerte Kraft zur Arbeit erhalten 'könnte. Gab's für die höchst potenzirle Gewissenlosigkeit einen bequemeren Weg zur Erreichung dieser Doppelabsicht, als die männlichen Kinder gleich nach der Geburt umzubriugcu'? Die Weiber mögen sich nur vermehren bis in die Zahllosigkeit, denn erstens sind sic kampflich belanglos und zweitens sind auch sie ein gut verwendbares Arbeitsmaterial. Oder — vielleicht spckulirte mau gar in Hofkrciscn durch die unvcrhältmßmaßige Vermehrung dcö weiblichen Elementes endlich von den Juden das Aufgcbeu ihrrc strengen, geschlechtlichen Unzugänglichkeit zu erzwingen und so eine endliche Assimilation hcrbeizuführen. Ist cs ja eine Merkwürdigkeit aller Zeiten, daß man dem Juden trotz aller Schmähung und Verachtung einen Borwurf daraus macht, er assimilirc sich nicht. Allerdings mußte die Verschmelzung beider Völker dem schrankenlosen Despoten als ein sehr begchrcnswcrthcs Ziel erscheinen. Aegyptische sklavische Unselbständigkeit mit jüdischer Intelligenz gepaart mußten ein Volk zur Erringung der höchstsiiegenden Gelüste eines Despoten sehr geeignet machen. Nun ist cs schon selbstverständlich, daß der Tyrann mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln die geahnte Flucht hintanzuhaltcn suchte und nachdem die That ruchbar geworden, den entflohenen Sklaven mit seinem gcsammten Kriegsvolke nachjagte, um sie zu ihrer Frohnarbeit zurnckzuführen. Ob es nothwendig war, an Stelle dieser einfachen und sich selbst erklärenden Darstellung eine häßliche Fabel zu adoptirm, durch welche ein Heer von Widersprüchen und Absurditäten entsteht, das zu entscheiden, überlassen wir getrost dem Urchcile eines jeden nüchternen Lesers. Wenn wir nun unsere vielleicht mehr als erschöpfenden Ausführungen mit dem vergleichen, wogegen sic vor׳ gebracht wurden, so will das große Echanffernent, mit welchem wir uns fast außer Ath-:m brachten, in dem Lichte einer bclächelnSwcrthcn Naivität erscheinen. Als wenn an die tausend tapferer Ton-Qnixotes mit eingelegten Lanzen gegen eine Windmühle austürmten, als wenn gegen cm in jedem Windstoß ächzendes und wankendes Schilderhänschcn ein ganzer Park von schwerem Belagerungsgeschütz ausgesahrm wäre. Freilich, freilich — vergessen wir es aber nicht, daß hinter diesem SchildcrhäuSchen ein hcrosartiger Riese mit ulächtigem Schwert und Erzpanzer steht, und daß, wenn wir mit allen unseren Kanonen endlich den Sieg davon tragen, .dies nur den: Umstande zuzuschreiben ist, daß der Riese in der Verthcidignng der elenden Baracke eine NuMckr übernommen, die feinem Gott gelingen könnte. Wieso er dazu gekommen, sich die Blöße zu geben, das Undenkbare leisten zu wollen, darauf müffcit wir die Antwort schuldig bleiben. Bevor wir uns von dicsein unästhetischen Kapitel trennen, um weiterzugehen, müsse!! wir noch eines llcürcn Abenteuers erwähnen, welches an diese Stelle der ״Sendung Moses" sich knüpft. Von der allgememrn Verbreitung des Aussatzes unter den Juden sprechend, bemerkt Schiller nebenbei: ״vier also wurde schon der erste Grund zu dem llebcl gelegt, welches dieser Nation bis ans die heutigen Zeiten eigen geblieben ist." Nun stelle man sich vor, was für eine niederschmetternde Wirkung so etwas auf ein Individuum ansüden muß, welches von der schrecklichen Wahrheit durchdrungen ist, daß in seinen Adern jüdisches Vollblut fließt! Bis auf die heutigen Zeiten! Gott und alle Erzengel!... Wer weiß.... Der Gedanke erfror mir zu Eis, bevor ich ihn ausgedacht hatte. Du mußt dir Gewißheit verschaffen! Und so wie ich war. zitternd vor besorgter Unruhe, raffe ich mich auf und stürze, ״die Sendung Moses" in der Hand, in die Wohnung meines Hausarztes. Der biedere Acskulap geriet!) außer Fassung über!nein Aussehen und ergriff hastig die Feder, um schnell eine Mixtur zu verschreiben; aber ich hatte noch Besinnung genug, durch eine Handbewcgung dieses Attentat zu vereiteln. .,Da — da," rief ich, ihm das Buch vor die Nase hallend, ״lesen Sie!" Der Doktor klemmte seinen Zwicker aus die Nase, runzelte die Stirne und las die ihn! bezeichnete Stelle; dann nahm er den Zwicker herunter, wischte die Gläser gut, setzte sie wieder auf und las wieder. Und er wischte die Gläser noch drei oder vier Mat und bereicherte ein jedes Mal die Falten seiner Stirne mit einer frischen und las immer aufs Neue mit großer Gewissenhaftigkeit die paar Sätze durch. Endlich setzte er den Zwicker nicht mehr auf; er stützte die Hand mit dem Buche an den Rand dcS Schreibtisches und schaute mir ernst ins Gesicht. ״Nun?" fragte ich ungeduldig. ״Ich muß Ihnen gestehen," antwortete der AcSknlop zögernd, verlegen und unschlüssig, ״ich weiß nicht...." ״Ei, ich sehe eS Ihnen an, Herr Doktor, daß Sie mir gerne eröffnen möchten, es scheine Ihnen stark, daß ich verrückt geworden bin. Aber sehen Sie denn nicht, was da schwarz auf weiß steht? Bis auf die heutigen Zeiten.... nun.... ich bitte — untersuchen Sie mich aufmerksam, und sagen Sie mir daun rückhaltlos die unumwundene Wahrheit." Der gute Mann lachte mit sichtlicher Erleichterung auf. ״Ah — so! Gehen Sic doch, Sie Schalk." ״Herr Doktor! — Ich schwöre Ihnen, daß es!nein voller Ernst ist. Sie werdelt doch wohl zugeben, das inan einen Schiller ernst nehmen muß.״ ,,Gewiß — in seinen Dramen und Gedichten." ״Hier also nicht, wenn ich Sie recht