Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 51 (17.12.1885)
- Article
- Bemerkungen zu den Verhandlungen und Beschlüssen der Rabbinerversammlung in Berlin
- Date
- 1885-12-17
- Page
- 806 (sequence 2)
- Language
- German
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806 proflamireu, wenn mau der Gefahr ausgesetzi ist, daß die unschuldigen Gemeinden das Ding ernsthaft ansfassen und zu den Herren Proklamatoreu sprechen!nächten: Nun wohlan, seid so gut und machet ein sorchcs Auch, Ihr müßt cS doch verstehen, denn wozu wäret Ihr denn so gelehrt und weise! Dann aber wäre -Holland in Norh, argumentirte Herr Ol׳. Werner unter Assistenz des Herrn Dr. Levi, — wir sind ja eil Ire nous und können cs uns fd)0n in die Ohren wispern, wir sind ja völlig unfähig, solches Bnch zu machen, weil wir vereinigten Rabbiner über den Inhalt der jüdischen Religion nicht im Klaren sind und Kollege A. etwas ganz anders darunter begreift als Kollege B. und dieser von der Meinung des Kollegen C. um HimmciSserne disferirt, von den Kollegen D. u. s. w. bis Z. und das ganze Alphabet noch einmal hindurch gar nicht zu reden. Also, fein behutsam und bedachtsam, Brüder, cs geht halt nicht — das müßt Ihr doch cinschrn. Na, da waren sie denn auch recht behutsam und bedachtsam: die Kommission, die verschiedenen Antrag stellerund alle, alle Kollegen und dachten, Schweigen ist Gold und Vorsicht besser denn Nachsicht und zogen alle Anträge für die These All zurück Damit ist aber der. ganze Stand der achtnndsechzig Herren vor einer großen, schweren Gefahr glücklich bewahrt worden, das erkannten sie auch Alle an, und cs geht ein dunkles, unverbürgtes Gerücht, daß etliche von ihnen zur bleibenden Erinnerung an diesen aufregenden Vormittag des 5. Juni 1864 das Gelübde gcthan haben', diesen Tag als Fasttag alljährlich zu begehen. Nach dem Voraufgegangenen ist cS einem gcwohnlichen Sterblichen überaus schwer, den Jdcengang der ehrwürdigen Herren zu verstehen, welche sofort, nachdenr sie die Unmöglichkeit und ihre Unfähigkeit zur Schaffung eines geeigneten Lehrbuches für den Neligionsunterricht fonfiGiirt haben, die These von dem Höchst« ersprießlichen eines von ihnen entworfenen Lehrplans für den Religionsunterricht annehmen. Man sollte doch glauben, daß mit der Unmöglichkeit einer Perstandiguug über den zu unterrichtenden Gegenstand selbst, auch die Unmöglichkeit der Verständigung über den Lehrplan vollkommen dargethan ist. Wenn man sich nicht darüber einig ist, was man lehren will, so kann man doch unmöglich an die Vcrtheilnng dcS Lehrstoffes aus Jahrgänge und Schulstunden gehen. Herr Di׳. Goldsch m i d t (Wcilburg) meinte jedoch naiv: ״Wir müssen einen gemeinsamen Plan schaffen", ״hier giebt es kein? religiöse Differenzen", ״eS ist dies der einzige Punkt, wo wir uns einigen können", und da rafften sich denn die Kollegen zu den! eigenthümlichen Entschluß auf, der Welt die Heilsbotschaft zu vcrkünden: wir können freilich, trotzdem oder vielleicht weil wir Rabbiner der Reform sind, nicht sagen, was als jüdische Religion gelehrt werden sott, aber wir wollen dieses große X dennoch aus die einzelnen Klassen vertheilen. Wahrlich, wer von solcher Seite, deren Inkompetenz in Sachen des jüdischen Rcligionsnnterrichts soeben durch sich selbst scierlichst besiegelt worden ist, sich in Sachen dcS jüdischen NeligionönnterrichtS bcrathen lassen will, dem ist nicht zu rathcn und zu helfen. Fortan bewegen sich die Verhandlungen auf dem idyllischen Gebiete völlig gleichgültiger und inhaltioscr Phrase, und die Herren Kollegen scheinen sich dabei, nach dem ossiziellen Berichte wenigstens, der behaglichen Ruhe und Gemüthlichkcit überlassen und weite Strecken der KommissionSvorlaae in kürzester Frist friedlich und einträchtig znrückgclegt zu haben. Doch nicht mit dieser harmlosen Idylle sollte die hochbedcutsame Verhandlung abschließen. Da hatte der Kollege Herr Dr. Werner (Danzig) die — wie soll nun es milde nennen? — Unvorsichtigkeit begangen, zu ßa den höchst verfanglichen Antrag zu stellen: zn erklären, daß die ״Fruchtbarmachnng dcS Religionsunterrichts und religiöse Erbauung der Jugend" gefördert werden möge ״durch Fürsorge für Dispensation der jüdischen Schüler an höheren Schulen vom Schreiben am Sabbath und Festtagen." Ja, ja, es ist ein recht hartes Stück Arbeit, achtnndsechzig Männer, und wären sie gar so ehrwürdig, gelehrt und weise wie die Mitglieder dieser hochanschnlichen Versammlung, zu leiten, daß sie nicht innerhalb weniger Stunden grenzenloses Malheur anrichten. Trotz der wiederholten Mahnungen und Winke de» Weisesten unter ihnen läßt sich immer wiederum der Eine oder Andere zn einer Unvorsichtigkeit hinreißen, und da hat man denn seine liebe Last, die Sache wieder inS gehörige Geleise zu bringen. Dieser weise Nestor, der Präsident Herr Dr. Joe!, mußte denn auch hier wieder hcrbcicilcn, um einer drohenden furchtbaren Gefahr vorzubeugen. Wir haben schon oft Gelegenheit gehabt, ihm den Zoll der Anerkennung zu Füßen zn legen und bewundern auch hier wieder die Gewandtheit seiner diplomatischen Dialektik. Er weiß von vornherein, ״daß der Antrag Werner abgelehnt werden wird." Woher wohl diese prophetische Erkenntniß? Er könnte deshalb schweigen, aber er möchte verhüten, ״daß eine solche Ablehnung ohne jede Bemerknng mißdeutet werde." Er unternimmt deshalb die rechte Deutung der von ihm mit Sehcrblick geschauten Ablehnung. Es bedarf gar keiner Frage, daß ihm, der also in die Zukunft schauen kann, auch deS Herzens tiefste Verborgenheit offenbar ist. Er weiß, waS in der Seele seiner zahlreichen Kollegen sich gchermnißvoll vollzieht, und er kennt deren Beweggründe zu der noch gar nicht erfolgten Ablehnung des Antrag Werner.. Damit aber diese von der nnerleuchteten