Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1885-12-10 · Heft 50 (10.12.1885) · p. 794

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 50 (10.12.1885)
Article
Aus der Amsterdamer Gemeinde
Date
1885-12-10
Page
794 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2932754-2933101-2933150-2963632--20557-2963683
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

794 in bei* Neuen Synagoge Schreinerarbeit verrichten, um j mehr Platz zu bekommen. Der Gottesdienst war um \ neun Uhr abgelausen, die Kronen wurden bereits um j fünf Uhr augczündet. Nach Schluß deö Gottesdienstes j begaben Manhigim sich ins Vcrathungszimmcr, wo! eine Dewirthung staktsanb; Punsch, Wein und Gebäck waren im Ueberfluß vorhanden, wer nur trinken wollte, konnte es thun. Die Kronen in der Synagoge ließ man durchbrenncn, und ein Jeder lief nur so hinein, Männer und Frauen. Die französischen Soldaten tanzten mit ihren Dirnen um den Almemor herum und machten großen Spektakel. Mittwoch, 30. Mai, haben Manhigim neue Manhigim ernannt, aber Niemand wollte das Amt annehmen, außer יוזלה *טאקפיש; er allein konnte es jedoch nicht, da nach dem Reglement von den fünfzehn Gewählten zehn das Amt annehmen mußten. (Fvrsetzung folgt.) KorrchMdc!1M und Nachrichten. Deutschland. -fr Hannover, 8. Dezember. Der israelitische Kinderverein ״Malbisch Arumim", welcher seit zehn Jahren besteht, hat auch in diesem Jahre siebzig Schullinder mit vollständiger Winterkleidung versehen, nachdem er im- Lause des Jahres dm vielen auSgewiescnen fremden Kindern, welche bis jetzt ebenfalls zu seinen Bencsiziatcu zählten, bei ihrer Abreise von hier Kleider gewährt hatte. Ein jeder Knabe erhielt am Sabbath- Chanucka-Abend einen Rock, ein Beinkleid und eine Weste, ein jedes Mädchen ein Kleid und einen Rock, alle aber Stiefel, Strümpfe und Hemden. Der Verein zählt etwa 230 Mitglieder — Kinder — mit einem monatlichen Minimalbctrage von 20 Pfennigen. Die außer diesen au« den Sparbüchsen unserer Kinder fließenden regelmäßigen Beiträgen erforderlichen Summen werden ans freundliches Bitten der Kinder von den Eltern zugelegt. Wo das Bedürfniß zu ähnlichen Zwecken vorUegt, dürste das Beispiel des hiesigen wackcrn Kindervereins zur Nachahmung zu cmpsehlen sein. -a- VerZLu, 7. Dezent der. Wer sich gern in Illusionen wiegt, der könnte jetzt deö Glaubens werden, der Antisemitismus sei wie eine Kinderkrankheit bei uns überstanden, das junge Deutsche Reich befinde sich nunmehr nach der Genesung von diesem bösen Leiden recht wohl und behaglich und fahre mit frischem Muthe in der Entwickelung seiner inner» Kräfte fort. Die ״Norddeutsche Allgemeine", deren nahe Beziehung zu maßgebenden Kreisen ihren Artikeln eine gewisse symptomatische Bedeutung verleiht, wendet sich [gegen ״Kreuzzeitung", ״Reichsdoten", Herrn Stöcker und Herrn Baron von Hammerstein — soll man da nicht vergnügt die Hände znsammenschlagcn und frohlockend ansrufen: Nun, Gottlob, die Krise ist vorüber, der böse Feind des Preußischen und Deutschen Reichs, der AntisemitismnS, ist begraben? Und in der That wird hier in Berlin viel darob gejubelt, und man fängt schon an, von dem Antisemitismus wie von einer Märe aus alter Zeit zu reden. Thörichte Eintagswcishcit! Wäre der Antisemitismus mit einem Halbgramm Druckerschwärze aus der Welt zu schaffen, so würde er nie als eine Gefährdung des innern Friedens ernsthaft zu nehmen gewesen sein. Nein, die unheilvolle Strömung ׳ von oben nach unten hat das Herz ganzer Volksschichten mit dem Gifte des Vvrurtheils und Hasies insizirt und namentlich das Herz unserer ״höheren" Jugend, aus welcher die künftige ״bessere" Gesellschaft sich zusammensetzt. Weil es aus irgend einem äußern Grunde opportun erscheint, den Antisemitismus als ״ein Reizmittel ohne praktisch realisirbarcS Ziel" für den Augenblick darznstellm, darum hört er nicht auf zu sein. Man unterschätze nicht den Gegner, freilich überschätze man auch nicht seine Macht. Die Herren Stöcker und von Hammerstein und ihre sehr machtvollen Genossen sind freilich zu ohnmächtig, den Entwickelungsgang der Menschheit Zu den hohen Idealen gänzlich zu hemmen. Aber sie haben nicht umsonst gewirkt und hören trotz eines Artikels der ״Norddeutschen Allgemeinen" nicht auf zu. wirken, und sie sind allerdings im Stande, den EntwickelungSgang Preußens und Deutschlands für einige Dezennien aufzuhalten. Noch ist es nicht an der Zeit zu jubeln und dem Antisemitismus Grabreden zu halten. a. Frankfurt a. M., 7. Dezember. Gestern Abend wurde in der Realschule der israelitischen RcligionSgescllschaft das diesjährige Schulfest zum Chanucka gefeiert. Indem ich mir einen ausführlichen Bericht Vorbehalte, beschränke ick mich für heute aus die MittHeilung, daß die Feier eine in jeder Hinsicht wohlgelungene war. Zur Aufführung kamen eine Szene ans ״Zopf und Schwert" und Szenen aus ״Wilhelm Tcll". Die Aufführung war eine vorzügliche, die Dar׳ stellnng der Hauptpersonen eine ganz ausgezeichnete, die der Massenszenen eine geradezu überraschende, kurz, der Eindruck war ein großartiger. Und als zum Schluffe der Herr Direktor darauf hinwies, wie ganz anders es jetzt im Jndcnthume auSsehcn würde, wenn vor fünfzig Jahren in jüdischen Schulen eine solche Chanuckafcier möglich gewesen wäre, intonirten Alt und Jung begeistert das herrliche Chanuckalied, und priesen Gott, der eS uns vergönnt hat, unsere Kindcr in solchem Geiste heranblühen zu sehen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.