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Jeschurun · 1885-12-03 · Heft 49 (3.12.1885) · p. 778

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 49 (3.12.1885)
Article
Des Pfarrers Kuh
Date
1885-12-03
Page
778 (sequence 2)
Language
German
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778 es ruhte wahrlich ein besonderer Segen auf der Kuh \ des Herrn Pfarrers. Sie gab Milch in erstaunlich j großer Menge. Und cs war eine ganz besonders nährj hafte Milch, denn die bleichen Gesichter der Kinder! röthcten sich mit jedem Tage mehr, und ihre Wangen rundeten sich, und auch der Vater ward ersichtlich kräftiger. — Mag man sagen, was man auch immer will, mögen die hochweisen Menschen darüber lächeln und cs abergläubisch, kindlich, einfältig nennen — ich pflichte doch dem Glauben der Dorfbewohner in K. bei, daß auf dieser Kuh ein ganz besonderer wirksamer Segen ruhe, der von dem hochwürdigen Herrn Pfarrer herstamme, und ich stimme auch mit dem frommen und die heilige Lehre eifrig studirendcn K. ganz überein, welcher zu seinen Kindern sagte: ״Gottes Segen ruht auf jeder Gutthat. Seht nur, wie herrlich die Kuh des Herrn Pfarrers gedeiht! Das heilige Räuchcrwerk in! Tempel und alle Opfer waren nur durch die Weihe des fonunen, gvttcsfürchtigcn Herzens so heilig und segenbringend geworden, und ebenso ist es mit des Hochwürdcn Kuh. Er hat ihren Ertrag Gott geweiht, indem er die Milch zu unserer Erquickung bestimmte, und darum ist die Kuh ein Hciligthum geworden, an welchen! Gott sein besonderes Wohlge-sallen hat." Nach einiger Zeit jedoch versiegte der Milchborn, die Kuh war nämlich trächtig geworden. Darob grämten sich die Kinder. Der Vater aber wehrte ihnen mit den Worten: ״Haben wir nicht lange genug den Segen genossen? Gott verleihe dem cdelniüthigen Pfarrer ein gesundes, schönes Junges von diesem Mutterthier." Nnd er nahm die Kuh und führte sie zu dem Pfarrhofc. ״Hier bringe ich die mir anvertraute Kuh, Hochwürden," sprach er. ״Wie Hochwürdeu sich meiner erbarmt hat, so möge Gott Hochwürden segnen und sein ganzes HauS in Kindern und Enkeln, nnd' in allem Besitz!" Da überzog ein freundliches Lächeln das gute Antlitz des geistlichen Herrn. ״Ich danke Dir herzlich für Deinen Segen, der ist mehr wcrth, als die kleine Wohlthat, welche ich Dir erzeigte. Nun hat aber leider die Kuh ausgchört, Milch zu geben, und ich weiß, daß Du keine andere Milch trinken darfst, als die in Gegenwart eines Israeliten gemolkene. Schicke darum jeden Tag eines Deiner Kinder zu mii her, zur Zeit, da ntan melkt, damit Deinem Hause dieses Labsal nicht entzogen werde." Da neigte der Jude sein Haupt nnd ergriff des Pfarrers Hand.' Er zog sic an seine Lippen, und eine Thräue fiel auf ne hernieder. Eines der Kinder wandcrte aber täglich zum Pfarrhofe und brachte von dort Milch heim. Und auch auf dieser ruhte der besondere Segen, denn die Kinder des Juden gediehen in Gesundheit, und auch der Vater war kräftig nnd gesund. Da kam eines Tages ein Bote vom Pfarrhofe in sein HauS: ״Hochwürden lassen bestens gratuliren, Eure Kuh Hai ein wunderschönes Junges. Ihr möchtet doch sogleich kommen. Ihr würdet eine herzliche Freude damit haben." Darob geriet!) K. in freudiges Staunen und konnte nichts erwidern, folgte jedoch den! heimkehrendcn Boten auf dem Fuße. Vor dem Hause harrte seiner der Pfarrer freudestrahlenden Angesichts. ״Ein prächtiges Kalb hat Eure Kuh." ries er ihm entgegen. ״Lasset cs noch ein paar Tage hier, dann aber holet es mit der Mutter heim!" ״Aber, hochwürdiger Herr," stammelte der Jude ״Meine Kuh?" — ״Ja, Eure Kuh. Als ich sie Euch sandte, hatte ich sie Euch zum Ergcuthum geben wollen. Ihr habt cs nur unrichtig verstanden." Wiederum neigte der Jude sein Haupt über deS Pfarrers Hand, und wiederum fiel eine Thränc darauf. (Schluß folgt.) Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. 0. Berlin, 25. November. Am Abend deS!4. September passtrte der Stud. phil. Paul Oppenheim auf dem Nachhausewege die Potsdamerstraße. Ln der Ecke der Lützowstraße erhielt er Plötzlich von zwei ihm begegnenden jungen Leuten kräftige Stöße in die Seite, gleichzeitig ließen die Angreifer die Aenßcrungen: ״Verfluchte Judenbande!" ״Haut die Juden!" u. s. w. fallen, und einer derselben hieb dem Oppenheim mit einem Spazierstock über den Kopf.' Der Angegriffene erhob nun auch seinen Spazierstock, um sich zur Wehre zu setzen. Der zweite der Gegner ergriff aber den Stock Oppenheims und entwand ihm denselben. Dem Angegriffenen wäre es wohl schlecht ergangen, wenn ihn in diesem Augenblicke nicht der Kaufmann Levysohn, der von der anderen Seite der Straße dem Vorfälle beigcwohnt hatte, zur Hülse geeilt wäre. Die Angreiser flohen, wurden aber eingehott und zur Wache gebracht, wo sie als die Offiziersaspiranten Alexander Freiherr v. Schenk zu Schweinsberg nnd E. v. Lutheroth rckognozirt wurden. Da der Letztere inzwischen bei einem Ulanen-Regimente eingctreten ist und sich somit der Civilgerichtsbarkeit entzogen hat, so konnte nur gegen den Ersteren verhandelt werden, der sich offen als Denjenigen bezeichucte, der Oppenheim geschimpft und ihm den Stock entrissen hatte. Er entschuldigte sein Thun mit Angetrunkenheit. Der Gerichtshof hielt ihn nur der Beleidigung und der Sachbeschädigung für schuldig und erkannte dafür auf eine Geldstrafe von 50 und 10 Ji — Eine neue antisemitische Zeitung soll, wie mehrere Blätter berichten, mit dem 1. Januar

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