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Jeschurun · 1885-12-03 · Heft 49 (3.12.1885) · p. 777

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 49 (3.12.1885)
Article
Des Pfarrers Kuh
Date
1885-12-03
Page
777 (sequence 1)
Language
German
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M 49. Jescknirun. Des Pfarrer» Kvh. (Eine wahre Begebenheit aus der Gegenwart.) Kennt Ihr die Bukowina, den ״Buchenwald", den schönen Erdstrich zwischen Galizien, Siebenbürgen, Ungarn und Rumänien, — wo der Kaldo Dzumaleu auf die goldhaltigen Gewässer der Bistritza herabschaut, -- wo der Dnjestcr, Pruth, Screth, die Suczawa, Moldawa und Moldawitza ihre Straße ziehen, um die endliche Ruhe in den: Schwarzen Meere zu finden, hier aber große, liebliche und fruchtbare Thäler bildend und das durstige Erdreich mit ihrem!östlichen ׳Naß tränkend? Kennt Ihr das Vaud, wo der gemächliche Wolochy seine Heerdcn treibt, der fleißige Rnthene die Pflugschar führt, der Lipowaucr seine Obstbäume zieht und Deiche und Kanäle baut? Scheltet mir dieses liebe, von Gott begnadete Land nicht! Was kümmert es mich, wenn Ihr, hochgebildete, gelehrte und Alles wissende Leute, auf die׳ Menschen, die sich hier ihres einfachen Daseins freuen, hochmüthig herabblickt und von ihnen behauptet, daß sie auf einer niedrigen Stufe geistiger Kultur stehen, daß sie abergläubisch, unwissend und was sonst immer seien? Ich weiß nur, daß hier liebe, brave und gute Menschen wohnen, — lieb, brav und gut, wie auch bei Euch keine liebere, bravere und bessere, — und das genügt mir vollauf, um sie von ganzem Herzen lieb zu haben. Weil Ihr aber dieses vielleicht noch nicht wißt, so will ich Euch ein kleines Gcschichtchen erzählen, ausprnchlos und einfach, wie die Menschen, die in ihm Vorkommen. Vielleicht denkt Ihr dann auch freundlicher über die Bukowina und ihre Leute. Einen besonderen Vorzug hat aber jedenfalls meine kleine Geschichte, daß sie durchaus w a h r ist, Wort für Wort wahr, ist, und daß sie nicht von längst Gestorbenen handelt, sondern von Lebenden, denen ein recht langes, glückliches Dasein mit mir gewiß ein Jeder wünschen wird. Da wohnt in K. ein Pfarrer, den möchte ich allen Pfarrern nicht nur, sondern allen Menschen zum Beispiel eutpfehlen, damit sie ihm nachahmcn in wahrer Frömmigkeit, in herzlicher Menschenliebe, in lauterster Rechtschaffenheit. K. ist ein Dorf in der Nähe der rumänischen'Grenze, und der hochwürdige Nikolaus A. ist Pfarrherr nicht nur von dem Dorfe K.. sondern auch von dem Dorfe N. Seine Psarrkiuder sind griechisch-katholisch, daraus könnt Ihr entnehmen, daß er Geistlicher der griechisch-katholischen Kirche ist. Das muß man aber zum Lobe deS griechischen KleruS sagen, seine Mitglieder sind durchweg fast ausnahmslos edeldenkende, gottesfürchtige 'und .menschenliebende Herren, deren seclsorgerische Wirksamkeit darauf gerichtet ist, ihre Pfarrkinder zu guten Menschen zu machen, ihnen durch Wort und Beispiel die wahrhafte Liebe zu lehren, welche in jedem Menschen den Bruder liebt und schätzt und nicht die Liebe abhängig macht von dem Bekenntniß und der Nasse. Nun, ein solcher Scelenhirt ist auch der hochwürdige Herr Nikolaus, — Gott segne ihn! In demselben Dorfe K. wohnt auch ein Jude, schlecht und recht, I. L. K. mit Namen, mit den Seinen in größter Dürftigkeit. Er erzieht seine Kinder in der Furcht Gottes und in treuer Befolgung der Satzungen der heiligen Religion. Der Pfarrherr kennt ihn wohl, obgleich er nicht seines Glaubens ist. Er kennt seinen frommen Wandel und die Noth seines Hausstandes. Und wenn er die Noth eines Mitmenschen kennt, so fühlt er mit dem Armen das Leid, trägt mit ihm die Sorge. Die Kinder des Juden sind bleich und hohlwangig, das geht ihm nahe. Darum schickt er zu dem Juden und läßt dessen ältesten Sohn zu sich kommen. ״Was mag der hochwürdige Herr von mir wollen?" denkt dieser, als er sich auf den Weg zum Pfarrhause begiebt. Nun, er sollte cs bald erfahren «Höre, Feibisch," redet ihn Sr. Hochwürden an, ״es ist mir schon öfters ausgefallen, wenn ich bei Eurem Hanse vorüberging, daß da kein Statt ist? Warum hat Dein Vater sich keinen angelegt?" Fcibisch ward verlegen. Hochwürdcn Nikolaus sieht ihn aber so freundlich und milde an, daß er sich endlich ein Herz faßt und erwidert: ״Was sollte mein Vater mit einem Statt anfangen, da er doch keine Kuh hat und auch zu arm ist, um sich eine solche anzuschaffen." ״Aber er muß doch Milch haben, namentlich für die Kinder!" meinte der Pfarrer. ״Wir sind halt arm, und was man nicht haben kann, das hat mau nicht, sagt der Vater," entgegnete Feibisch. ״Man muß Gott für jedes danken, ob wenig oder viel, sagt d^r Vater. Ist cs denn ein Weniges oder Geringes, sagt der Vater, was uns Gott bescheert? Ist etwa die Liebe Gottes ein Weniges oder Geringes, und diese offenbart sich in Jeglichem, das Gott uns gewährt, sagt der Vater." Darauf erwidert Hochwürdcn Nikolaus keine Silbe. Aber er geht aus der Stube hinaus, und Feibisch folgt ihm, geradewegs zu!n Statte hin. Und da sucht er eine schöne Melkkuh, und zu Feibisch sagt er nur: ״Führe diese Kuh in Deines Vaters Hans, und ich lasse den Vater grüßen mit der Kuh, daß sie sein Haus mit Milch versorge." Man denke sich die Freude des armen Juden, als der Sohn mit einer solchen Botschaft aus der Pfarre heimkehrte. Er dankte Gott und segnete den edlen Pfarrer; zu seinen Kindern aber sprach er: ״Haltet die Kuh gut und hütet sie sorgfaltig, denn sie ist mir ein heiliges Auvertrautes von dem guten Herrn Pfarrer, — Gott segne ihn!" Und

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