Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 49 (3.12.1885)
- Article
- Die wirkliche Sendung Moses
- Date
- 1885-12-03
- Page
- 775 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2932754-2933101-2933149-2963550--20492-2963599- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
umgeben, beweisen es. Noch heute birgt und schützt! dieser Kanal das ihm vor dreitausend Jahren anj vertraute heilige Gut, die göttliche Wahrheit, so treu, wie da cs dasselbe empfangen. Wenn Schiller die Zcrbrechung dieses Kanals in der Zertrümmerung des jüdischen Staates erblickt, und es ist außer jedem Zweifel, daß er es thut, so zeugt das von einem totalen Nichtverstehcn der eigentlichen Mission des Judenthnms. Der jüdische Staat hat mit der ewigen Mission des jüdischen Volkes absolut nichts zu schassen gehabt. DaS Judenthum hat seine Staatsgewalt nie zur Vergewaltigung seiner Vasallen und Nachbarvölker mißbraucht. Es kennt keine Inquisitionen und hat nie Glaubenskriege, im eigentlichen Sinne, geführt. In Glaubenssachen ist ihm eine jede Nöthigung, ja selbst schon eine jede. Beeinflussung, ein Gräuel, vielmehr hat es die einzige Pflicht, die göttliche Wahrheit durch sein eigenes Beispiel der Erfüllung zu verkünden und zu verbreiten. Es zwingt sich Niemandem gewaltsam auf. Die Mission des Judenthnms stützt sich nicht auf rohe Waffengewalt, sondern ausschließlich auf die Macht der ihm innewohnenden Göttlichkeit. Und in der That sind alle Erfolge, welche das Judenthum unmittelbar erreichte, auf rem idealem Wege herbeigeführt worden. Nur Diejenigen, die ihm mittelbar durch das Christenthum und durch den Islam zu Theil wurden, sind vielfach getrübt von dem Schatten blutiger Gewaltthaten. Die Annahme, als ob die Weltmission Israels unauflöslich mit seiner staatlichen Existenz verknüpft sei und mit dem Erlöschen derselben aufgehört habe, ist eine so grundirrige, daß vielmehr die Hauptepoche dieser Mission erst auf den rauchenden Ruinen Jerusalems und mit dem SchmerzcnSdasein der ketteubelastcten, nach allen Weltgcgenden versprengten Sklaven beginnt. Wir können es füglich mit aller Entschiedenheit auSsprcchcn: Als Staat war Israel nicht der leitende Kanal des edelsten aller Güter, als Volksstamm hat cs keinen Augenblick aufgehört, cS zu sein. (Fortsetzung folgt.) J0ljttiiii Zeßölch. Von Naphtali Simon. (Nachdruck verborcn.) (Fortsetzung.) Int Laufe des Vormittags wurde er dem Untersuchungsrichter vorgeführt. Nachdem die üblichen Personalfragen von ihm beantwortet worden waren, richtete der Richter an ihn die Aufforderung, anzugeben, was er am vorgestrigen Nachmittage gethan hatte. Zestowitz berichtete so ausführlich er vermochte. ״Ihr wärt also in der Königstraße. Auch Ln dem Hause Nr. 7?" Darüber konnte er nun freilich keine genügende Auskunft crtheilen, auch darüber nicht, ob er in der Wohnung des Herrn Major von Hadamar gewesen. ״Ich komme selten in die Königstraße, gnädigster Herr Richter," entschuldigte sich Zestowitz, ״ich habe hier selten zu thun und deshalb daselbst auch keine regelmäßige Kundschaft. Ich weiß deshalb auch nicht, ob ich bei diesem Herrn Major gewesen bin oder nicht." ״Ihr müßt aber doch wissen, in welches Hau- Ihr geht," sagte der Richter mit strenger Miene. ״ES steht doch der Name des Majors an dem Hause groß und deutlich!" ״Ach, gnädiger Herr Richter, ich kann nicht lesen." ״Ihr werdet Euch aber jedenfalls erinnern können, ob Ihr in einem großen Hause an der Königstraße die Hintertreppe hinaufgegangen seid und daselbst den Bescheid empfingt, daß man zur Tischzeit sich nicht mit Euch abgeben könne?" ״Jawohl, Herr Richter, das ist mir mehrere Male gesagt worden, in verschiedenen Häusern." ״Nun sperrt Euch doch nicht so lange,. — eS kommt ja doch heraus. Gesteht cS nur, Ihr. wart im Hause Königstraße 7. in der Wohnung des Major von Hadamar?" ״Ich kann das unmöglich wissen, gestrenger Herr Richter, ich war in mehren Häusern der Königstraße, ob gerade in diesem, das weiß ich nicht." ״Hört einmal," sprach darauf der Richter unwillig, ״ich will Euch einen guten Rath geben!: Mit solchen Spitzfindigkeiten, die Ihr Inden so gern austiftelt, kommt Ihr nicht durch. ES ist übrigens ganz einerlei. Man kann Euch überführen. Ihr fahrt aber viel besser, wenn Ihr Alles offen gesteht, als Euch aufs Leugnen zu verlegen. Dadurch erhöht sich nur das Strafmaß." ״Aber um des Himmels Witten, was soll ich denn verbrochen haben!" rief Zestowitz. ״So wahr Gott lebt, ich sage immer die Wahrheit und verleugne sie auch vor dem Gerichte nicht. Ich bin mir keines Verbrechens bewußt." ״Nun ja, wir kennen das," sagte der Richter lächelnd. ״Ihr zählt zu den Hartnäckigen, die nicht eher etwas gestehen, bis man sie überführt hat. Wie Ihr wollt. Ich meine es mit den Gefangenen gut, wenn ich sie zu einem offenen BekennLniß ermahne. Es ist aber Euer gutes Recht, so lange zu leugnen, wie es Euch gutdünkt; Ihr werdet schon sehen, wohin das führt. Das Schwören und Betheuern aber, laßt nur bei Seite. Das nützt Euch gar nichts, damit macht Ihr gar keinen Eindruck. Wir haben übrigens auch gar keine Eile. Ich werde morgen oder übermorgen mit dem Verhör fortfahren. — Bringen Sie