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Jeschurun · 1885-12-03 · Heft 49 (3.12.1885) · p. 774

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 49 (3.12.1885)
Article
Die wirkliche Sendung Moses
Date
1885-12-03
Page
774 (sequence 2)
Language
German
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774 bester Willkurlichkeit crfd>ctitcn. Muß beim nicht in Jedem die Frage von selbst erwachen, warum, — da nun einmal die Vorsehung mit ins Spiel gezogen wurde — warum die Vorsehung gerade ein scunreines und gemeines Gefäß zur Aufbewahrung eines so kostbaren Schatzes gewählt, warum sie denn ״das edelste aller Güter, die Wahrheit," eben einem erschreckend unreinen Kanal anvenraut habe? Was muß daS für eine Vorsehung sein, die ohne jcdwcdcn Grund einen so dumm eigensinnigen Streich spiel!' Freilich kann eS reinen Moment zweifclhaft sein, wohin diese Frage einen jeden Menschen mit wahrhaft unbefangenem, historischem Blick führen muß, wenn man überhaupt zwischen so ernsten Bedenken, wie die in! Gefolge dieser Frage ansgetanchtcn, und zwischen Erwägungen zu wählen hat, die vor den! hohcitsoollcu Throne Klios zu kindischen Schrullen, wenn nicht zu etwas noch Schlimmerem, zusammeiischrumpscn. Der berufene Richter der Weltbcgcdenheitcn müßte es offen und fest aussprechen, daß eS von großer geschichtlicher Kurzsichtigkeit zeuge, der Vorsehung einen solchen Fehlgriff andichten zu wollen, und daß cs demzufolge eine unentschuldbare Leichtfertigkeit genannt zu werden verdient, die Hebräer zu einem Ausbund des Lasters und der moralischen Gesnnkenheit zu erniedrigen. Wir sind die Letzten, welche den Zustand der Juden in Aegypten als dem Ideal der Menschcnhohcit entsprechend bezeichnen möchten, sowie wir Juden über- Haupt uns in diesem Punkte keinen chauvinistischen Beschönignugen hingebcn. Wie sollte es auch denkbar sein, daß eine fast vierhundert Jahre dauernde Knechtschüft durch ein selbst geknechtetes, ganz im Schlamme urheidnischer Sittcnlosigkeit aufgegangcncs Volk, ohne Lief einschneidende Wirkung bleibe? Und wenn cs selbst ein tadelloser Cherub wäre, der aus Himmelsregioncn in diesen Pfuhl stürzte, er müßte hier zu einem Dämon, zu einem geschworenen Feind alles- Guten werden. Die jüdischen Weisen charakterisircn übrigens am beftcii Liese traurige Periode in ocr Geschichte des jüdischen Volkes, indem sie mit rühmlicher WahrheitSliebe aussprcchen, daß die Juden in Aegypten bereits 39״ Thore der Unreinheit" (so viel wie moralische Verderbtheit) passirt hatten und nur noch von einen!, dem letzten Thore, von jenem Grad getrennt waren, der daS völlige Abstrcifen alles HoheitSvollen, das gänzliche Erlöschen des göttlichen FunkcnS im Menschen bedeutet. Doch hat man durchaus kein Recht, auf diese Worte gestützt, nach trivialen Begriffen den Stab über dasjüdische Volk zu brechen, denn um jene Worte richtig deurthcUcn zu können, muß mau erst wissen, welch große Anforderungen die jüdische Ethik an das jüdische Individuum stellt. So wie der Glanz des Goldes durch eine noch so hohe Schmutzschichte nicht geschwächt wird und wie eine Befreiung von diesem Schmutz genügt, um ihm seine ursprüngliche glänzende Reinheit wieder zu geben, so genügte die einfache He raus Hebung aus den Lüstern Verhältnissen, um dieselbe von vicrhunderriährigcm Einfluß getränkte Gencration zu dem Ausrufe zu befähigen: ״Alles, was der Herr spricht, wollen wir vollführen und befolgen!" Wenn auch bald darauf dieser große Ausruf für einen Moment vergessen wurde und auch sonst noch manche vorübergehende Rückfälle sich ereigneten — waS thnt das? Also nicht einmal ein schwachmüthiges Wanken, ein unsicheres Ausgleitcn auf dem ungewohnten Pfade erhabener Geisteshöhe sollte die UebergangSphase der Erhebung aus geistiger und körperlicher Sklaverei zur vollständigen Emanzipirung nach beiden Richtungen kennzcichuen? Nur eines einzigen Hauches bedurfte es, um in dem Gemüthe der tyrannisch gepeinigten, blutig gegeißelten, verabscheuten, durch Beispiel und namcnloses Elend erniedrigten Menschen die in geheimster Seelenticfc noch lebende Empfänglichkeit für alles Hohe und Edle, dieses Vermächtniß ihres großen Ahnherrn Abraham, zur lobenden Begeisterung für das strengste und reinste Sittengcsetz anzufachcn. Sobald die Last von vier Jahrhunderten der Knechtschaft von den Schultern dieses wunderbar zähen Volksstammcs genommen war, schüttelte cr auch schon die vierhundertjährige Beeinflussung ab und vermochte Herold der Gottesbotschaft an die Menschheit zu werden. Wir wollen erst ein Volk scheu, welches nicht einen größeren, auch nicht einen ähnlich großen Beweis seiner unverwnsllichen sittlichen Macht, nein, blos den zehnten Thcil desselben geleistet hat, und wir werden mit Schiller ein unbeantwortetes Fragezeichen neben der Erscheinung erblicken, -daß die Vorsehung, das edelste aller Güter, die Wahrheit, durch einen unreinen Kanal geleitet hat, wir werden bereitwilligst zugeben, daß die Vorsehung sich verhängnißvoll geirrt und Schiller Recht behalten habe. Aber die Folge hat der Vorsehung Recht und Schiller Unrecht gegeben! sie hat bewiesen, daß 'das edelste aller Güter keinen besseren Händen und Herzen hat anvertraut werden können, als gerade den jüdischen. Tenn wenn auch Schiller, die günstige Gelegenheit nutzend, einen geistreichen Einfall'in ebenso geistreicher Weise zu ergänzen, behauptet, die Vorsehunng habe den Kanal ״zerbrochen, sobald cr geleistet hatte, was er sollte," so ist das nicht um ein Tüpfelchen richtiger, als die vielen andern bedauerlichen Jrrthümer zwischen denen ״die Sendung Moses" sich bewegt. Dieser Kanal ist eben vermöge seiner beispiellosen moralischen Widerstandsfähigkeit, welche ׳wohl Schiller, nicht aber auch die Vorsehung verkannt hat, unzerbrechlich. Die sechs bis sieben Millionen Inden, welche wie ein Girrte! noch heute den ganzen Erdball

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