Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 49 (3.12.1885)
- Article
- Vorwärts oder "Rückwärts"?
- Date
- 1885-12-03
- Page
- 772 (sequence 1)
- Language
- German
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772 ..Vomlirts.. oder..MMlilirts"? Von Ludwig A. Nosenthal, Rabbiner zu Köthen. .Wovon wißt ihr uns zu erzählen, ihr leuchtenden Boten des Ehanuckafestcs? Bringt ihr uns Kunde von der Heldcnkraft jüdischer Kämpfer, und stellt ihr euch Abend für Abend ein, um uns durch eure stets wachsende Reihe zu stolzem Sclbstbcwußtscin zu entflammen? Nein, ihr mahnt uns ja nicht an äußere Erfolge unserer Vorfahren, an herrliche Siegesfcste Angesichts überwundcncr Feinde — ihr haltet allein den Augenblick der Tempelweihe in unserer Erinnerung fest, ihr lenkt unfern Sinn nach jenem Vichtwunder hin, in Euch zeichnet sich uns das sichtliche und wunderbare Eingreifen .der Gottheit in die Ereignisse der Makkabäerzeit, ihr zeugt uns dafür, daß unsere Ahnen in der Neinheit des Hciligthums den schönsten Erfolg ihrer Kämpfe, das einzige von ihnen erstrebte Ziel all ihrer Bcmühungen zur Grundlage der Ehanuckafeicr gemacht haben. Das Ewige und Unzerstörbare jener Ergebnisse Legten sie uns damit für alle Zeiten nahe, während sic für die Erinnerung an ihre äußeren Errungenschaften in einem dem Gedanken der Gejctzestreue geweihten Feste keinen Raum gefunden haben. Möge es uns nun vcrstattct sein, aus einigen grundlegenden Aussprüchen unserer Weisen die Anschauuugcn und Entschlüsse zu entwickeln, welche die Ehanukalichter in uns Hervorrufen sollen. פוחת והולך בנגד ימים הנכנסים וכגנד פרי ההג. " Abnehmer: soll die Reihe der Chanrrckalichter, da mit dem weiterer: Fortgänge des Festes wir immer weniger Tage zu erwarten haben, oder den Opfcrthicren des Sukkothfcstcs gemäß, deren Anzahl auch von Tag zu Tag geringer wurde, so lehrt die Schule Schammai'S. מוסיף והולך בנגד ימים היוצאים וכנגד מעלי; בקדש ״ •ואי[ מורידי;Immer mehr Ehannckalichter sollt ihr Abend um Abend anzünden, da ja die Reihe der vcrflossenen Ehanuckatage immer größer wird, oder da wir bei heiligen Dingen stets aufsteigcn und niemals etwas im Wcrthe verringern," so lautet der Wahrspruch der Hillclschule. Beide Lchrhäuscr bewegen sich auf dem Boden derselben unabänderlichen Halacha נר איש וביתו ולמהדרי; כר, nur in Bezug auf die;מהדרין מן המהדדי, die der Mizwa in ganz besonderer Weise genügen und mehr als genügen wollen, neigen sic sich nach den verschicdcnen Seiten des schon bestehenden Brauches hin. Für uns sind diese Talmudsützc weit n:chr, als bloße trockene Bestimmungen, sie fordern durch ihre Begründuug unser Nachdenken heraus, und wir ergreifen mit Freude die Gelegenheit, dem Gegensätze zwischen den beiden Schulen, wovon wir soviel haben fabeln hören und welcher in ganz hervorragendem Maße zur Beschönigung vieler Neuerungen hat dienen muffen, gedanklich näherzutrctcn. Die Zustände in Israel, denen durch das Eingreifen des Mathatias'ein Ende gemacht wurde, waren durch den Kampf zwischen den Freunden der Ueberlieferung und den Anhängern einer angeblich freieren Richtung hervorgerufen worden. ״Wozu," so sprachen die Letzteren, ״nun. im Zeitalter der griechischen Blldüng uns eincngcn lassen von Bestimmungen einer grauen Vorzeit? Um uns herum soll es Licht werden, der verdunkelnde Einfluß der Finsterlinge, die den Geist des antiochenischcn Jahrhunderts nicht verstehen, soll schwinden, und. wir wollen zu echten Bürgern - der Neuzeit uns stempeln. Das Judcnthum, die Thora in ihrem innersten Geiste׳ wollen wir nicht aufgcben — dafür opfern wir begeistert unser Leben hin! Nur der steten Fesseln wollen wir uns entledigen, mit denen das geschriebene, wie das mündliche Gesetz uns umzieht — dabei muß das Wesentliche gewahrt und mit dem Zeitgeistc verschmolzen werden." So sprachen jene vorgeblich nach Erleuchtung, in Wirklichkeit aber nach dem Genüsse des Lebens Strebenden, und sie merkten nicht, wie das ״Wesentliche" immer mehr und mehr.schwand, wie die Reihen der strengen Thorafrcunde sich lichteten, wie die reine, uneigennützige Gesinnung immer mehr sich verlor und Verzweiflung Diejenigen ergriff, welche ihre Zeit recht verstanden. Wie kan! es, daß von so vielen Tausenden nur verhältnißmäßig Wenige, eine von ihren Glaubensbrüderngewiß für verächtlich gehaltene Minderheit, die Auflösnng der Gcsammtheit bemerkten, —und es waren dies gerade die sogenannten Finsterlinge, — während die verführten Massen verständnißlos dem Abgrunde zustcuertcn? Weshalb ging cs mit dem Lichte der Thora selbst פוהת והולך, so daß cs immer mehr und mehr, wie die schammaitische Reihe des Ehannckalichter, abnahm? כנגד ימים הנכנסים. Diese Satzung gründet sich daraus, daß, wenn man die noch zu erwartenden, also die künftigen Tage des Ehanucka beachtet, man ihrer immer weniger vor sich hat. Allerdings, auch jene Vcrbleudctcn der Vorzeit sprachen iuuner von der Zukunft Israels, von den ימים הנכנסים, den kommenden Tagen, ohne sich die Mühe eines Rückblicks auf die Vergangenheit zu nehinen. Die Feste mit ihren Erinnerungen, das gottesdienstliche und das häusliche Judcnthum hatten sic als lästige AeußcrLichkeit von sich abgcworfcn — was war ihnen die Vergangenheit andcrs, als ein tobt hinter ihnen liegendes Zeitalter? Ohne Kenntniß der Vorzeit und der in ihr begründeten Quellen des Judcnthums — wie sollte der Maaßstab jener Zeit für das Heilige nicht verschoben werden?