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Jeschurun · 1885-11-26 · Heft 48 (26.11.1885) · p. 756

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 48 (26.11.1885)
Article
Die wirkliche Sendung Moses
Date
1885-11-26
Page
756 (sequence 2)
Language
German
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756 verlassen und exakte Wissenschaft in eine künstlerisch prächtige Form gelegt wurde, daß die Ausfassung und Beurtheilung der Wcltbegcnhcilen eine originelle ist, wodurch mit eine Anregung zur Befreiung des Geschichtsstudiums vom altgewohnten gelehrten Zopfthnm gegeben und eine neue rationelle Richtung angebahnt wurde. Es wird aber nirgends in Abrede gestellt, daß bei aller Eleganz der Form von einer wissenschaftlichen Bedeutung kaum die Rede sein kann, daß das mühevolle und gewissenhafte Studium der Quellen, welches allein im Stande ist, einer Geschichte historische Autorität zu verleihen, überall vermißt werden u!uß, daß die Spinnung des verbindenden logischen Fadens zwischen den einzelnen Begebenheiten, was ja bekanntlich das vornehmste Ziel der Geschichte sein soll, willkürlich, subjektiv und die Auffassung bei aller Originalität nichts weniger als richtig ist. Was ergicbt sich hieraus? Daß die historisch-philosophischen Arbeiten Schillers, wie alle seine übrigen Werke, auch eine sehr anziehende Lektüre sein können und auch faktisch sind, daß sie aber keinen Anspruch erheben dürfen, für kompetente wissenschaftliche Forschungen genommen zu werden. Doppelt lebhaft vergegenwärtigt sich uns diese Ueberzcngung, wenn wir die schon einmal erwähnte Schrift Schillers: ״Die Sendung Moses" lesen, denn in wenigen wissenschaftlichen Arbeiten des Dichters finden wir seine Mängel so zahlreich und so dicht beisammen, wie in der angeführten. Oberflächlichkeit, Mangel an Objektivität, ja — grelle Widersprüche mit sich selbst strotzen uns hier entgegen und bringen einen Mißklang in die reine Harmonie der Vorstellung, die in uns von dem großen Genius lebt. Das Einseitigc als solches klar zu legen, das Irrthümliche zu berichtigen, die Widersprüche auszudecken, sott der Zweck dieser Zeilen sein, welche wir, dem Resultate gemäß, das durch sie erreicht werden soll, nämlich eine von den Schiller'schen Mißdeutungen gereinigte Vorstellung von der Sendung MoseS zu begründen, die ״wirkliche" Sendung MoseS überschricben haben. Nachdem Schiller die universelle Bedeutung der jüdischen Religion als Basis der zwei meist verbreiteten monotheistischen Religionen, des ChristenthumS und Islams, betont hat, geht cr zur Würdigung des universal-historischen Charaltcis des jüdischen Volkes über und thut da den vielversprechenden, von wahrhafter, historiographischer Objektivität getragenen Ausspruch: ״Alles Bose, welches man diesem Volke nachzusagen gewohnt ist, alle Bemühungen witziger Köpfe, cö zu verkleinern, werden uns nicht hindern, gerecht gegen dasselbe zu sein." Ja, das ist ein Satz, würdig eines großen, über subjektive Neigung und Abneigung erhabcnen Geistes und vor Allen! würdig eines GeschichtSschreibers. Aber schon im unmittelbar folgenden Satze bereitet uns Schiller eine arge Enttäuschung, indem cr unserem Vertrauen in seine versprochene ״Gerechtigkeit" einen erschütternden Stoß versetzt. Die vorhin angeführten Worte: ״Alles Böse, welches man diesem Volke nachzusagen gewohnt ist..." müssen wohl auf jeden logisch denkenden Menschen den Eindruck machen, als ob die Auffassung ihres Schreibers dahin ginge, daß dieses ״Böse" mehr auf die menschliche ״Gewöhnheit": ״nachzusagcn", als auf faktisch bestehende Verhältnisse zurückzuführcn sei, und daß diesem ״nachgesagten Bösen" nicht mehr Berechtigung zugesprochen werden dürfe, als den im Nachsatze erwähnten ״Bemühnngen witziger Köpfe", das jüdische Volk zu verkleinern. Diese Deutung der angeführten Worte Schillers ist nach dem, was wir früher von ihn! vernommen, die einzig plausible. Sie wird uns von dem Gesetze logischer Folgerichtigkeit aufgezwungen. Denn wahrlich, nachdem man von einem Volke eingestanden hat, daß die Folgen einer in seinem EntwickelnngSgang vor Jahrtausenden sich zngetragcnen Aktion ״bis auf diesen Augenblick fortdauern"; nachdem man hat zucrkennen müssen, daß durch die Vermittelung dieses Volkes dem Menschengeschlecht ״die kostbare Wahrheit der Lehre von dem einigen Gott zugeführt" und einem großen Theile der Menschheit ״die traurigen Irrwege erspart wurden, worauf der Glaube an Vielgötterei zuletzt führen n!uß", ist es da etwa nicht vernünftig, an der Wirklichkeit des Bösen zu zweifeln, welches der nach Acußerlichkeiten nrtheilende große Haufe über dieses zu einer so ausgezeichneten Mission bestimmte Volk in Umlaus gesetzt? Und doch verleugnet Schiller diese vernunftgemäße Auffassung, indem er gleich den folgendcn Satz mit den affirmativen Worten beginnt: ״die Unwürdigkcit und Verworfenheit der Nation kann das erhabene Verdienst ihres Gesetzgebers nicht vertilgen!" Als ob der Gesetzgeber nicht ein Sprößling dieser Nation wäre, als ob gerade dieser ״Gesetzgeber" nicht das sprechendste Zeugpiß dafür wäre, daß ein Stamm, der in anderen Verhältnissen solche Sproßlinge zu treiben vermag, denn doch nicht so ganz ״unwürdig" und ״verworfen" sein könne!! — Durch diesen eben nicht sehr glücklichen Ausfluß seines Gerechtigkeitssinns gegen das jüdische Volk setzt sich Schiller in einen scheinbaren Widerspruch mit sich selbst, in einen wirklichen aber mit den Prinzipien der geschichtlichen Billigkeit. Doch wir müssen sparsam sein mit den Kundgedungen der Verwunderung, denn was wir bisher wahrgenommen, ist bloS eine schwache Probe jener Uebrrraschungen, die uns Schiller in! weitern Verlauf seiner Schrift zugedacht hat. Gleich in nächster Nahe wartet unser eine Leistung, vor welcher wir uns mit betroffenem Kopsschütteln fragen müssen, wie es möglich /

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