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Jeschurun · 1885-11-19 · Heft 47 (19.11.1885) · p. 747

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 47 (19.11.1885)
Article
Über die jüdischen Ackerbau-Kolonien in Rußland
Date
1885-11-19
Page
747 (sequence 2)
Language
German
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Nen-Berislaw, Jngutetz, Groß- und Klein-Sede, Menucha, Bobrowy-Kut, Nen-Sitomir, Neu-Witedsk, Neu-Podo!ök, Neu-Kowno, Kamenka, Jglutschasta, Pisanowka, Sagaidan. Jsrailewka, Marianowka, Martinswitschewa. Vcrina, Morgunowka und Walachewka. Achtzehn dieser Kolonien besaßen im Jahre 1877 eine Bevölkerung von 21881 Seelen, 11359 männlichen und 10 529 weiblichen. Die relativ größte Bevölkerung (nämlich von arbeitsfähigen Männern) weist die jüdische Kolonie Jngutetz mit 1050 männlichen und 944 weiblichen aus. Darauf folgt die große Sede-Menucha, die 1042 männliche und 992 weibliche Bewohner zählt, dann Bobrowy-Kut mit 1019 männlichen und 930 weiblichen, Ncu-Pultawka mit 964 männlichen und 937 weiblichen, Dobraya mit 849 männlichen und 750 weiblichen Personen. Die kleinsten jüdischen Kolonien sind Gromatklea mit 176 männlichen und 154 weiblichen, Klein-Nahartow mit 135 männlichen und 127 weiblichen Personen. Nach den statistischen Angaben des früheren Vorsitzenden der rabbinischen Kommission. F. H. Blumenfeld, führen von dieser Gejammtbevölkerung 10 000 Männer eigene Wirthschäften und verrichten alle vorkommenden Feldarbeiten. Die geringen Bodenerträgnisse liefern aber nicht für alle Bewohner die erforderliche Ernährung. Ein Theil der Bewohner vermiethet sich deshalb als Feldarbeiter oder treibt auswärts landwirthschastlichc Gewerbe. Andere dieser Juden ziehen auch, wenn die Landarbeit vorüber, hausirend oder allerlei Gewerbe treibend, in die Städte, ähnlich wie es die kleinen deutschen Bauern auch thun, die um nicht zu verhungern, zu irgend einem Gewerbe neben der Landwirthschast greifen müssen. Die 27 Kolonien sind natürlich nur ganz allmahlig entstanden. Bis 1827 gab es in diesem Gouvernement nur 7 Kolonien. Was die Lage derselben noch außerordentlich erschwerte, das waren zahlreiche Epidemien, welche unter Menschen und Thieren schreckliche Vcr- Wüstungen anrichteten, und dabei allerdings nicht nur die jüdischen Dörfer, sondern auch alle Niederlassungen des Südens׳ verheerten. Wie sehr Mißernten und Epidemien die Kolonien heimsuchten, das lehrt ein Blick auf die Unterstützungen, welche die Negierung den Juden gewährte. In den Jahren 1833, 1834 und 1835 erhielten sie nach sehr schlechten Ernten Getreide zur Aussaat und zur eigenen Ernährung; Lm Jahre 1846 wurden ihnen Ochsen gewährt, weil die Rinderpest ihnen daß Vieh weggcrafst hatte; im Jahre!848 und 1849, wiederum nach schlechten Ernten, erhielten sie Korn zur eigenen und zur Ernährung des Viehes, zugleich Getreide zur Wintersaat, außerdem Medikamente gegen die Viehseuche; im Jahre 1856 und 1857 gewährte die Negierung Winter- und Sommersaat, Vrod zur Ernährung der Bauern und Wintersutter für das Vieh; im Jahre 1859 und 1860 wieder Kornunterstützung für die Bauern und das Getreide zur Aussaat; im Jahre 1862, 1863 und 1864 geschieht das Gleiche; im Jahre 1869 giebt die Regierung Korn für die Bauern und Heu für das Vieh. Im Verlaufe von vierzig Jahren von 1833 bis 1873 befanden sich die Kolonien vierzehnmal in kritischer Lage, und meist sind eö klimatische Verhältnisse oder Pest- und Viehseuchen, welche das Unheil hcraufbeschwören. Dieselben Nothftände zeigten sich übrigens in allen Gouvernements des südrnssischen Steppcnplateaus; allerdings wohl nirgends so fühlbar wie in Cherson. Wie jede Sisyphusarbeit, so wirkte auch die Fruchtlosigkeit alles MühenS und Ringens entmuthigend auf die jüdischen Bauern ein. Aber das wäre noch zu ertragen gewesen; die Hoffnung auf gute Ernten hätte die Menschen stets wieder ermuntert und eine gute Ernte eine Reihe schlechter Jahre in Vergessenheit gebracht. Ein anderer Umstand aber war es, gegen den man vergeblich ankämpfte und der die Mißstimmung in Helle Verzweiflung ümwandelte. Die Regierung hatte nämlich jeder Kolonie in der Person eines ausgedienten Garde-UnteroffizierS einen besonderen Aufseher bestellt, der in der Kolonie die Ordnung zu erhalten hatte. Ein solcher Aufseher hatte von der Landwirthschast nicht die blässeste Ahnung und-war am Wirthschaftswagen der Kolonie das fünfte, absolut überflüssige Rad. Der Aufseher mußte sich aber etwas zu thun machen und füllte seine Zeit mit der schändlichsten Behandlung der Kolonisten aus. Statt dieselben, wie das Reglement vorschrieb, mit ״milder Strenge" zu behandeln, gefielen die Aufseher sich darin, militärische Zucht einzuführen, die Tyrannen zu spielen und die Kolonisten ohne Unterschied des Alters und Geschlechts, mit und ohne Anlaß, mit der Knute oder mit Ruthen zu prügeln. Es gab dagegen keine höhere Instanz, an welche appellirt werden konnte; die unglücklichen Kolonisten waren auf Gnade und Ungnade den rohen Soldaten preisgegeben. Es ist begreiflich, daß sich unter ihnen, wie unter allen Juden, die Furcht verbreitete, es sei darauf abgesehen, sie zu Leibeigenen zu machen. Wer von ihnen fliehen konnte, der floh. Die empörenden Zustände in den Kolonien nötbigten die Regierung endlich, die Militäraufseher abzuberufen und durch Zivilaufseher zu ersetzen. Diese waren nicht so roh, aber dafür Spitzbuben mib weiftentheilS die unverschämtesten Ausbeuter. Sie preßten die Kolonisten auS, so viel sie vermochten. Es kamen sogar Zahlreiche Fälle vor, daß Kolonisten, welche sich nicht ausprcssen ließen, wegen ״schlechter Aufführung" nach Sibirien verschickt wurden. Man kann sich denken, daß bei solcher Sachlage in den jüdischen Kolonien Zuletzt jede Arbeitsfreudigkeit schwand und allgemeiner

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