Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 47 (19.11.1885)
- Article
- Zur Beleuchtung der rumänischen Judenfrage
- Date
- 1885-11-19
- Page
- 743 (sequence 3)
- Language
- German
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743 zigen Faktum liegt die ganze Anomalie des Verhältuisses, in welchem sich die eingeborenen Inden Rumäniens befinden. Sind wir Fremde, warum gicbt man uns rumänische Pässe und schickt uns nicht lieber in unsere vermeintliche Heimath mit Pässen von dort versehen? Sind wir aber Einheimische, wie kann man unS dann. auSweisen und an andere Staaten die Zunruthung stellen, ansgewiescne Rumänen aufzunehmen? Von imperativer Nothwendigkeit ist daher, die legale Stellung der eingeborenen, einer fremden Macht nicht unterworfencn Juden zu präzisiren, wie es seinerzeit vom Grafen Launay beim Berliner Kongresse verlangt wurde. Herr Dr. Gaster schließt mit den Worten: ״Ich selbst verlasse ohne Groll mein Vaterland, das ich trotzdem nicht anfhören werde, als solches zu lieben, und der tiesste Schmerz den mir diese meine'Answeisung bereitet, ist der, zu sehen, wie dieses mir thcurc Land durch die Unglückseligen Maßregeln einer verblendeten Negierung in seinen Interessen geschädigt und in den Augen des Auslandes herabgesetzt wird." Wenn die Regierung gegen solche Männer also verfährt, wie erst mit Anderen, welche nicht graduirt und betorirt sind und sich nicht also um die national-rumänische Kultur verdient gemacht haben?? Jener Antrag des Grafen Launay zu den Artikel 44 lautet also: ״Jeder in Rumänien von Vater aus Sohn Geborene, der sich keines fremden Schutzes erfreut, ist ipso facto Rumäne." Leider wurde derselbe von der Berliner Konferenz nicht adoptirt. Es dürfte jetzt aber an der Zeit sein, wenn die augenblicklich tagende Konstantinopolcr Botschafter-Konferenz diesen Antrag aufuehmen und die Berliner Siguatarmächte auf dessen strikte Durchführung bei der rumänischen Negierung dringen würden. — Das wäre die einzige Lösung der rumänischen Iudcnfragc. Ichmul Jeßmitz. Von Naphrali Simon. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Man wollte die den Schrecken der Heimath Entronncnen in ein neues Hein: einweisen, wo man sie nicht mordet, schändet, beraubt und unterdrückt, wo sie in Ruhe und Sicherheit sich des Glückes erfreuen können, welches der allgütige Vater der Menschheit auch ihnen, seinen Kindern, zu beschceren wohl erachtet. Und man vermciute in der neuen Welt ein solches Heim besser für sie zu finden .als in der alten. Von Amerika schrieben auch die Brüder: Sendet uns nur immerhin einige Tausende unserer unglücklichen Brüder; wir wollen sie offenen Armes empfangen. Aber sendet uns nicht mehr als für welche wir zu sorgen vermögen׳ Vor Allem sendet uns nur ganz kräftige, arbeitsfähige Menschen, keine Sieche, Krüppel und Greise. Lasset uns unserer heiligen Bruderpflicht gemeinsam obliegen. Sorget ihr für diese Wenigeren, wir wollen dagegen die Sorge für den größeren Theil übernehmen. Jankel Przestowitz!var ein Krüppel. Er vermochte nicht die Rechte zu rühren, er konnteweder den Hammer schwingen noch den Grabscheit handhaben. Er mußte deshalb in der alten Welt sich ein Plätzchen suchen, wo er sein Zelt aufschlagen konnte. Und dieses Plätzchen fand er endlich nach langer Wanderung unter dem Dache des elendesten Häuschens in dem engsten Gäßchen der äußersten Vorstadt. So war denn aus dem tapfern KriegSmanne, dem arbcitSfrohen Schmied ein Lumpensammler geworden, der mit dem Sacke aus den breiten Schultern und dem Hacken in der Linken, die Straßen durchwandcrtc, treppauf treppab stieg, um die Gunst der Diener und Mägde sich bemühte und von dem geringen Nutzen, welchen dieser Handel abwarf, sich und die Seinigen ernährte. Das für diesen Geschäftsbetrieb erforderliche Betriebskapital von ganzen zwanzig Mark war nicht sein eigen. Es hatte sich in der Stadt ein Verein gebildet, welcher es sich zum schönen Ziel gesetzt, den Limen GlaubcnSbrüdern die Bürde des Lebens zu erleichtern. Dieser Verein gewährte den Bedürftigen unverzinsliche mäßige Darlehen ohne Sicherheitsstellung, Zuschüsse zu der Wohnnngsmiethe und dem Schulgelde, sowie in besonderen dringenden Fällen verabreichte er denselben Nahrungs- und Heizungsmittel zum halben Preise oder auch ganz umsonst. Andere Vereinigungen in der Gemeinde übernahmen die Sorge in Krankheitsfällen, für Kleidung und andere Bedürfnisse, sodaß die armen Fremden hier ein wohnliches Heim sich gründen konnten, wenn sie auch nur ein Geringes in dem Kampfe ums Dasein zu erringen vermochten. Jankel Przestowitz empfing auch von der brüderlichen Hand seiner Glaubensgenossen manche Liebesgabe und ward dadurch befähigt, die geringen Ansprüche an ein bescheidenes Dasein zu befriedigen. Der deutschen Zunge ward aber die Nennung seines slavischen Namens zu unbequem und so verwandelte er sich von einem Przestowitz in einen Zestowitz und von einem Jankel in einen Johann. An dem kleinen Wagen, welchen er sich bald anschafsen mußte, um die Ausbeute seiner emsigen Forschungen nach Abfällen zu befördern, prangte die stolze Firma seines Handels als Johann Zestowitz. Die Kinder besuchten die Schule und zeichneten sich durch Fleiß und sittsames Betragen aus. Sie eigneten sich bald die ihnen mangelnde Fertigkeit der deutschen Sprache im korrekten Ausdruck an. ״Es wäre Schade/' sprach der Lehrer nach Jahresfrisr Mi Vater, ״wenn Sie Ihren Sohn nicht in