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Jeschurun · 1885-11-05 · Heft 45 (5.11.1885) · p. 710

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 45 (5.11.1885)
Article
Das todte Meer
Date
1885-11-05
Page
710 (sequence 2)
Language
German
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710 v. Schubert und die Engländer Bcke und Moor diese interessante Entdeckung gemacht haben, von dieser tiefen Lage des Sees gar keine Ahnung hatte. Dieser Seeabsturz ist ein in seiner Art einziger Erdwalt, ein riesiges Felsen!och, ein wunderbarer Kessel, wie wir ihn sonst nirgends finden. Es gicbt auch wohl Seen, .welche bis 100 Meter unter dem Niveau der damit zusammenhängenden Gewässer liegen. So der Kaspi- und Elton-Sec in Asien und die Bittersten bei Suez, aber was sind 100 Meter gegen den Abgrund dcö tobten Meeres? Und dazu beträgt die größte Tiefe des Sees gerade in der Mitte zwischen der Jordan- Mündung und der Landzunge Lisün noch 350 Meter. Nach Or. Oskar Fraas war der See ursprünglich noch viel tiefer und also auch größer, indem die alten Fluthmarken am User mehrere Meter hoch deutlich zu erkennen sind. Noch heute steigt das Wasser im Winter, wo der Sec ein Reservoir der atmosphärischen Niederschlage der Gegend ist, ein Sammelbassin der Winterbäche, um 2 — 3 Meter höher als zur Sommerszeit. Die zweite merkwürdige Eigenschaft dieses Sees ist die Abwesenheit alles Lebens in ihm. Keine Spur von animalischen oder vegetabilischen Leben ist darin zu entdecken Kein Fisch, kein Schalthier, keine Koralle, leine Alge kann darin cxistiren. Während das große Meer eine reichere Thicrwelt birgt, als aus der Erde und in den Lüften wimmelt und schwirrt, und während sonst daS Wasser das umliegende Land befruchtet, verdirbt diese Fluth alles Leben. Die Muscheln, die Reisende manchmal an ihrem Strande fanden, waren vom Jordan hineingcspült und wieder auSgeworfen worfen. Selbst Seefische können da nicht sortkommen. Schon der Herzog von Nagnsa brachte Seefische von Alexandrien dahin. Sobald er sie in das Wasser des lobten Meeres versetzte, starben sic augenblicklich. Der Herzog von LuyncS fand in den Salzquellen im Südwesten des SecS eine Menge ganz kleiner Fische. Als er sie nun in eine mit Wasser aus dem tobten Meer gefüllte Schüssel gab, gingen sie sofort zu Grunde. Dazu erblickt man heute am See kein HauS, keine bleibende Ansiedlnng der Menschen. Kein Schiff durchfurcht seine schweren Wellen. DaS Treibholz, das der Jordan in den See schwenunt, das hohe Strauchwerk und ganze Bäume mit all ihren Aestcn, wird von diesem Wasser seiner Blatter und selbst seiner Rinde in kurzer Zeit gänzlich entblößt, so daß die Stämme wie gebleichte Skelette und Todtengcrippe aus der Fluth am Ufer empor- Lauchen oder am Strande umherliegen. Auch der Jordan, die Hauptader des Landes, findet in dem tiefen Schlund des Sees, dem dritten und größten Gecken, das er im Ghor ausfüllt, sein Grab. Nachdem er durch die FelSkLüfte unter dem Hormon, wo er in drei starken Quellen entspringt, wildrauschend sich den Weg in die Ebene gebahnt, zwei Becken auf seinem Wege gebildet 1.mb in einer tiefen Rinne, an bereit meist grünen Ufern allerlei Thiere nisten, nach Süden geeilt ist, hört bei M'.cr Mündung ins rodle Meer mit einem Male alles Leben, das sein Wasser hervorries, auf, und er selbst findet in dieser Felsenklnst sein Ende. Die alles organische Leben zersetzende Eigenschaft dieses Wassers, dieser Tod in seinen Fluthen, und die Wildheit der eS umschlingenden Berge, die Einsamkeit mib Stille rings umher haben diesem See den Namen des tobten Meeres gegeben. Worin liegt die Ursache, daß in den Tiefen dieses SeeS der ewige Tod herrscht? Das Wasser ist eine so gesättigte Salzlauge, daß in ihr jedes Wesen erstexbcn muß. Deshalb ist der See auch seit alten Zeiten unter dem Namen des ״SalzmeerS" bekannt. Er enthält ja bis 27 Prozent geloste Salze, Chloride und Bromide, indem Chlor und Brom mit Natrium, Magnesium, Kalium und Calcium Verbindungen eingegangen sind. In einer so grabirten Soole kann weder ein Thier noch eine Pflanze aufkommen. Uebrigens ist das tobte Meer nicht gleich salzig. Schon Kapitän Lynch sand, daß sich die weniger salzhaltige Strömung des Jordan in der Mitte des Sees weithin Nachweisen läßt. Ebenso ist das Wasser in der Lagune bei USdum an der Oberfläche sehr wenig salzig, da sich hier süße Bache von Süden her in den See ergießen. Und wie sonst im Meere die Salz- Halligkeit des Wassers mit bei* Tiefe zunimmt, so trifft dies auch hier zu. In der Mitte des Sees und in der Schwcmmfläche im Süden fand der Herzog von LuyneS an der Oberfläche, wie im großen Meer, durchschnittlich nur 3—4 Prozent Salze. Der Herzog hat aber auch zuerst mit einem vortrefflichen Apparate ans allen tiefer gciegenen Schichten Wasser geschöpft und gefunden, daß cS bei 20 Meter Tiefe bereits 20 Prozent, bei 120 Meter Tiefe 26 Prozent und bei 300 Meter Tiefe 27,8 Prozent Salze enthält. DaS spezifische Gewicht des Wassers ist schwerer als daS eines mittelstarken ManueS, 1'/rmal schwerer als gewöhnliches Wasser. Der menschliche Körper schwimmt darin wie Kork, und daS Tauchen ist für den Einzelnen fast ein Ding der Unmöglichkeit, wahrend es um so leichter ist,, eine sitzende Stellung darin einznnehmen oder sich ans den Nucken zu legen. Nichtschwimmern gelingt cS übrigens nicht immer, sich über Wasser zu erhalten. Ein frisches Ei sinkt kaum zwei Drittel seiner Länge ein. Endlich heißt das tobte Meer seit Josephus auch Asphalt-See, von dem Erdpech, das die Kalkberge an seinen Ufern durchdrungen hat. DaS Erdpech ist dem ganzen Jordan-Thale vom Libanon bis zum Rothen

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