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Jeschurun · 1885-11-05 · Heft 45 (5.11.1885) · p. 708

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 45 (5.11.1885)
Article
Wagner's Antisemitismus
Date
1885-11-05
Page
708 (sequence 2)
Language
German
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708 Wochentage ein besonders Mißgeschick widerfahren, cS! war zufällig eine bestimmte andere Person dabei zu- gegen, an dem Orte des unglücklichen Ereignisses stand ein Tanncnbaum, der Duft eines nahen Roscnstockes; traf gerade die Geruchsnerven der unglücklichen Person, zugleich drang zu ihrem Ohr der Schlag einer Nachtigall. Fortan rufen die Wiederkehr dieses bestimmten Wochentages, die Begegnung dieses Zeugen, der Anblick des Ortes, eines Tanncnbaumcs, die Wahrnehmung des NosenduftS, des SangeS der Nachtigall eine unangenehme Empfindung bei dieser Person hervor. Sie verabscheut den Tag, den Zeugen, den Ort, den Tannenbaum, den Rojenduft, den Nachtigallenschlag .׳nicht aus vernünftigen Gründen, sondern aus Antipathie. An diesem Abscheu sind die Gegenstände desselben durchaus schuldlos, dieser Haß entspringt dem unbeherrschten, durchaus unberechenbaren niederen Triebe der Person. Ein solcher dunkler Trieb, dein thierischen Instinkte ähnlicher, als einem aus edlen, sittlichen und Menschen״ würdigen inneren Anregungen entstammenden Gefühle, ist, wie Herr Wagner richtig erkennt, der AntisemitismuS. Es unterliegt deshalb gewiß keinem Zweifel, daß dem Antisemitismus nicht der mindeste Einfluß auf die Gestaltung unserer Verhältnisse gebührt, daß es vielmehr Pflicht ist, ihn aus unserer Mitte zu bannen. Nur der auf niederer Stufe stehende Mensch wird sich von seinen dunkeln, thierartigen Trieben leiten lassen. Die Religion erblickt darin ihre höchste Aufgabe, den Menschen von der Gewalt seiner unvernünstigcn, instinktiven Triebe zu befreien, seine Leidenschäften zu meistern, sein Inneres zu vcrcdlen und Gottes Gesetz und Lehre zum Herrn seiner Enipfindungen, Gedanken und Handlungen zu machen. Die Kultur will den Menschen über das niedrig Sinnliche zu reineren Idealen erheben, will seinen Geist klären, iuu Gefühl verfeinern. Religion und Kultur müssen deshalb den Antisemitismus, welcher ja nach Herrn Wagner eine Antipathie, d. i. ein unklarer, niederer Trieb ist, verwerfen. In einem Staate, welcher aus dem Grunde der Religion und Kultur beruht, ist demnach für den Antisemitismus keine Stelle. Er strebt die Verwirklichung von religiösen und knltnrfördernden Zielen an und muß darum Bestrebungen, welche wie diejenigen des Antisemitismus, im Gegensatz zu Religion und Kultur stehen, feind sein. Kein Staatsmann, kein Diener der Religion, kein Lehrer der Wissenschaft, kein Freund der Bildung, so cS ihnen um StaaLSwohl, Religion, Wissenschaft und Bildung wahrhaft ernst ist, wird sich nach der These dcS Herrn Wagner den antisimilischcn Bestrebungen anschließen können, ohne seiner eigentlichen Aufgabe untreu zu werden. Herr Wagner hat demgemäß als Politiker, Christ, Gelehrter und gebildeter Mann dem Antisemitismus daö schärfste VerdammnngSurtheil endgültig gesprochen und ihm den Krieg erklärt. Je tiefer eingewurzelt aber eine Antipathie ist, desto schwerer ist es, sie zu überwinden, und desto gcfahrdrohender wirkt sie in demjenigen, der sich von ihr beherrschen läßt. Wenn darum Herr Wagner, mit liefen Vcrständniß für das Wesen der Antipathie gegen die Juden, meint, daß ihr eine historistische Animosität zu Grunde liegt, so hat er deren Gemcinschädlichkcit den denkbar höchsten Grad .zuerkannt. Er hat damit nichts Geringeres ausgesprochen, als daß diesem völlig grundlosen Hasse eine seit längerer Zeit gehegte und gepflegte leidenschaftliche, erbitterte Gereiztheit zu Grunde liegt. Daß aber Leidenschaft, Erbitterung, Gereiztheit jede vernünftige Erwägung, jedes sachliche Urthcil durchaus ausschließen, ist evident. Der Leidenschaftliche und Erbitterte läßt sich nur von seiner Leidenschaft und erbitterten Stimmung leiten, er ist der Mahnung der Vernunft durchaus unzugänglich, er hört nicht auf die Weisung der Neligiou, er vergißt die Gesetze der Bildung, er ist taub für die Stimme der Wissenschaft. Und nun gar der von einer ״historischen" Leidenschaft beseelte, welcher diese Leidenschaft mit der Muttermilch cingesogcn, der sic genährt hat von seiner Kindheit an! Herr Professor Wagner hat sich ein nicht genug zu würdigendes Verdienst durch diese überaus klare Kenn- Zeichnung des Antisemitismus erworben. Er hat ihn allen Gepränges entkleidet und in seiner totalen Nacktheit als das unvernünftige, der niedrigen Sphäre des Instinkts angehörende, einer lange gehegten und gepflegten Leidenschast entspringende Gefühl vor der Oesfentlichkeit hin׳ gestellt. Fortan müßten Alle, die Herrn Wagner an jenem Abend reichlichen, begeisterten Beifall gespendet, sowie diejenigen, welche sich der überzeugenden Wahrheit seines Ausspruchs nicht entziehen wollen, mit Herrn Wagner vereint dahin streben, diese Antipathie gegen die Juden, den Antisemitismus, mit aller Macht zu bekämpfen..... Man müßte zuversichtlich erwarten können, daß Herr Professor Wagner im Bunde mit seinem Freunde Herrn Hofprcdiger Stöcker fortan dem Antisemitismus den Fehdehandschuh himverfen und die erhabenste Aufgabe ihres Lebens darin erblicken, die Gcmüther zu erleuchten, die Herzen zu erwärmen für die Diktate der Religion und Kultur, auf daß die Menschen sich nicht mehr beeinflussen lassen von dem dunkeln Triebe ihres unveredelten Herzens, ihrer ungezügelten Leidenschaft. Das wäre nichts Anderes als die Konsequenz deS am 2ll. Oktober anfgestettten Satzes: ״liegt nicht der Antipathie gegen die Juden eine gewisse historische Animosität zu Grunde?"

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