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Jeschurun · 1885-11-05 · Heft 45 (5.11.1885) · p. 706

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 45 (5.11.1885)
Article
Die Ewigkeit der Mission Israels
Date
1885-11-05
Page
706 (sequence 2)
Language
German
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706 nisten in diesem der gänzlichen Auflösung entgegeneilenden Gemäuer. Moder und Todeshauch durchziehen seine wankenden Hallen, in seinem Bereiche sprießt kein IcbensfrischeS fträutkin. Israel soll einem abgestorbenem Stamme gleichen, dessen Acste längst vom Sturm gebrochen und hinweggetragcn sind, dessen Wurzeln nnterwühlt sind, dessen Bestand nur noch nach Augenblicken zählt.' O, sic hätten Recht, diese weisen Männer, welche auch an Israel den Maßstab anlcgen, mit welchem sie gewohnt sind, die Erscheinungen in dem Getriebe der Staatengcschichten zu messen, sie hätten Recht, wenn Israel denjenigen Potenzen zuzuzählen wäre, mit welchen die von Menschenhand geschriebene Weltgeschichte zu rechnen pflegt. Volk ohne Staat, ohne Boden, ohne äußeres einigendes Band, überall hin zerstreut, überall angefcindct, ohne Macht, ohne Anhalt, seit Jahrtausenden gejagt und verachtet und unterdrückt, einen stolzen Traum von einem bis in die fernste Zukunft reichenden Einfluß auf die Umgestaltung aller bestehenden Verhältnisse träumend, während doch nur politische Größe und Macht Einfluß verleihen! Israel aber ist das Wunder in der Geschichte, seine Existenz, sein Wirken, seine Zukunft sind von onberen Faktoren abhängig. Dem StammcSvater schon war cs zur Erkcnntniß gebracht worden, בה יהיה זרעיך, daß losgelöst von den irdischen Bedingungen das Geschick und die eigcuthümliche Aufgabe des Volkes sein werden, welches ihm entstammt, daß cs den nicht der Erde angchörendcn Welten gleich die Bahn ziehen werde, die ihm Gott bestimme, unmittelbar getragen von der Allkrast seines ׳Schöpfers. Und ein blättcr- und ästeloscr Stamm war der Ahn, der Vater dieses Volkes werden sollte. Die über ihn ausgesprochene, au seine Nachkommenschaft geknüpfte Verheißung war wahrlich nach der gewöhnlichen Anschauung der Menschen nicht aussichtsvollcr, als diejenige, welche heute noch ans seinen Enkeln ruht, und die damalige Zeitgenossenschast mag nicht weniger über des hundertjährigen, kinderlosen Abraham sonderbaren Traum und schwärmerische Hoffnung, durch seine Nachkommen das Hei! der Menschheit zu fördern und zum Weltsegcn zu werden, gctächclt und gespottet haben, wie die Gegenwart über den Glauben an die noch der Ankunft angehörende welthistorische Bedeutung und Ausgabe seiner Sprößlingc. Mangelte cs ihm doch an jeglicher Dedingung für die ihm gewordene Bestimmung. Das greise Ehepaar Abraham und Sara entbehrte des ersten und einzigen Sohnes und schien nach aller menschlichen Voraussetzung kinderlos ins Grab sinken zu sollen. Lächerlich und unmöglich däuchte darum der damaligen Zeitgenossenschast Abrahams und Saras Zuversicht auf ans eine Zukunft. Das dürfte vielleicht auch der Gedanke sein, welchen Rabbi Lewi ausdrücken wollte, wenn er*) ausführt: Als Abraham bei znrückgelegtem ersten Entwickelungsstadinm seines Sohnes ein großes Fest veranstalten wollte, da spottete man allgemein: diese alten, dem Grabe nahen Leute haben einen Findling irgendwo anfgelescn, um ihn für ihren Sohn auszngeben, und zur Bekräftigung dieses Märchens veranstalten sie jetzt das große Fest. Was that Abraham? Er lud alle Großen ein und Sara lud alle angesehenen Frauen ein. Da kamen sie Alle und brachten ihre Säuglinge mit, ließen aber deren Ammen zu Hause. Aber, o Wunder! Sara reichte allen die Mntterbrust. Dennoch beruhigte sich der höhnische Zweifel nicht: Wie, die neunzigjährige Sara sollte Mutter, der hundertjährige Abraham Vater geworden sein können? Da zeigte das Antlitz des eben entwöhnten Isaak die Züge Abrahams und nun gestanden Alle zu, daß Abraham der Vater Isaaks sei. Die von Abraham verkündete Wahrheit, welche die Lüge zu überwinden dereinst mächtig werden sollte, und die von ihm gehegte zuversichtliche Hoffnung. für diese göttliche Wahrheit in seinen Nachkommen die begeisterten Priester der Menschheit erstehen zu sehen, waren etwas so Absonderliches und Schwärmerisches, daß die Zeitgenossen, welche in den materiellen Gütern, in Ruhm und Macht ihr Ideal und die einzigeu Bedingungen der Größe und Wohlfahrt erblickten, darüber bedenklich den Kopf schüttelten. Und dazu sahen sic diese Wahrheit und diese Hoffnung bei einem einzclnen Menschenpaare, das aus der Heimath gewandert, bald hier, bald dort sein Zelt anfschlug, nirgends berechtigt und hochbetagt war. Doch das Unerhörte hatte sich ereignet, ein stannenswürdiges Wunder. Das Zelt der Greise war die Stätte der Wiege eines Sohnes geworden. In überströmendem Hochgefühle hielt die neunzigjährige Mutter den Säugling in den Armen, erblickte der hundertjährige Vater in diesem kleinen Wesen die Verwirklichung seiner Hoffnung. Der abgestorben scheinende Stamm hatte einen Schößling angesetzt. Unmöglich! Abraham und Sara geben einen Fremden für ihren Sprößling auS. Sie selbst sind unfähig für die Zukunft zu schaffen. Eine Lüge ist cs, ein Märchen, die Welt zu blenden. Des Abrahams HauS geht unter, ein Fremder wird eS einnehmen; was angeblich unter Abrahams Dache geboren ist, wurde von draußen hincingctragen. Abraham und Sara haben seit Iahrzehcnden trügerischen Hoffnungen sich hingegeben und die ganze Welt heransgefordert — was sie jetzt endlich erreicht haben wollen, ist Täuschung. Sie haben ein Fremdes bei sich ausgenommen. Abraham .בבא מציעא פ״ז 0

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