Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 42 (15.10.1885)
- Article
- Bemerkungen zu den Verhandlungen und Beschlüssen der Rabbinerversammlung in Berlin
- Date
- 1885-10-15
- Page
- 661 (sequence 2)
- Language
- German
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661 ebenso genaue Kenntniß seiner ehrwürdigen Kollegen | wie ein bedeutendes taktisches Genie und erinnert an? jenen großen Strategen, welcher ungeübte Soldaten j mit scharfen Patronen nach der Scheibe schießen sah und in gleich weitsichtiger Klugheit ansries: die Kerle ruhen nicht eher, bis sic ein Unglück angcrichtet haben! Dieser große KricgShcld hatte Recht; bald darauf flogen die Kugeln der nugcübtcn Schützen so un־ glücklich, daß ein paar neugierige Zuschauer und er selbst davon getroffen wurde. Habe ich eS nicht gleich gesagt, jammerte der Verwundete, warum haben die Kerle das Schießen nicht eingestellt, sie wollten aber nicht hören, — nun habe ich die Bescheerung! — Freilich hinken die meisten Vergleiche, und cö muß ausdrücklich erklärt werden, daß Herr Dr. Bamberger von seinem Prüsidcntenstnhl nicht ein ״habe ich'ö nicht gleich gesagt" den -Kollegen znrief, als das geahnte Unglück sich richtig eingestellt hatte. Dann aber hinkt der Vergleich ferner, daß in Berlin nicht einige neugierige Zuschauer, sondern die Schützen selbst getroffen wurden. Also — die Herren hatten ein gar zu großes Verlangen nach dem Spiele mit gefährlichen Waffen und achteten nicht auf die vorsorgliche Mahnung ihres Mentors. Sie dachten: eö wird nicht so schlimm werden — da aber war auch daö Unglück schon hereingebrochen und konnte, wie wir sehen, trotz der gründlich sichtenden Hand des die Verhandlungen zur Drucklegung vorbereitenden Präsidiums, der weitesten Ocffentlichkcit nicht entzogen werden. Herr Dr. Wedelt hielt den Ausdruck ״gejchichtlichen Ncligionsunterricht" für einen unglücklichen und meinte mit vollem Rechte, daß häufig der Neligious- Unterricht zu einem rein geschichtlichen Unterrichte gemach: und dadurch derartig verschwommen wird, daß man gar nicht auf den eigentlichen NeligionSlchrgcgeiisiand eingeht. Er empfahl deshalb die Fassung: ״durch Schaffung eines gceiguetcu Lehrbuches für systematischen NeligionSunterricht und biblischen' und nachbiblischen Geschichtsunterricht." Da aber erhob sich der Herr Kollege Dr. Hahn, zugleich Mitglied der Kommission, und offenbarte eine solche Fülle von intcrcffanten Geheimnissen aus dem sorgfältig zu hütenden Mysterienschätz unserer Hierophanten, daß selbst der Weiseste und Besonnenste unter ihnen so erschrack, daß er fast den Kopf verlor und nur unter Entfaltung der größten Anstrengung es vermochte, einen Versuch zur Rettung des heiligen Mysteriums zu unternehmen. Herr Kom- Missionsmitglied Hahn legte zunächst das Gestäuduiß ab, daß man sich in Berlin ein Rendezvous in der Hoffnung gegeben habe, ״daß hier aus der Mitte aller Parteischattirungeu Männer sitzen." Ferner . enthüllte, er den weitreichenden &kuütuai, daß mau erwarte, ״noch Andere" zum Anschluß an diese These zu gewinnen. Sodann aber bekannte er frank und! frei, daß man gerade aus diesen beiden Beweggründen, jener Hoffnung und dieser Erwartung, den Ausdruck ״geschichtlichen NeligionSnuterrichi gewählt habe". Denn: a. ״bei bem systematischen Religionsunterrichte ist es nicht möglich, daß wir uns Alle auf einen Standpunkt stellen;" «). ״dürfen wir nur solche Punkte berühren, wo wir Alle gleiche Ansichten. hoben, was bei dein biblischen Geschichtsunterricht der Fall sei;" c. ״haben wir heutzutage Lehrer, die durchaus nicht so weit vorgebildet sind, daß sie jüdischen Kindern in der Schule jüdischen Geschichtsunterricht geben können;" (I. ״giebt cs ebenso viele Theologen und Rabbiner, die zwar große Talmndisten sind, die aber nicht das pädagogische Geschick haben, an gewissen Stellen gewisse ethische Momente cinznflechten und den Kindern mnndgerecht zn machen;" 6. ״haben wir kein Lehrbuch, das solche Winke giebt" — ״darum", so schloß der Vertretet* des KommiisionSantragcs, ״ist das Wort ,geschichtlich* gewählt, weil wir hierbei auf gleichem Stand- Punkte stehen." Sprach's, wischte sich dm Schweiß von der heißen Stirn und setzte sich nieder. Denn wahrlich, es muß dem wackcrn, offenherzigen Herrn recht sauer geworden sein, seine Erklärungen abzugeben, da selbst die so spärlichen unter der Autorität deS Präsidiums redigirten Sitzungsberichte Zwischenrufe und Zurufe, wie ״Nein!" ״Oho!" nicht unterdrücken konnten. Wir haben hier aber die authentische InsufsizienSerklaruug der sogenannten Nabbinerversammlung, abgegeben von einem hervorragenden Mitgliede derselben, dem Herrn Dr. Hahn, Rabbiner zu Stolp, vor uns, dahingehend, daß sie, die in ostensibelster Weise angeblich die Mittel und Wege zur Hebung deS Religionönnterrichts den Gemeinden Deutschlands anweisen will, nicht im Stande ist, ja nicht einmal sich dafür bemühen kann, in Betreff des eigentlichen Neligions- Unterrichts irgend etwas zu bieten. Nach Art gutwilliger insolventer Schuldner — und die in Berlin tagenden Herren haben sich den Gemeinden gegenüber durch das ausgestellte Programm zu Schuldnern gemacht — will die ad hoc eingesetzte Kommission wenigstens etwas den Gläubigern bieten, was freilich gar armselig ist. Denn das von ihr unter dem schwer verständlichen Titel ״geschichtlicher Rcligionsunterricht" Gebotene entpuppt sich bei näherer Bctrach. tnng unter Anleitung und Erläuterung des Vertreters des Ausschusses der Kridargruppe, als ein wenig Biblische-Gefchichte-Unterrich: ״an gewissen Stetten" mit ״gewissen ethischen Momenten" gespickt. Das erschien aber der Mehrheit der Kridargruppe doch zu erbärmlich, und sie zog cö vor, den Gläubigern lieber gar nichts zn bieten, jeden gütlichen Verglcichssersuch