Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 40-41 (8.10.1885)
- Article
- Der Prozeß Ritter vor dem Schwurgerichte zu Krakau
- Date
- 1885-10-08
- Page
- 647 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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647 die befreiten Töchter. Auch der gesunde Menschenverstand spreche gegen die Glaubwürdigkeit einzelner Umstände des Geständnisses. Unglaublich sei es, Ritter Hütte 50 fl.'für eine untergeordnete Mithülfe gegeben, zur That selbst aber seine Frau und seine Töchter benutzt; wozu er dann einen Fremden eingeweiht? Der einzige Grund hierfür wäre doch nur gewesen, um die That vor seiner Familie zu verheimlichen. Ist es glaublich, daß Ritter, der ans Scham und Sorge für die Sittenreinheit in seinem Hanse den Mord verübt haben soll, seine minderjährige Tochter zum Morde derjenigen verleitete, die von ihm ein Kind unter dem Herzen trug? Dadurch hatte er erst recht sein Familienleben für immer moralisch vergiftet. Ist eö glaublich, daß StochlinSki nach der gräulichen That die Flucht ergriffen hätte, während Frau und Tochter ruhig und nervenstark an der schrecklichen That theilgenommen und dann noch die Leiche in die Schlucht getragen hätten? Dabei hätte Ritter von StochlinSki ewig zu befürchten gehabt, daß er ihn bei der ersten Gelegenheit für ein Glas Schnaps verrathcn könnte. Nachdem der Verlheidigcr die Entstehung des Geständnisses erklärt hatte, appellirte er an den Verstand, das Gewissen, und das Herz der Geschworenen, die ihnen die Verneinung der Schüldfrage betreffs Gittel diktircn müßten. 29. September (zehnter Verhandlungstag.) In der heutigen Schlußverhandlnng wurden Gittel Ritter, Stochlinsky und Moses Ritter zum dritten Male zum Tode durch den Strang verurtheilt. Das Urthcil soll zuerst an Gittel Ritter, dann an Stochlinsky und zuletzt an Moses Ritter vollzogen werden. Gittel Ritter bekam bei der Verlesung des UrthcilS einen Ohnmachtsaufall. Sämmtliche Ver theidiger haben die Nullitäts-Beschwerde eingcreicht. — Es herrscht gewaltige Erregung über den Urtheilsspruch — wenngleich er ja leider, der ganzen Sachläge nach, nicht unerwartet kan!. Möge der Allmächtige sich der Armen erbarmen, die!tun schon 3 volle Jahre im Kerker schmachten. h. Aus km Treiben ״der MM". III. Zu dem gleichen Zwecke, als Leitfaden für die Ausübung der Seelenfäugerei, wie die in Nr. 38 dieses geschätzten Blattes besprochene Broschüre über den Apostaten Israel Goldstern, veröffentlicht jetzt die englische Missionsgesellschaft eiu Heftchen über eine Apostatin. Dort war der ״Gefangene" ein Herr, hier ist es eine Dame, das ist im Grunde der ganze Unterschied. Wir können diesen Bekehrungen ja ziemlich ruhig gegenüberstehen, schadet es doch dem Baume nicht, daß die verwelkten Blätter und verdorrten Zweige absallen. Traurig ist die englische Veröffentlichung nur aus dem einen Umstande, weil sie uns ermessen läßt, welches Herzeleid die Heldin unserem edlen, heimgegangenen Großen, Sir Moses Montefiore, bereitet hat. Der Titel der Broschüre ist: ״The conversion of Lydia Montefiore, aunt of tlie late Sir Moses Montefiore.“ Sir Moses machte seiner Tante einst eine Krankenvisite, und bei dieser Gelegenheit überraschte sie ihn mit Auseinandersetzungen über die Krankheit ihrer Seele, wie nur im Christenthume Heilung zu finden sei und dergleichen schönen Dingen mehr. Sir Moseverließ sie sofort, aber die ״ehrenwcrthe" alte Dame ließ ihm keine Ruhe, sie richtete zwei Briefe an ihn, die zu ihrer Karaktcristik hier in Uebersetzung folgen mögen: 1) Theurer Neffe! In Anbetracht all' der Güte, die Du mir erzeigt, ist es mir uninöglich, mit Schweigen unser letztes kurzes Beisammensein, welches ich ohne Zweifel Deiner mir stets bewiesenen liebevollen Gesinnung zu danken habe, zu übergehen, ohne zugleich mein herzliches Bedauern über den unangenehmen Zwischenfall auszndrücken, welcher Deine plötzliche Entfernung veranlaßt hat. Wissend, daß mir durch die göttliche Vorsehung nur noch kurz Gelegenheit geboten ist, Dir für das gütige Interesse zu danken, welches Du meinem Wohlergehen entgcgengebracht,' wünsche ich, es jetzt aus vollem Herzen thun und Dir die Versicherung zu geben, daß meines Herzens Wunsch und Gebet für Dich stets ist, daß Du gerettet werden mögest durch den einen Namen von Jesus dem Messias, durch den allein der Mensch Heil erringen kann, eben durch denselben, den Du blind verwirfst. Ich weiß wohl, Du wirst mir kaumdanken, daß ich für Dich. in diesem Namen bete, weil der Schleier des Unglaubens Dich noch bedeckt, gleichwie seit achtzehn Jahrhunderten unser armeumnachtetes Volk vom Hause Israel, wegen der Kreuzigung seines eigenen Messias, des Herrn des Ruhmes. Trotzdem halte ich eS für meine Pflicht und mein Recht, Zeugniß abzulegen für den heiligen Namen meines Erlösers, den ich bald in den Himmels-Sphären zu finden hoffe, wohin er gegangen, um mir einen Platz vorzuberciten und auch Dir, wenn Du nicht in Deinem Unglauben beharrst. Forsche nur, wie ich eS that, aufrichtig und eifrig in den Schriften von Mose-, den Psalmen und Propheten, welche sein Leiden, seinen Tod und seine Wiederauferstehung bezeugen. Ich verbleibe mit viel Liebe und Dankbarkeit Deine Dir zugethane alte Tante Marseille, 16. März 1357. Lydia Montefiore.