Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 40-41 (8.10.1885)
- Article
- Über die Nothwendigkeit und die Zweckmäßigkeit jüdischer Gymnasien
- Date
- 1885-10-08
- Page
- 638 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2932754-2933101-2933141-2962727--19911-2962802- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
638 bittcrnbe, mag er durch bethörende und einschmeichelnde Neben versucht werden, fcrnhalten. Nun bietet aber namentlich die Schule die vortrcfstichste Gelegenheit zu dergleichen Attentaten; Lehrer wie Mitschüler, und die jüdischen namentlich, setzen sehr, sehr oft ihren Ruhm darein, einen noch unverdorbenen Ankömmling mit allen Kampfesmitteln — und man hüte sich, dieselben zu unterschätzen — so lange zuzusetzen, bis sic ihn als den Ihrigen ganz und voll betrachten dürfen. Schutz also vor der Mijsionöthätigkeit der christlichen Schule müssen wir unseren Kindern schassen durch Gründung jüdischer Gymnasien. Damit glauben wir wenigstens einen Theil der Gründe pro re angeführt zu haben, müssen es uns aber für einen späteren Artikel Vorbehalten, die entgegcnstehenden Hindernisse zu nennen und einige Mittel zu ihrer Beseitigung anzugeben. E. B. ä110| ־ der linüerkier Qeineto&c 1795-1812. Es dürfte einem großen Thcile der Leser dieses geschätzten Blattes unbekannt sein, daß gegen Ende des vorigen Jahrhunderts innerhalb der Amsterdamer Gemeinde eine sogenannte Neue Gemeinde sich bildete, die später wieder ausgelöst wurde, sowie daß in jener Zeit von Seiten des Staates ein Regiment nur aus jüdischen Soldaten formirt wurde. Die ersten Jahrgange des von Herrn M. Noest Mz. herausgegebenen ״Lctterbode" enthalten Auszüge aus einer recht intercssanten Kronik über die Jahre 1795—1812*), und soweit diese von den vorerwähnten Episoden handeln, dürfte deren Neproduzirung, zugleich auch für die Belünntschaft mit den Anschauungen jener Zeit, Manchem wohl nicht ungerechtfertigt erscheinen. Die Chronik ist von B. I. Benjamins, einem eifrigen Anhänger der alten (Haupt-) Gemeinde in dem damals gebrauchlichen Jargon, einem Konglomerat von Hebräisch- Deutsch Holländisch und Fremdwörtern, geschrieben. Zur Orienürung des Lesers sei das Folgende vorausgeschickt. Die vielleicht nicht ganz begriffenen Schriften MendclSsohn'S und die desto besser vcrstandcucn seiner Nachfolger waren auf die Anschauungen vieler damaligen gebildeten Juden auch in Holland nicht ohne Einsiuß geblieben; dazu kamen die Um- Wälzungen auf politischem Gebiete, die Ideen von *) Losse bydragen tot de gesekiedeuis der Joden in Nederland. Uittreksel uit eene Kronyk vaa de jarca 1795—1812. Freiheit und Gleichheit, welche gar manchen sonst Hellen Kopf berauschten und ihm die Erlangung politischer Rechte und Freiheiten um jeden Preis wünschenSwerth erscheinen ließen. Für die Erlangung der Emanzipation waren solchen Juden keine Opfer zu groß, auch nicht die Preiögebung des Heiligsten, der gottentstammten Thora. Dabei wurde ein solches Opfer gar nicht von ihcn verlaitgt, und ohne Zweifel wäre man zum Ziele gelangt, ohne DaS preiszugeben, für dessen Werth auch eine Emanzipation zu thcuer erkauft ist. Allein in dem FreiheitS- und Kampfcstaumel warfen diese ״Ausgeklärten" daS Vätererbe von sich, und mit Fackelnbeschwingten Händen stürmten sic gegen das Heilig- Llplm der angestammten Religion an, Alles sengend, was ihren Weg hindernd kreuzte. Nach Außen hatte man Erfolge, im Innern richtete eS großen Schaden an. Die treu Gebliebenen schlossen sich desto fester an das bedrohte Heiligthum und wandten sich von Bestrebungen ab, die an und für sich nur lobenSwerth waren, aber im Vereine mit den täglichen Erscheinungen als äußerst gefährlich für dieses Heiligthum erschienen. Das Streben nach allgemeiner Bildung auf frommer Seite erhielt ciucn schweren Stoß, man hielt eS nach den gemachten Erfahrungen für untrennbar von der Lossagung vom Judcnthume und zog sich darum mehr und mehr in sich zurück. Als die Umsturz gesinnte Partei *) in der Nepublik, unterstützt von den antj-statthalterischen Fluchtlingen und einem srauzösischen Heere eine vollständige Staatsumwälzung in der Vereinigten Niederlande herbciznführeu sich anschickte und zu diesem Zwecke die politischen Vereinigungen in Aktion traten, schlossen auch einige hochdeutsche Juden sich ihnen an.. In Amsterdam bildete sich im Jahre 1793 oder 1794 ein Klub Felix libertate für die Ideen von Freiheit. Gleichheit und Brüderlichkeit, dem einige sehr gelehrte Juden, die beiden Asser's, De Lemon und Dromet angehörten. Am 17. Januar 1795 hielten die Franzosen mit den holländischen Flüchtlingen ihren Einzug in Antsterdam, während der Statthalter mit seiner Familie nach England entfloh. An demselben Tage wurde die städtische Regierung durch eine neue auS der Mitte der jetzt siegreichen Partei ersetzt und mit dem alten RcgierungSsysteme gebrochen. Am letzten Tage desselben Monats wurden von den ״Staaten von Holland" die sogenannten Menschenrechte unter Trompetenschall abgckündigt. Der Volksklub Felix libertate war sofort darauf bedacht, die ihm günstige Strömung zu nützen; er Ließ die Menschenrechte in Jüdisch-Deutsch übertragen und machte Anstalten, sie in den Synagogen abkündigen zu lassen. Dem wider- *) Bergt. Loenen: Uescliiedeuis der Joden in Nederland.