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Jeschurun · 1885-10-08 · Heft 40-41 (8.10.1885) · p. 637

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 40-41 (8.10.1885)
Article
Über die Nothwendigkeit und die Zweckmäßigkeit jüdischer Gymnasien
Date
1885-10-08
Page
637 (sequence 2)
Language
German
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637 דם רעיך! Oder schreien die VerzweiflnngSthränen der Einen, welche ihrem Glauben ihr Lebensglück opferten, wie die Neuethränen der Anderen, welche im Kampfe mit dem bösen Engel unterlagen, nicht gleich dem Blute des vom Bruder Verrathencn zum Himmel? Heißen wir darum רחמנים בני רחמנים, um solches Elend ruhig mit anzuschen? Wahrlich, dessen Väter haben nicht am Sinai gestanden, die das vermöchten! Abhülfe, das steht fest, muß geschaffen werden, und es kann auch gar keine Frage sein, in welcher Weise sie zu schaffen ist. Daß jenes verhängnißvolle Reskript heute, nachdem cs bereits ein Jahr überdauert hat, noch durch menschliche Bemühungen wirkungslos gemacht werden könnte, das zu glauben, ist wohl Keiner unter uns Optimist genug. Wir müssen also mit dem Unabändcrlichen rechnen, müssen uns den Gedanken auömalen, daß unsere Söhne von dem Wollen oder Nichtwollen eines jeden Schuldirektors, auf ihre Wünsche, betreffs der Sabbathheitignng, cinzugcheu, abhängig sind. Wenn wir nun auch ans eigener Erfahrung gern zngcben, daß es Direktoren giebt — und ihre Zahl ist nicht klein —, welche ein konsequentes Festhalten an der väterlichen Religion begünstigen, so dürfen wir doch getrost behaupten, daß ein sehr großer Theil der preußischen Gymnasialdirektoren. sei es a.uS Antisemitismus, sei es aus persönlicher Antipathie gegen einen jüdischen Schüler, sei es aus Furcht, durch Toleranz das Wohlwollen des höchsten Vorgesetzten zu verlieren, sich streng an den Wortlaut des Reskriptes halten und unseren Söhnen entweder das Examen zur Unmöglichkeit, oder, was noch schlinuncr ist, sie selbst zu Abtrünnigen machen werden. Wir versprechen uns heute selbst von einer Kollektivcrklärung der Rabbiner keinen Erfolg. Denn einmal werden sich, wie wir leider fürchten, auZ ״Opportunitätsgründen" die Rabbiner gerade der größten deutschen Gemeinden ausschließen, ferner aber stützt sich, wie rvir aus guter Duelle hören, jenes kultusniinisterliche Reskript auf die Erklärung der jüdischen Gymnasiallehrer, daß das Schreiben am Samstag gestattet sei; die Negierung aber wird stets diesen ihren Beamten mehr Glauben und Beachtung schenken, als allen rabbinischen Gutachten und Er- :lärmigen. So bleibt uns als einziger Ausweg nur das Mittel, welches wir schon genannt haben: die Gründung zunächst eines jüdischen Gymnasiums, mit der aber so schnell als möglich vorgcgangen werden müßte. Denn noch aus einem anderen wichtigen Grunde empfiehlt sich die rasche Lösung dieser Frage. Jeder, der Augen hat, sieht, daß 'von '^ag zu Tag das Interesse an unserer Religion!nchr und mehr erlahmt, daß der Jndisferentismus immer weitere Kreise erfaßt, daß die Unwissenheit der folgenden Generationen immer größer wird. Wie viele Mittel sind schon vorgeschlagen worden, dein Ucbcl zu begegnen, wie viele sind bereits angcwendet worden, wie wenig haben sie genützt! j Namentlich die Propheten jener ״Religion dcS Herzens״! waren unerschöpflich im Erfinden und Vorbringen neuer Phrasen, welche den allgemeinen Rückgang erklären und Anleitung zu seiner Hebung geben sollten. Nun, cs ist nicht das schlimmste Zeichen in dieser trüben Zeit, daß sic mit ihren Vorschlägen zu Schanden geworden sind, es gestattet rveuigsteltS die Hoffnung, daß der Volkssinn, der gesund genug ist, solche hohlen Redensarten zurückznwcisen, auch noch fähig sein wird, eine ernste Kur zu ertragen. D^r fragen wir auch nicht, warum erlischt die Liebe für die angeborne Religion in den -Herzen, sondern wir fragen: Wie wäre es denkbar, daß Liebe zur angeborenen Religion in den Herzen bleiben sollte, während sich die ganze Umgebung des Kindes wie dcS reifen Mannes bemüht, daö Andenken an Gott und seine Religion in seinem Herzen zu vertilgen? Wie sollte sich der herangewachsene Jüngling zu den schwer zu übenden Pflichten einer Religion hingezogen fühlen, die er von Jugend auf nur aus Gewohnheit oder aus Pietät geübt hat, ohne daß fein Her; dabei mit fühlte? Wie soll er aber gar fähig seiu, für die ihm aufgedrungenc Religion Opfer zu bringen? Wie sott er dcu Sabbath als Ruhetag anerkennen, er, der von Jugend auf gewöhnt ist, den Samstag als Arbeitstag und den Sonntag als Ruhetag zu betrachten? Konnten ihm die nichtssagenden Redensarten vom ״Gottesdienste des Herzens" u. s. w. die Stelle der positiven Religion vertreten, Worte, die seinem ungetrübten Auge als das, was sie sind, wesenlose Schemen, erscheinen? Darum aber ist es unsere Pflicht, der Jugend in den Geboten unserer Thauroh eine Religion erkennen zu lassen, die Herz. Geist und Verstand in gleicher Weise befriedigt, die den Menschen, ohne unnützen Wortverlnst. zur Pflichterfüllung gegen Gott und Mitmenschen anhält, die ihm Halt und Stütze in allen Lagen und Verhältnissen des Lebens gewährt, kurz eine Religion, welche allen Erfordernissen einer wahren Gotteslchre genügt. Aber eS wäre eine Bersündigung an so kostbarem Gute, wenn man die zarten Keime, welche durch den Einfluß nuferer hehren Lehre in den Herzen ersprießen, den rauhen Stürmen des Lebens und der unzarten Berührung unserer Umgebung ohne Schutz auSsctztcn; gleichen sie doch jener Herrlichen Köuigsblume, die ihren Kelch bei der geringsten Betastung schließt! Können wir also von der zarten Blüthe auch nicht jedes rauhe Lüftchen abwchren, so ist es doch unsere Pflicht, sie so weit als möglich vor kecken Angriffen und Insulten sicher zu stellen; von den Herzen unserer Jüngljnge müssen wir darum jeden verderblichen Einfluß, mag er durch höhnende und ver-

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