Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 39-40 (23.9.1885)
- Article
- Kol Nidre
- Date
- 1885-09-23
- Page
- 623 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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623 müse." — Seltsame Bilder endlich finden wir darin, daß er ״die jüdische Wissenschaft aus den Kopf gestellt sieht" und daß er, um ״der allgemeineren Verständlichkeit" willen, sein OpuS in hebräischer Sprache verfaßt. Sollte auch Herr H. überzeugt sein, daß nicht allzu Viele sein Deutsch verstehen? Kuno Bischer hat einmal darauf hingcwicsen, daß, während von Jedem, der über eine Kunst, ein Handwerk, ein Buch urtheilen will, zunächst verlangt wird, daß er das Beurtheilte seinem ganzen Wesen nach erkannt und verstanden habe, hingegen in Fragen der Religion, des Heiligsten, was der Mensch besitzt, Jedem ein freies Urtheil, Jedem eine Kritik des Bestehenden gestattet ist, auch ohne den Nachweis der nöthigen Befähigung. Diese Worte wurden uns durch den vierten Artikel,' den wir allein heute einer Besprechung unterzogen, weil uns die drei ersten Artikel nicht mehr zugänzlich waren, recht lebhaft wieder ins Gedächtniß gerufen. Und darum hielten wir cs für unsere Pflicht, ohne Rücksicht und ohne Scheu dem Verfasser jener Artikel zu zeigen, daß nicht Jeder berufen sei, seinen Stab ins Heiligthum zu tragen, daß jede Nebenabsicht, jede Anwandlung von Selbstgefälligkeit in dem Augenblicke schweigen müssen, in welchem man sich zum Gang ins Heiligthum anschickt. Wer aber über die illustrcn Geister, wie der Verfasser, zu urtheilen wagt, der hat das Recht des freien UrtheilS verwirkt, ihm gegenüber müßten wir Schonung für — Verbrechen halten E. Korrespondenzen mtb Nachrichten. Deutschland. C. Berlin, 16. September. Die ״National- Zeitung" schreibt: Es ist vielfach konstatirt worden, daß die ״Nordd. Allg. Ztg." sich in der jüngsten Zeit gelegentlich mehrmals gegen die antisemitische Agitation geäußert hat — wozu von anderer Seite nicht mit Unrecht bemerkt wurde, daß eine solche Stellungnahme früher, bevor der Rückgang dieser Bewegung eingesetzt, allerdings nützlicher gewesen wäre. Immerhin ist eS der Erwähnung wcrth, daß das Regierungsorgan heute bei der Fortsetzung seiner schon erwähnten Betrachtungen über die verschiedenen Parteien schreibt: ״Im konservativen Lager hat sich eine Gruppe unter dem Namen der ״Christlich-Sozialen" abgesondert oder, was bezeichnender sein möchte, in dieses Lager eingeführt. Insoweit der Name sich mit der Sache deckt, ist darin mit Freuden eine Parteibildung zu erblicken, welche die großen christlichen Gebote der Gerechtigkeit und Nächstenliebe zur praktischen Uebung des> Lebens einer Gesellschaft machen will, und so wenig die agitatorische Thätigkeit in der Natur des KonservatisinuS liegt, jo möchte sie doch in diesem Falle gerechtfertigt sein. Die ״Christlich-Sozialen" haben aber ihrer Agitation noch eine spezifische Richtung gegeben, welche sich mit konservativen Tendenzen im reinsten und besten Sinne des Wortes nicht in Uebereinstimmung bringen läßt. Die ״Christlich-Sozialen haben zwar den Antisemitismus nicht in Szene gesetzt, aber sie haben ihm eine nutzbare Verwendung zu geben gesucht. In wie fern? Der Antisemitismus zielt auf ein bestimmtes Ziel ab, welches im Bereiche des politischpraktischen Lebens aus dem Wege friedlicher Reform nicht wohl erreichbar erscheint. Es ist eines der sichersten Ergebnisse der politischen Entwickelung, daß die bürg erlichen Rechte der Staatsangehörigen durch den Unterschied des Religionsbekenntnisses nicht alterirr werden; und selbst eine Politik des Fanatismus, welche dem Antisemitismus zu Hülfe kommen wollte, würde die Möglichkeit kaum finden, weil der Antisemitismus nicht klar erkennen läßt, ob er sich gegen die Religion, gegen die Nationalität oder nur gegen die Geschäftsgcwohnhrit richtet. Insofern also die ״Christlich-Sozialen" sich solidarisch mit dem Antisemitismus erklären wollten, würden sie nur als eine Agitationspartei in Betracht kommen können, welcher ebenso wie der Sozialdemokratie die Agitation Selbstzweck ist. Aber diese Richtung entspringt nicht aus dem Begriff der Partei, welche ihrem Nanien nach darauf angewiesen ist, den sozialen Schäden mit den HülfSmitteln des praktischen ChristenthnmS beizukommeu. Je ernster die ״Christlich-Sozialen" aber gerade diese Ausgabe nehmen, desto weniger werden sie den Beruf empjiuden können, sich als politische Partei geltend zu machen, denn diese Aufgabe liegt nicht im Bereich der politischen Arena, sondern auf dem Gebiet der inneren Mission." Soll mit den letzten Worten Herr Stöcker überhaupt auS der ״politischen Arena" gewiesen werden? Wenn dies die Absicht ist, so fragt sich nur, ob er selbst und seine konservativen Parteigenossen den Wink befolgen werden. Oder hat derselbe nur für die Dauer der Wahlagitation Bedeutung — behufs Gewinnung der National-Liberalen für das Zusammengehen mit den Konservativen? «-a- Berlin, 17. September. Die heutige AuSgäbe der ״Neuen Preußischen (Kreuz-) Zeitung" enthält folgendes ״Eingesandt": ״Ein jüdischer Gymnasiallehrer wurde vor Kurzem zum Oberlehrer befördert und bei der Uebcrreichuttg seiner Vokation unter Hinweis auf den früher abgelegten Amtseid von Neuem verpfiichtet. Nun wird in der Vokation verlangt, daß sich der In- Haber ״in jeder. Beziehung so betrage, wie eS einem rechtschaffenen, christlichen Lehrer und Erzieher der Jugend eignet und gebühret." Man ist gespannt, wie