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Jeschurun · 1885-09-23 · Heft 39-40 (23.9.1885) · p. 622

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 39-40 (23.9.1885)
Article
Kol Nidre
Date
1885-09-23
Page
622 (sequence 2)
Language
German
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622 Artikels zu erklären, daß er nachgewicsen habe, daß das Ko! Nidrc in sittlicher Beziehung als verwerflich, in religiös wissenschaftlicher als weit über d.rö Ziel geschossen, in grammatisch-sprachlicher sogar als schülerhast zu bezeichnen ist". Ohne uns mit Herrn H. in i eine weitere Diskussion über diese --- kühnen Worte! einzulassen, die jedem Antiscmitcnhänptlingc Ehre machen j würden, wollen wir nur erklären: Das Kol Nidrc! erscheint moralisch verwerflich — dein Verworsenen, und über das Ziel geschossen dem, der — das Ziel nicht kennt. WaS die Frage der grammatisch - sprach׳ lichcn Fehler anbcrrifst, so wollen wir gern zugeben,! daß vielleicht im Lause der Zeit Korruptclcn cntftanbcu : sind, müssen aber gerechten Zweifel hegen, ob man wegen einzelner vorkommender Sprachfehler ein altehrwürdiges Gebet zu beseitigen berechtigt ist. Wäre > man dazu berechtigt, so wüßten wir nicht, was mit! den Artikeln des Herrn H. zu beginnen, da sic ״in! grammatisch-sprachlicher Beziehung — wie wir noch zeigen werden — sogar als schülerhaft zu bezeichnen sind". Aber cs kommt bei Herrn H. noch besser. Steht da ein Niese aus der Vorzeit, so urgcwaltig, so hoch cmporragcnd, daß die ihn umgebenden Zwerge Schmerzen im Halswirbel cmpsinden beim Hinaufschaucn: dieser Niese hieß Nabbenu Tam. Wer überhaupt jemals die Geistesschärfe eines Nabbenu Tam, seine feinen Distinklioncn und zugleich seine alle Zeitgenossen überragende, positive Gelehrsamkeit kennen gelernt hat, muß von einer so grenzenlosen Hochachtung für den Mann, von einer ebenso tiefen Hcrabstimmung des eigenen SelbstbcwußtscinS erfüllt sein, daß er jedes Wort, selbst des Lobes, znrückhält. In dieser Erwägung sinden wir eine kleine Cutschnldigung für die Worte des Herrn H., die er sich gegen jenen Heroen gestattet — Herr H. hat offenbar noch keine סברת ר׳ת ihicm Wesen nach ersaßt. Aber diese Entschuldigung ist nothdürflig und klein; Worte wie: ״dem cs unter Anderen — nicht immer Nühmlichen gelang, auch eine Gebctriemengarnitnr ins Leben zu rufen (sic!)", solche Worte richten sich selbst, das Urtheil aber ansznsprechen, ist parlamentarisch unzulässig. Rührend ist auch die souveräne Herablassung, mit welcher Herr H. jederzeit ״des Volkes״ gedenkt. ״ES steht fest, das Volk hat das Kol Nidre lieb", heißt cS an einer Stelle, und hier weilt natürlich Herr H. natürlich nicht unter dem Volke, denn er liebt ja das Kol Nidre nicht. Dann heißt eS aber weiter: ״denn das Volk bedarf dcö Glaubens und kann dessen (sie!) nicht entrathen", und hier scheint Herr H. zum Volke herabgestiegen zu sein; oder glaubt er des Glaubens entrathen zu können? AIS Drittes im Bunde erscheint dann ״die Erhaltung der seitens des Volkes diesem Stücke zugcwcndeten Gunst", und hier hat sich Herr H. in seine Höhe zurückgezogen und betrachtet das Volk und sein liebes Kol Nidre aus der Vogelperspektive. Wie aber sollen wir armen Sterblichen solchen Sprüngen folgen können? Im ״Volke" aber wurzelt der Aberglaube, und in dem Aberglauben das Kol Nidre, sagt Herr H., oder meint es wenigstens, wenn auch seiner Rede Sinn etwas dunkel ist. Nun heißt eS aber'an einer anderen Stelle: ,,Noch weniger Boden aber hat in diesem Jndcnthumc der Aberglauben, und wer etwa diesen zu pflegen sich berufen fühlen wollte, der würde sich bald als überflüssig (?) ansgeschieden sehen". Danach mußten sich also nicht nur die Talmudjuden, sondern auch der Nabbenu Tam als Protektor des Kol Nidre und die übrigen Verfechter desselben bis hinauf zu den Amauroim ״ausgeschiedeu sehen". Nunmehr wird es uns wohl Niemand mehr verargen können, wenn wir es vorziehcn, in Gemeinschaft mit dem Nabbenu Tam und Genossen ״auSgcschieden" zu werden, als in der Gesellschaft deS Herrn H. geduldet zu werden. Und doch kann man von Herrn H. eine ganze Menge vorzüglicher Dinge erlangen, bessere als seine Vorgänger hcrvorgcdracht haben. Er giebt zu, daß ״dem Volke niemals etwas genommen werden solle, wenn man nicht zugleich in der Lage ist, selbiges durch Besseres zu entschädigen". Da nun Herr H. dem Volke allerdings etwas nehmen will, so muß er sich doch in der Lage wissen, ihm Besseres in seinem כל החטאים zu bieten. Ein solch edles Sclbstbcwußtsein ist in dieser Zeit knechtischer Unterwürfigkeit wirklich sehr erfreulich und erinnert lebhaft an jenen Goethe'schen Ausspruch: ״Nur die Lumpe sind bescheiden, Brave freuen sich der That!" Und ein Braver ist Herr H. trotz seiner Sprachfehler und seltsamen Bilder. Von den erfteren haben wir mehrere schon in den Citaten durch 810 oder andere Zeichen kenntlich gemacht; es sei uns hier nur gestattet, noch ans einige hinzuweiscn. An jener ominösen R. Tam- Stelle heißt cS: ״Gebetriemen, welche noch heute, wenn auch vereinzelt, unter dem Namen R. Tamö-Tcfillin bei den Anhängern derselben im Gebrauche sind, indem diese separat angelegt werden". Eine solche Mcnschenquälerei wäre ja unerhört, und man würde sich versucht fühlen, ״Hülfe, Herr Staatsanwalt" zu rufen. Im nächsten Satze schon heißt eS. ״daß jene Tefillin, obgleich sie noch Niemandem etwas zu Leide gethan haben, Wenige auch nur kennen". In richtigem Deutsch müßte eS heißen: ״von Wenigen gekannt werden". Klassisch ist auch ״die Vernunft der Sinai-Gemeinde und mancher anderen Leute"; cS erinnert an jene- Krämcrschild: ״Essig, Häring, Holz und anderes Ge-

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