Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 39-40 (23.9.1885)
- Article
- Der Prozeß Ritter vor dem Schwurgerichte zu Krakau
- Date
- 1885-09-23
- Page
- 621 (sequence 4)
- Language
- German
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621 Dieser sagt, das Alles erdichtet sei; er sei vollkommen unschuldig. Alles sei entstanden durch den Haß des Dorfpfarrers, der ihm grollte, weil er von Stochlinski das Grundstück gekauft habe. Ritter crwicdcrt im ferneren Verhöre auf alle an ihn gerichteten Fragen bezüglich seines Verhältnissen zu Stochlinski, zur Frauziska Mnich, sowie hinsichtlich der Beschaffenheit seines Kellers, des Kartofsclguantums in demselben zur Zeit des Verschwindens der Mnich, der bei ihm gefundenen Hacke und des Messers und seiner ihn verdächtigenden Aeußcrungen im Dorfe mit Unbefangenheit, fast gleichlautend wie in der vorigen Verhandlung. — Wegen des morgigen Versöhnungstages wird die Verhandlung auf Montag vertagt. ״N. s. P." Die freie DereilligMg für die Interessen des srtyodMil Indenthnins. Wir genügen gern dem Wunsch zur Vcröfsentlichung des folgenden uns von geachteter Seite zugehenden Schreibens: Der Aufruf, welchen Rabbiner und Vorstand der Frankfurter Israelitischen Religionsgescllschaft zur Bildüng einer freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Iudenthums in der jüngsten Nummer dieser geschätzten Zeitung erlassen hat, wird sicherlich nicht verfehlen, überall, wo es noch orthodoxe Juden giebt, die freudigsten Gefühle wachzurufcu. Wahrlich לא אלמן ישראל, Israel ist nimmer verwaist, Gottes Geist regt sich wieder im israelitischen Lager und wird die Herzen zu erregen und die Gemüther zu erfassen wissen. מי לד' אלי, Wer treu zu Gott und dem Judenthum steht, der schließe sich uns an — so lautet die Mahnung, welche an olle wahrhaft und aufrichtig fromme Juden erlassen ist. הזין ונתחזק, Ermanne dich, so sollte Jeglicher zu sich sprechen, damit wir in der Vereinigung stark werden. Es fehle Niemand. eS lasse Keiner sich von ungehörigen Rücksichten oder falscher Bescheidenheit zurückhalteu, dieser Vereinigung beizutreten. Es spreche Niemand. was liegt an!neiucr unbedeutenden Person. Das Iudenthum kann Nient an den entbehren, es zählt auf die Treue und Hingedung aller Israeliten. Wohl sind Viele abgefallen und haben beut väterlichen Erbe ganz den Nucken gewandt. Wohl sind gar Viele vorhanden, welche sich in ihrem Sinn fromnr dünken, aber nicht recht kennen, in welchem Lager die wahre Frömmigkeit zu finden, wo die Wahrheit des Judenthums in Aufrichtigkeit gelehrt wird. Und auch Viele sind da, die sprechen, fromm wollen wir wohl gern sein, und für das Judenthum bringen wir gern Opfer, aber das orthodoxe Iudenthum ist uns doch zu schwer, darum können wir cs nicht mit den Orthodoxen halten. Auf Diejenigen, welche nicht zu uns gehören wollen, können wir freilich nicht zählen, daß sic das Werk mit fördern, zu welchem wir uns vereinigen wollen. Aber cs sind deren doch Gottlob auch nicht wenige, die voll und ganz zu uns stehen, und von diesen sollte Niemand Zurückbleiben. Der Ausruf ist ja nicht an die Rabbiner. Lehrer und Vorsteher gerichtet, sondern an jeden braven, frommen Mann, in welcher Lebensstellung er auch inuner sich bcsinden möge, damit aus dem Zusammenschluß vieler Einzelner eine ansehnliche und starke Vereinigung erstehen, להחזיר עטרה לישנה den Glanr des Judenthums wieder herzustelleu, להגדיל תורתנו הקדושה die Thora in unserem Kreise zum allein maßgebenden Faktor zu machen, ולהשיב לב בנים אל אבותכ und die Gegenwart zu der mustergültigen Treue und Gewissenhaftigkeit einer ruhmwürdigen Vergangenheit zurückzuführcn. — Dazu möge Gott den Segen geben! Kol Nidre. Ein Vademekum. Aus der Provinz Brandenburg. Der jüdischen Liturgie zugehörig sind mehrere Gebctstücke, die von Zeit zu Zeit bei unseren Freunden, den Herren Reformern, wahre tragische Lamcuti hervorrufen. Wenn man liest, was von jener Seite geschrieben wird, sollte man oft geradezu glauben, daß es hier einen Drachen zu bekämpfen gelte, mit einer solcher! muthigen Streitlust stürzen sich jene Helden auf ihr Kampfobjckt. Hierhin rechnen wir das יפום פורקן, einzelne der אבינו מלכינו und endlich — das öcol Nidre-Gebet. Aber während die ersteren Gebetstücke der Kampfesmuth ihrer Gegner an vielen Orten und selbst iu Synagogen, die gegen die Bezeichnung ״reformirt" protcstircn würden, bereits erlegen sind, haben sich bis jetzt nur Synagogen mit eignen ״Gebetbüchern" bereits gefunden, das Kol Nidre-Gebet zu opfern. Da erscheint nun plötzlich ein Herr Hamburger aus Lissa aus dem Kampfplatze, rechnet dem Kol Nidre alle seine Sünden in vier Artikeln vor und schließt mit der Veröffentlichung eines von ihm verfaßten Gebetes, welches die Stelle des Kol Nidre vertreten sott und welches wir allen Freunden gesunden Humors bestens empfehlen. Ein solcher Mann yerdient es sicher, daß seiner gedacht werde, und wir unterziehen uns gerade dieser angenehmen Pflicht, eingedenk des Satzes: dem Verdienste seine Krone. Herr H. ist so bescheiden, am Anfänge des vierten