Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 39-40 (23.9.1885)
- Article
- Johann Zestowitz
- Date
- 1885-09-23
- Page
- 616 (sequence 3)
- Language
- German
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zu geben und zwar ganz direkt auf das Dach seiner Schmiede. DaS ging nämlich so zu. Etwas gesengt, geplündert und gemordet mußte nun einmal werden, das war nun einmal, wie die klugen Leute meinten, eine ״politische ׳Nothwendigkeit", und dafür waren denn die Hauser, die Habe und die Leiber der Hebräer am allergeeignelsten, wenn es mit den Deutschen nicht sein konnte. Sollte aber ein neugieriger Leser mich nun fragen, warum denn diese politische Nothwendigkeit vor- Händen war, so müßte ich allerdings sagen: Lieber, das weiß ich nicht; ich bin auch nicht um ein Haar klüger als mein guter Freund Zankel Przcstowitz, welcher mir seine Lebensgcschichte mitgetheilt hat. Ich bin nur ein ganz einfältiger Erzähler, der von solchen subtilen Dingen wie Politik nicht das Mindeste versteht, ja, wenn ich ganz aufrichtig sein soll, so habe ich eigentlich nicht einmal eine rechte Vorstellung von einer politischen Nothwendigkeit, nach welcher es nothwendig sein könnte, friedliche Menschen der rohen Wuth des Pöbels preiszugrben. Darum bin ich nicht im Stande, die neugierige Frage zu beantworten. Ich kann nur berichten, was Freund Zankel mir erzählt hat, und das ist leider nichts Erfreuliches, ja ich glaube auf keinen Widerspruch zu stoßen, wenn ich cs als etwas sehr Trauriges und Lcidvolles bezeichne. Denn es kann nichts Traurigeres geben, als wenn die Mcnschennatur ihres göttlichen Thcils verlustig geht und das Thier in ihr zur wüthigen Leidenschaft entfesselt wird. Es kann nichts Traurigeres geben, als wenn der Mensch sich auf seinen Mit- Menschen stürzt, ihn zu zerfleischen und in wahnwitziger Bestialität ob dieses Brudermords jubelt. Und ein leidvollereö Geschick kann einem Menschen wohl nicht aufgebürdet werden, als die Frucht seiner fleißigen Arbeit vernichtet, seine friedliche Heimstätte eingcäschert, sein Weib und seine Kinder mißhandelt zu sehen, und arm und nackt in die Fremde flüchten zu müssen, wohin der Mordbrenner Rotte ihm nicht folgen kann. Diese traurige Erfahrung und dieses leidvolle Geschick harrten aber Zankels! Die politische Nothwendigkeit — von dem Wesen dieses mächtigen Ungcthüms haben Zankel und ich. wie bereits erwähnt, keine Ahnung —- gebahr das berühmte Edikt, welches die Hebräer dem Volke als eine Landplage erscheinen ließ, und gegen eine Landplage giebt cS natürlich keinen besseren Rath, als eine gründliche Beseitigung. Wenn Heuschrecken das Korn von dem Acker verzehren, wenn Wölfe dic Heerden dczimiren, dann werden Prämien auf deren Vertilgung ausgesetzt. DaS gute Volk meinte auch Prämien zu verdienen, wenn es sich zu der Vertilgung der Landplage, welche Jude genannt wurde, anschickte. Das niedere russische Volk ist ja sonst so kindlich und gutherzig und lebte ja bis jetzt in Frieden und Freundschaft mit seinem hebräischen Bruder. Aber wenn die hohe Regierung es meint, — und gewissenlose Agitatoren beredeten es, daß die Negierung es so wollte,—־ daß die Juden ein wenig ausgerottet werden, nun so ist es auch dazu bereit, namentlich, wenn man eS mit der Aussicht auf Beute und Branntwein darin zu bestärken weiß. ״Bruder Zankel," sprach zu ihm eines TageS ein Bauer, dessen Pferde er gerade mit einem neuen Paar Hufeisen beschlug, ״Bruder Zanket, es thut mir leid, daß ich es Dir sagen muß, aber es ist nun einmal nicht zu ändern. Wir kommen nächste Woche hierher, um alle Hebräer fortzujagen und ihre Habseligfeiten uns zu holen. Es thut mir leid, — aber da ist nichts daran zu ändern; der Kaiser hat es befohlen. Wenn wir nicht kommen, so kommen Andere, und Du gönnst eS doch lieber uns." Der Bauer, welcher also sprach, hatte sich in dem Kruge nebenan schon recht fleißig mit dem Branntwein beschäftigt und sprach deshalb lallend in halber Trunkenheit. ״Väterchen Petrowitsch macht doch immer schlechte Späße," meinte Zankel. ״Was haben wir Euch Schlimmes gethan, daß Ihr so übel an uns handeln könntet? Unser guter Kaiser liebt auch uns gerade so viel wie euch und duldet nicht, daß uns Böses zugefügt wird." ״Das war früher," entgegnete der trunkene Bruder. ״Da ist ein Herr gekommen und hat aus einem großen Schreiben, aus dem Ukas des guten'Kaisers,, vorgelesen, darin steht es geschrieben. Und der Herr hat uns auch den Grund gesagt. Der Kaiser meint eS gut mit seinen russischen Kindern. Die Fremden aber wollen nicht leiden, daß er uns wohl thut, und die Hebräer sind Fremde, darum müssen sie verjagt oder todtgeschlagen werden, und alles, was sie besitzen, schenkt uns der gute Kaiser." . ״Nun. so bezahle nur jetzt für die Hufeisen," antwortete Zankel, ״und wenn Zhr mich im Bösen besuchen wollt, so kommt nur; ich erwarte Euch mit meinem Schmiedehammer, und auf ein Paar eingeschlagene Schädel soll eö mir nicht ankommen." Dabei schwang er den großen Hammer leicht in.der Hand, als ob eö ein Federball wäre und lachte aus vollem Halse. Der betrunkene Bauer kraute gedankenvoll den Kopf und schaute bedenklich ans den großen Hammer hin, den der Schmied so gewaltig zu handhaben wußte. ״Du willst mich doch damit nicht treffen, Bruderherz'?" ״Nun, wenn Du cS durchaus willst, so sollst Du schon spüren, daß der Judenschntied Deinen dicken Kopf in Lausend Splitter spalten kann," gab Zankel lachend zur Antwort. ״Zetzt aber fahre heim und schlafe Deinen Rausch aus." ' (Fortsetzung folgt.)