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Jeschurun · 1885-09-23 · Heft 39-40 (23.9.1885) · p. 615

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 39-40 (23.9.1885)
Article
Johann Zestowitz
Date
1885-09-23
Page
615 (sequence 2)
Language
German
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denn auch alle Betheiligten dank der weisen Bercchnung des beurlaubten Soldaten und Schmiedes recht wohl. Der Krüger schenkte noch einmal soviel Schnaps aus, der Bauer trank gerade noch einmal soviel, und Iankel sicherte sich einen guten Erwerb, vollkommen ausreichend für die Befriedigung seiner geringen Anforderungen ans Leben. Ein Jahr floß nach dem andern friedlich dahin. Iankel arbeitete fleißig mit dem Hammer, sein Weib im Hause und auf dem kleinen Ackergrunde, welches zur Hütte gehörte, und hatte mit den beiden Kindern zu schaffen, die sich nach und nach einstcllten und gut gediehen. Es gab sicherlich keinen glücklicheren Menschenkreis, als diese arbeitsamen, wackern, frommen Leute in der Judenschmiede, wie JankelS Werkstatt zur Unterscheidung von der anderen mitten im Dorfe belegenen Schmiede genannt wurde. Da brach zum Unglück so manchen friedlichen Daseins der türkische Krieg aus. Der General Gurko mußte wohl von JankelS Tapferkeit in Asien gehört haben. Er war der festen Ueberzeugung, daß es ihm ohne JankelS Beistand nicht gelingen würde, den Schipkapaß zu nehmen, und deshalb mußte die Judenschmiede geschlossen werden und Iankel von seinem weinenden Weib und seinen Kindern zärtlich Abschied nehmen, um abermals für des Kaisers und Rußlands Ruhm und Größe zu streiten. Nach ungefähr zwei Jahren ward er zur Opolt-- schenie*) entlassen und zwar mit allen Ehren eines tapfer« gemeinen Soldaten. Sein Haar war noch struppiger geworden, seine Kinder waren größer geworden, sein Weib war aber recht blaß geworden. Die kleinen Ersparnisse waren aufgezehrt. Es galt von Neuem zu arbeiten. Obgleich inzwischen noch eine dritte Schmiede im Orte eröffnet worden war, so stand doch Iankel in zu guten Beziehungen zu den Bauern der Umgegend und seine Schmiede war zu gelegen, als daß es ihm an Kundschaft mangeln konnte. Wiederum zog das Glück bei ihm ein, wiederum herrschten Zufriedenheit und Freude in seiner Hütte. Was hatte der schlichte einfältige Mann, der keine andere Sorge kannte, als die für Weib und Kind, der keinen anderen Pflichten diente, als denjenigen gegen Gott durch frommen, tugendhaften Wandel und gegen den Kaiser durch Tapferkeit und Gehorsam, mit der hohen Politik zu thun? Und doch sollte ihm diese verhängnißvoll werden. Was wußte er von Jgnatiess und Aksakow, von Nihilismus und Nationalökonomie? Das hinderte aber nicht, daß alle diese Faktoren sich gegen ihn verschworen. So geht es oft wunderbar in der Welt zu. Da lebt ein armes Menschenkind in seiner Einfalt schlecht und recht und denkt nur an die *) Landsturm, Erfüllung der ihm zugetheilten Lebensaufgabe, plagt sich vom frühen Morgen bis zum späten Abend für das Stückchen Brod, das eS den Seinen bricht, und für den Beitrag, den cS dem Staatssäckel zu leisten hat, trägt willig seine Haut zu Markte für des VaterlandeS Ruhm, beobachtet in treuem Gehorsam die Gebote Gottes und des Kaisers, lebt in Redlichkeit und Frieden mit seinem Ncbenmenschen und führt nichts Böses in! Schilde — da bricht plötzlich über cs das Unglück herein, welches von langer Hand gegen seine unscheinbare Existenz von Mächten geplant war, die er gar nicht kennt und zu welchen er in gar keiner Beziehung zu stehen wähnte. Iankel Przcstowitz hatte, wie gesagt, gar keine Ahnung von der Gährung, welche in den höheren Kreisen der Gesellschaft ob der Zerfahrenheit der inner» Zustände des weiten Czareureiches herrschte. Er hatte niemals irgend ein Bedürfniß gefühlt, an der Leitung der Staatsgeschäste theilzunehmen und deshalb auch niemals Wünsche und Hoffnungen gehegt, daß er jemals in den StaatSrath oder in ein Parlament berufen werden möchte. Wozu wäre denn der große Kaiser da, wenn er nicht allein nach seinem Gutdünken herrschen sollte? Was hätten denn die Minister, Näthe, Richter und Beamte anders zu thun, als die Ordnung im Reiche zu handhaben und die Befehle ausznführen, welche der erhabene Czar ihnen austrägt? Der Unterthan aber hat Allen Gehorsam zu leisten und auch willig sein Gut und Blut für den Kaiser hinzugeben. DaS war Jankels Meinung, die er freilich niemals aussprach und an welche er auch niemals dachte, nach welcher er aber handelte als einer sich von selbst verstehenden Nothwendigkeit. Er hatte auch gar keine Ahnung von einem Panslawismus, von Gehässigleiten zwischen deutschfreundlichen und nationalrussischen Parteien. Er hatte auch gar keine Ahnung von der Trubnikow'schen Schrift, welche damals erschien und das ganze Unglück Rußlands den Deutschen und Römisch- Katholischen in die Schuhe schob und alle wahrhaften Patrioten in den Palästen wie in den Lehmhütten fast geradezu aufforderte, eine Deutschenhctze zu veranstalten, um diese an dem Marke des heiligen Rußlands zehrenden und alle einflußreichen Stellen einnehmenden Fremden zu verjagen oder todtzuschlagcn. Wenn er solches gewußt hätte, so würde er ganz sicherlich den struppigen Kopf geschüttelt und gesagt haben, das wäre doch ein himmelschreiendes Unrecht. Wie gesagt, der brave Iankel wußte hiervon nicht das Mindeste und so konnte er auch nicht wissen, daß Jguatiew einsah, mit diesen von ihm inspirirten Brandraketen gegen die Deutschen weit über das Ziel hinausgeschoffen zu haben und eS deshalb für angemessener und seinen Absichten entsprechender hielt, diesen Brandraketen eine andere Richtung

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