Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 39-40 (23.9.1885)
- Article
- Bemerkungen zu den Verhandlungen und Beschlüssen der Rabbinerversammlung zu Berlin
- Date
- 1885-09-23
- Page
- 613 (sequence 3)
- Language
- German
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613 Satzungen, dem Geiste und Sinne der Religion entspricht; daraus aber folgt, daß ihr höchst ^ungeeignete Elemente" des Religionslehrerstandes seid, weil die ״geeigneten Elemente" desselben allerdings dieses wissen müssen; ihr habt aber soeben verkündet, daß die ״nngeeigneten Elemente" entfernt werben müssen, — also seid so gut und legt euer Nabbincramt nieder. Herr Di׳. Joel hat auch in der That gefürchtet, daß das Volk also sprechen würde. Er sprach im weiteren Verlaufe seiner Rede davon, daß man sie selbst für nicht geeignet halten möchte und mit der Annahme der Gronemann'schcn Motivirung ״sie sich selbst aus der Geeignetheit herauSwerfcn würden." Das war wieder ein Meisterstück des Herrn Dr. Joel und wurde auch als solches allseitig anerkannt. Herr Di׳. Gronemann war gründlich widerlegt worden! Wir aber richten vor aller Oeffentlichl'eit im Hinblick auf diese Verhandlung die ernste Frage an jeden denkenden Menschen: kann eine Versammlung sich ״ungeeigneter" erweisen über die Hebung der jüdischen Religion zuverhandeln, und sind nicht deren Beschlüsse völlig werth- und inhaltlos? (Fortsetzung folgt.) Das Je! des christlich-sozialei! MisemrtlSNW. Wir bringen in unserer heutigen Berliner O-Korrespondenz die Mittheilung, daß die ״Nordd. Allg. Ztg." den ״Christlich-Sozialen" Vorwürfe wegen ihrer antisemitischen Agitation macht. Gegen diesen Vorwurf wendet sich die ״Nene Pr. (Kreuz) Ztg." in folgender Weise: ״Die ,Nordd. Allg. Zeitung' hat sich im weiteren Verfolge ihrer Betrachtungen über die Parteien unter anderen auch mit den ,Christlich-Sozialen׳' und ihrem Verhallniß zum Antisemitismus beschäftigt und dabei, auch wenn nur in hypothetischer Form, Ansichten ansgesprochen, die sich mit dem thatsächlichen Stande der Dinge nicht Lurchweg zu decken scheinen. Wenn das Verhältniß der Christlich-Sozialen zur Iudensragc z. B. als ,unklar׳ bezeichnet wird, weil sich nicht erkennen lasse, ,ob sich der Antisemitismus gegen die Ncligion, gegen die Nationalität, oder nur gegen die Geschäftsgewohnheit richtet', so ׳ ist das nicht die Schuld der Christlich-Sozialen. Zn keiner Zeit haben sie einen Zweifel darüber gelassen, daß sie den Antisemitismus lediglich ,sozial' verstanden wissen wollen, daß sich deshalb ihre Auffassung auch also wesentlich gegen die;Geschäftsgewohnheit' richtet, wenn dieser Ausdruck nun einmal beibehalten werden soll, obwohl er nicht erschöpfend ist. Wer den Antisemitismus auch in diesem Sinne verurtheilt, kehrt sich, wie von konservativen Blättern bereits mehrfach hervorgehoben worden ist, auch gegen die Politik der Kaiserlichen Botschaft, von der man, um sie kurz zu bezeichnen, auch sagen kann, daß sie den Kampf gegen eine gewisse ,Geschäftsgewohnheit' bedeutet, d. h. gegen die überwiegend von dem jüdischen Element vertretene kapitalistische Ausbeutung des wirttzschaftlich Schwachen durch den wirthschastlich Starken. Eine andere antisemitische Bewegung erkennt seit dem k 7. November 1881 kein ,Christlich-Sozialer' an. Von dieser aber wird er sich so lange nicht abwendig machen lassen, als die Kaiserliche Botschaft zu Recht besteht. Der Antisemitismus der Nasse und des Hasses, den die,Nordd. Allg. Ztg.' im Auge zu haben scheint, spielt jedenfalls in der Oessentlichkeit nicht die Nolle, die ihm von liberaler Seite in bewußter Absicht zugeschrieben wird. Die Frage, ob und in wie weit die staatsbürgerlichcn Rechte der Inden zu beschränken sind, steht für die ,Christlich-Sozialen' zur Zeit nicht im Vordergründe, weil sic recht gut wissen, daß dieselbe von der Gesellschalt, wie sie gegenwärtig noch ist, nicht befriedigend gelöst werden kann. Nur die politische Unreife erwartet vorn bloßen Dekretiren, was nur als Frucht eines tiefgehenden inneren Umwandlungs-Prozesses der Nation lebensfähig wäre." — Man sieht, das Hauptorgan des ächten christlichsozialen Konservatismus sucht seinen Antisemitismus mit nichts Geringerem zu decken, als mit einer Kundgebung, welche von der einzig hohen, ehrfnrchtgebietenden Stelle ausgehl, vor welcher alle Deutschen ehrerbietig das Haupt neigen. Die ״Kreuzzeituug" möge es uns nicht verübeln, wenn wir diese Berufung auf die kaiserliche Botschaft weder in sich begründet, noch mit einer Loyalität, wie solche unseres Erachtens vor allen Anderen gerade von ihr, die sieh als Hort der Königötrene so gern betrachtet wissen will, bethätigt werden sollte, vereinbar finden. , Wir halten wenigstens dafür: Ein Kaiserwort soll man nicht drehen noch deuteln. Wer es unternimmt, seinen eigenen kleinen Witz, seine eigenen beschränkten Gedanken einem Kaiserworte unterzuschicben und an der Kundgebung seines Königs zu drehen und zu deuteln, der stellt seiner Loyalität ein eigenthümlicheS Zeugniß ans. Der Kaiser ist erhaben über die Ausgebürten der Leidenschaft, welche die Hitze des ParteikampfeS erzeugt. Wie darf ein Unterthan es wagen, das Wort deS Monarchen mit seinem eigenen zu identifizkren? Wir sprechen den; Antisemitismus und der ״Kreuzzeituug" jegliche Berechtigung ab, die kaiser- Liche Botschaft zum Schutze ihrer Parteibestrebungen