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Jeschurun · 1885-09-03 · Heft 36 (3.9.1885) · p. 574

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 36 (3.9.1885)
Article
Rußland : Petersbrug [Nachricht]
Date
1885-09-03
Page
574 (sequence 3)
Language
German
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lässig bewährten Stände entreißen, um sie den nach dieser Seite hin bis jetzt mindestens noch uncrprobten Juden anzuvertrauen? Rußland ist stolz darauf, einen vortrefflichen und leistungsfähigen GcburtS׳ und Ver-- dicnst-Adel zu haben, und die RegicrungßAlexanderS III. rechnet es sich als besonderes Verdienst an, diesen Stand nach Gebühr zu würdigen; wie aber soll dieser Stand gedeihen und seine Mission erfüllen, wenn er aus seiner Position verdrängt wird, gleichviel durch wen? Erkennt der Staat nun einmal den Adel als seine!nächtige Stütze an, so sollte er sic nicht selbst erschüttern. Das sah die russische Negierung ein und ließ deshalb die Juden höchst ungern zu Staatsämtern zu; aber der Fehler liegt eben in ihrer Inkonsequenz, darin wurzelt eigentlich die ״Judenfrage". Hat man einmal den Juden sich ausbileen lassen und hat man ihn sogar dazu gezwungen, so muß man ihn auch ein seiner Bildung würdiges Dasein führen lassen und ihm nicht alle Mittel zur Existcn; abschneiden. Da wäre es schon viel humaner gewesen, demselben alle Wege zur Bildung zu versperren. Das war auch der Grundgedankt im Verfahren Jgnatiefss gegen die Juden. Seine Absicht war nicht so sehr, den Juden zu schaden, als den russischen Staat gegen den Vorwurf der Inkonsequenz und der Ungerechtigkeit zu schützen und so der ״Judenfrage" den Boden zu entziehen. Ebenso wohlbegründet war das Projekt Jgnatiefss, die Juden nach dem Amurgebiet zu verpflanzen. Dort hätten sie in alter Weise fortleben können, und vielleicht wäre eS noch gelungen, sic dort zur Landarbeit anzuhaltcn. Jgnaticffs jüdische Politik hat nur an Uebcreilung gclitten, er wollte seine Reformen im Augenblick realisirt sehen, was natürlich unmöglich war; die Fehler eines Jahrhunderts lassen sich nicht binnen Kurzem gut machen. Aber der Grundgedanke dieser Reformen ist ein ganz richtiger und lebensfähiger. Ihn allmälig zu verwirklichen, nu!ß die Aufgabe der Pahleu'schcn Kommission sei. Was man auch gegen Jgnatiefs einwendcn möge, er ist ein ebenso guter Aristokrat, als tüchtiger Staatsmann, und sein Programm in der ״Judensrage" muß auch für künftige Geschlechter maßgebend sein. Soll der russische Staat russisch bleiben, d. h. soll er vom Absolutismus regiert werden, so muß der russische Adel in seiner Stellung bleiben. AuS dieser aber wird ihn ein russischer ״dritter" Stand eben so wenig, wie ein ״vierter", die Juden, verdrängen. Letztere sind in ihrer Art viel konservativer, als der Adel, und sind mit ihrer Lage zufrieden. Wo liegen die Beweise dafür, daß sie blos aus Mangel au Energie und Initiative eS vorziehen, in ihre bisherigen Lage zu beharren, und nicht weil diese ihrem Karakter, ihren Gewohnheiten, ihrer Lebensanschauung mehr zusagt, als irgend eine andere Thätigkeitssphäre im Staate, und warum sollte man sie gewaltsam aus dieser Situation reißen? Von den Deutschen haben wir nicht viel mehr zu fürchten; bilden sie doch ein verschwindendes Minimum, und sind sie noch dazu meist ein fremdländisches Element, welches man im schlinimsten Falle sich jeder Zeit vom Halse schaffen kann. Die Juden aber sind ein indigeneS Element, sie sind noch dazu sehr zahlreich, vermehren sich unverhältnißmäßig mit jedem Jahre, und eben deshalb sind sie uns am gefährlichsten. Man behauptet gewöhnlich, daß die Negierung Nikolaus' in der jüdischen Politik die Bekehrung der Juden zum Christcnthum, und die Regierung Alcxandcr's II die Assimilation der Juden mit der russischen Nation zum Zwecke gehabt haben. Jene wollte also die Juden in Christen und diese sie in National-Nussen verwandeln. Das mag wohl wahr sein, aber abgesehen davon, daß nichts ausgerichtet wurde, wozu war das Bestreben Beider überhaupt nöthig? Das Christcnthum bedarf eben so wenig der Juden, wie die große hundert Millionen starke russische Nation; beiden könnte die Zufuhr fremder Elemente eher schädlich als nützlich sein. Die Juden sotten und müssen im Interesse des russischen Staates Juden bleiben, aber nur solche, wie sie es unter Polen waren. Wenn die ״Pahlen'sche Kommission" danach streben wird, dann kann sie zu befriedigenden Resultaten kommen . . . — ... y Warschau, 25. August. Wie der ״Kur. Marsch." meldet, entstand in dem kleinen Landstädtchcn Wjerwize im Gouvernement Radom am Ende vorigen Monats in einem Bauernhause ein Feuer. Sofort verbreitete sich das Gerücht in der Stadt, daß der Brand von zwei Juden angelegt sei. Die Bauern vielen über die Juden her mit dem Rufe: ״Nieder mit ihnen, werft sie ins Fcmr." Als der katholische Geistliche des Ortes Kunde von dem Tumulte erhielt, eilte er herbei, und seinen! Einschreiten gelang es, die Menge zu beschwichtigen. Als er später erfuhr, daß sich die Leidenschaft des Volkes von Neuem regte, dennoch über die Juden herzufallen, machte er ihnen in der Predigt ernstliche Vorwürfe und bczcichnete cS geradezu als ein großes Verbrechen, unschuldige, brave, friedfertige Leute in ihrer Ruhe und Sicherheit zu stören. Zwei Bauern, die HauptredälSführer, wurden den Gerichten zur Bestrasung eingeliefert. Rumänien. -> Bvttusckan im August. Zur Illustration unserer Noth, Bedrängniß und Hülflosigkeit theilc ich folgende Grenelthat mit, die sich hier vor einigen Wochen zugetragen: Ein Jude sah sich gcnöthigt, da er von den Behörden bedroht worden, die Flucht zu ergreifen und seine Familie vorläufig zurückzulassen. Seine Frau, zu Tode geäugstigt, hielt sich inzwischen auf dem Boden

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