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Jeschurun · 1885-09-03 · Heft 36 (3.9.1885) · p. 573

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 36 (3.9.1885)
Article
Rußland : Petersbrug [Nachricht]
Date
1885-09-03
Page
573 (sequence 2)
Language
German
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573 unglückliche Lage unserer Brüder zeigen, hier folgen: ״Die russische Regierung, besonders die der Kaiser Nikolaus und Alexander II., hat in ihrer Politik gegen die Juden einen großen Fehler gemacht, den die Pahlcn'schc Kommission wieder gut machen muß. Als die russische Negierung Polens Erbschaft angctreten und die Judenschaft übernahm, hat sie darin gefehlt, daß sie nicht zugleich mit den Juden die Politik überuommen hat, welche Polen gegen dieselben übte. Diese Politik hat darin bestanden, einerseits die Juden möglichst ans- und abgeschlossen zu halten, andererseits aber in deren interne Angelegenheiten sich nicht zu mischen. Den Juden gefiel es, ״einen Staatim Staate" zu bilden, ihre Angelcgenheietn selbstständig zu verwalten, und für Polen war das auch sehr bequem. Der Jude bildete eine ganz eigenartige Klasse, welche sich der eingeborenen Bevölkerung und besonders den höheren Ständen sehr nützlich erwies. Alle Lehranstalten, wie alle Staatsämter waren dem Juden unzugänglich; aber ungebildet wie er war, trug er kein Verlangen danach, ja, er war höchst zufrieden damit, daß seine Kinder nicht in Versuchung geführt wurden, die von ihm verketzerte Bildung sich anzueignen, oder gar im Staatsdienste ihre religiösen Pflichten zu vernachlässigen. Daß unter solchen Umständen Europa weder Grund noch Gelegenheit gehabt hat, sich der Juden anzunehmen, ist begreiflich, und von einer ״Judenfrage" konnte unter solchen Umständen gar keine Rede sein. Kaum aber hat Rußland die Juden unter sein Szepter aufgenommen, als sofort eine ״Judenfrage" auj's Tapet gebracht wurde, die sich bis heute noch behauptet und von einer richtigen Lösung jetzt viel weiter entfernt ist, als je. Der Fehler unserer Negierung in ihrem Verhalten gegen die Juden liegt darin, daß sie einerseits die Wände der Exklusivität der Juden immer mehr und mehr untergraben hat, indem sie ihnen nicht blos die allgemeinen Lehranstalten cröffnete, sondern sie auch zwang, dieselben zu besuchen, während für andere Stände und Klassen bis heute noch kein Schulzwang existirt; andererseits aber die internjüdischcn Angelegenheiten unter ihre Kontrolle gezogen und verschiedene, in das jüdische Leben tief einschneidende Reformen gewaltsam eingeführt hat, wie die Kassirung der alten jüdischen Tracht, der ״Cheder", ״Jeschibot" und alten Rabbiner, die Er- Öffnung von jüdischen ״Kronsschulen", Lehrer- und Rabbiner-VildungSanstalten, die Schafjung des Instituts der KronSrabbiucr, alles Einrichtungen, welche nicht blos für Rußland vollständig überflüssig, sondern geradezu schädlich waren. Die Juden sind dem Staate wie dem Volke sehr nützlich; aber — nur als Juden, als eine besondere, in ihrem sozialen und ökonomischen Leben eigen geartete Klasse, wie sie es unter der Herrschaft Polens waren. Hören sie aber auf, eine solche zu sein, eignen sie sich europäische Zivilisation an, so drängen sie sich den höheren Ständen n016n8 V0I6N8 als Rivalen auf und machen ihnen naturgemäß beachtenswerthe Konkurrenz. Vom Landbau wie von jeder physischen schweren Arbeit seit Jahtansendcn entwöhnt, mit . seinen in den Spekulationen des Handels und Wandels, wie am Studium des Talmuds entwickelten und geschärften Geiste, wird der Jude nach Aneignung europäischer Zivilisation sich keineswegs der produktiven physischen Arbeit, sondern den sogenannten ״liberalen Professionen" zuwenden, und so wird er alle schweren Arbeiten durch den Russen für sich verrichten lassen, während er die bevorzugten Beschäftigungen an sich, reißt, die vom Staate den wegen ihrer Verdienste und wegen ihrer erprobte!, Treue gegen die Dynastie mit Recht bevorzugten Ständen zuerkannt werden sollten. Wir haben an Rußlands Größe und Macht, an der Befestigung der gegenwärtigen russischen Dynastie viele Jahrhunderte mit heldenmüthigcr Selbstverleugnung gearbeitet, und nun, da Rußland groß und mächtig ist, da die Dynastie Romanow Liefe Wurzel gefaßt hat, sollen wir die Resultate unserer Anstrengungen mit dem Juden theilen und seine Konkurrenz uns gefallen lassen, die schon deswegen sehr gefährlich ist, weil er bloS seine persönliche Arbeit und Unkosten und daher immer weniger einsetzt, als wir, die wir auch die Verdienste unserer Vorfahren in unsere Leistungen einsetzen?! Dazu kommt, daß der Jude, in Armut!) und Dürftigkeit ausgewachsen, ganz andere Lebensgewohnheiten und Anforderungen hat, als wir, die wir auf den Früchten der wohleruwrbenen und aus Großmnth geopferten Leibeigenschaft groß gezogen sind, und daß der Jude deswegen mit meist geringerem Lohne für seine Leistungen sich begnügen kann, als wir. Wir verargen eS dem gebildeten Inden keineswegs, daß er uns unter solchen für uns ungünstigen Bedingungen Konkurrenz macht'. Das Streben nach einem besseren Loose, nach einer bevorzugteren Stellung in! Leben wohnt jedem Menschen inne und ist ebenso natürlich als berechtigt. Wer darf es vom akademisch gebildeten Juden mit gut geschultem Geiste und verfeinertem Geschmack verlangen, daß er, anstatt eine seiner Bildung angemessene Thätigkeit, selbst unter den bescheidensten Bedingungen, zu erst!eben, zu dem niedrigen Gewerbe seiner Väter oder gar zu dem selbst seinen Vätern fremd gebliebenen Pfluge greifen soll? Aber eben so wenig darf man eS den regierenden Klassen verargen, wenn sie einer solchen Eventualität zuvorkommen und sich vor ähnlicher Konkurrtnz geschützt wissen wollen. Auch dem Staate sollte es keineswegs gleichgültig sein, wem er die Funktionen der Negierung und Verwaltung, der Erziehung und Belehrung anvertraut, und wie dürste er dieselben den Händen der ihm gut bekannten und längst als zuver-

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