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Jeschurun · 1885-09-03 · Heft 36 (3.9.1885) · p. 567

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 36 (3.9.1885)
Article
Reb Mausche
Date
1885-09-03
Page
567 (sequence 2)
Language
German
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kam und anpochte. ״Oesfnen Sie," hörte ich des HausmcisterS wohlbekannte Stimme rufen. Ich sprang vom Bette, riß die Thüre auf und entzifferte mit verschleicrtcm Blicke auf einer mir vom Hausmeister entgegengestreckten Visitenkarte die Worte: ״Komm, so schnell Dich Deine Füße tragen, es ist die höchste Zeit! — Dein Freund: N." Die Buchstaben tanzten und verschwommen vor meinen Blicken, die Karte entfiel meiner Hand, und ich begann, von einem Schwindet erfaßt, zu schwanken. Da ließ der Hausmeister seine Laterne zu Boden fallen, fing mich mit beiden Händen auf und trug mich zum Kanapee. Dann goß er mir wohl eine halbe Bütte kalten Wassers über den Kopf, worauf ich wieder zu mir kam. Ich rührte!nich aber nicht von den! Platze weg, auf welchem ich saß, und stierte nur unverständig in die leere Lust, mir war's, als ob mein gegenwärtiger Zustand nur noch die Fortsetzung eines wüsten Traumes sei. Da donnerten aber die Worte: ״Komme — es ist die höchste Zeit" wieder durch mein Ohr und peitschten mich wie glühende Geißeln ans meiner Betäubung. Ich sprang auf, warf mich mit rasender Hast in die Kleider und stürzte fort. Dia alte Dienerin, welche auf mein Klopfen mir die Gassenthür öffnete, vermochte vor Schluchzen kein Wort hervorzubringen. Ich eilte weiter und als ich durch das Vorgcmach der Thür des Krankenzimmers zuschritt, kam mir aus derselben der Arzt entgegen. ״Herr Doktor, was — ist — vorgesallen —?" fragte ich, vor ängstlicher Beklemmung stockend. ״Ich habe mich heute Nachmittag geirrt," entgegnete Jener mit theilueh.mendem Ton, ״die Besserung in dem Befinden des Kranken war leider nicht, wie ich annahm, das erste Symptom der wiederkehrenden Gesundheit, sondern ein letztes Aufflackern vor dem völligen Erlöschen. Das Schicksal des armen Mannes ist besiegelt — gehen Sie hinein und sorgen Sie dafür, daß er keinen Augenblick allein gelassen wird." Kaum meiner Sinne mächtig, schwankte, ich in das Sterbezimmer, wo alle Freunde vollzählig versammelt das Bett umstanden. Das Angesicht des Kranken war von einer flammenden Gluth übergossen, seine Gesichtsmnökcln zuckten und der Athen, wand sich röchelnd und abgehackt aus der sich hebenden und senkenden Brust. Als ich an das Bett trat, konnte ich die Thranen nicht länger zurückhalten. ״Ist er's?" fragte mit matter Stimme Reb Mansche, der meinen leisen Tritt erkannt haben mußte. ״Ich bin es, mein väterlicher Freund," antwortete ich, gewaltsam mein Schluchzen unterdrückend und beugte mich zum Kranken nieder, der mir mir der feuchtglühenden, zitternden Hand das Lhränennafle Gesicht betastete. ״Seid Ihr jetzt Alle da, meine Kinder?" fragte der Kranke wieder. ״Wir sind Alle da," eutgegneten einige gedrückte Stimmen. Der Sterbende öffnete jetzt mühsam die Augen, und während er langsam einen müden. Blick über uuS hingleiteu ließ, diesen Blick auf Jeden von uuS einige Sekunden ruhen lassend, umspielte ein sanftes, verklärendes Lächeln seine Lippen. Dann schloß er wieder die Augen und begann mit schwacher Stimme, sich oft unterbrechend: ״Ich fühle es, meine Kinder, daß ich bald in den ewigen Frieden einziehen werde. — Gott lohne es Euch, was Ihr an mir gethan habt. — Ihr habt mir Eltern, Kinder und Verwandte ersetzt. — Ihr habt mir reichen Ersatz geboten für die eitlen, unerfüllt gebliebenen Träume meiner Jugend. — Haltet treu an meinen Lehren, seid immer fromm, bieder und gut und Ihr werdet dann immer heiter sein und den Frieden Eurer Seele ungetrübt erhalten — auch wenn Ihr noch so bemitlcidenswerth sein werdet.- Dann werdet Ihr auch nicht den Tod zu fürchten brauchen — es ist — nicht wahr, was man Grausiges von ihm spricht. — Ich fühle keine Schmerzen — mir ist leicht und wohl. — Es ist wahr — ein finsterer Druck legt sich nur aufs Haupt — beraubt mich oft der Gedanken — und macht mich vor Entsetzen schaudern." Ein Schauer durchrieselte bei diesen Worten seinen Körper. ' ״Die Todesangst legt sich mächtig um meine Seele. — — Aber der Herr wird drüben den Druck lösen und die Nacht lichten. Seid gut — brav, mein Geist wird Euch umschweben. — Gott, vergieb meine Sünden!" Seine geballte Faust siel kraftlos auf seine Brust herab und die Lippen schlossen sich. Wir umstanden tief erschüttert das Sterbebett unseres Lhcuern Meisters. Viele schluchzten laut, die Hände vor das Gesicht pressend. Bang und düster schlichen die Stunden dahin, die uns. der Helle Klang einer nahen Thurmuhr verkündete. ״Wie spät ist cs?" fragte der Kranke Plötzlich mit Heller Stimme. Es war eine Stunde vor Mitternacht. ״Wie sagte nur Sokrates zu seinen Schülern? -Opfert dem Aeskulap einen Hahn, wir sind ihm einen schuldig!* Er brach wieder ab und versank in ein leises Gemurmel, aus welchem oft die Worte Elokim.... Emes.... undeutlich heraustönten. Als der Helle, schwingende Schlag der Thurmuhr Mitternacht inS düstere Zimmer hineinrief, raffte sich Neb Mansche wieder auf und sagte schwach: ״Der alten Chanah gebt — aus dem — Erlös der Möbels — zwei —

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