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Jeschurun · 1885-08-28 · Heft 35 (28.8.1885) · p. 551

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 35 (28.8.1885)
Article
Geschichte eines Ausgewiesenen
Date
1885-08-28
Page
551 (sequence 3)
Language
German
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551 unseren sechs Kindern und haben nichts und wissen nicht, wohin wir den Fuß setzen sotten. Wir haben zeitlebens gearbeitet und möchten noch so gern arbeiten für unsere Kinder. Aber wo sotten wir das thun?" Das arme Weib brach in Thräncn ans, und meine Frau und ich versuchten sie zu trösten, obwohl uns selbst in der ThaL die Thränen in die Augen traten beim Anblick des entsetzlichen Jammers. Doch konnten auch wir nicht helfen. Meine Frau versorgte die Kinder noch mit Kleidung, gab den wackeren Leuten Geld und Nahrung mit, und dann fuhren sie weiter, auf meinen Nath nach Holland, um dort ihr Heil zu versuchen. Das war also der Lohn für die edle, großartige That des wackern Weibes, das sich, um ihrem kranken Manne die Badereise zu ermöglichen, als Magd verdungen hatte, das war der Lohn für die Arbeit, für das redliche, mühevolle Schassen der braven Leute, daß sic jetzt arm und elend hinaus wandern müssen ins Ungewisse, nicht wissend, wohin sie am Abend ihr müdes Haupt legen sollen. Gott schütze sie und lasse ihnen allen Segen zu Theil werden — er allein kann noch helfen. — Im Geist segne ich das Biederweib. Möge ihm noch der Lohn werden, den es verdient. — Was ans ihnen geworden ist, weiß ich nicht — vielleicht oder wahrscheinlich haben sie noch nicht Ruhe gefunden von ihrem Wandern. — Gott helft ihnen!_ Me6 Mansche. Ein jüdisches Chnralterbild von Samuel Berthold Nosner. ^(Nachdruck verboten. Nebers«.׳tzr111g4recht vorbehaNe!׳..) (Fortsetzung.) Ich überwand also mein Widerstreben und ging hin. Ich mußte lange warten, bis er Zeit für mich hatte, denn Sie wissen ja. daß er am hiesigen Platz das beste Geschäft besitzt und stets viele Käufer im Laden hat. Aber endlich wackelte er, seinen kolossalen Wanst taum ertragend, zu mir her und fragte mich mit einem widerlichen, honigsüßen Grinsen: ,Nu, waö bringen Se mir, Reb Manscheleben?‘ Ich trage ihm in kurzen Worten meine Bitte vor und will ihm das Elend des Mannes, welchem meine Fürsprache galt, in recht lebhaften Farben schildern — aber da hätten Sie sehen sollen, waS für eine Veränderung mit der grinsenden Fratze urplötzlich vorgegangen ist. Als wenn der Blitz in seinen Schmerbauch eingeschlagen halte, fuhr er ans und schrie, indem fein Gesicht anschwoll und so roth wurde wie ein gesottener Krebs: ,Na, das ist unerhört, was man sich nicht für Lad ') bericht auf. der Welt, wenn man weiß, daß man ein paar Groschen im Vermögen hat. Ich sag Ihnen, Reb Mansche, ich bin mehr RachmonuS') als wie der Mensch, für welchen Sic ntich belästigen, denn der, wenn ihm etwas mangelt, kann schnorren gehn, ich aber nicht'? — Daß bu so darben und frieren müßtest, wie jene unglücklichen Geschöpft, dachte ich, und daß du dich an solche verächtliche Seelen um Unterstützung wenden solltest, wie du eine bist! Da ersuchte ich ihn denn, wenn er mir schon das Geld nicht schenken wolle, eS mir wenigstens für einige Tage zu leihen, nach deren Verlauf ich eS ihn! unbedingt znrückzahlen werde. Daraufhin wurde er aber noch fuchsiger und rief: ,Solche Geschäfte mach' ich nicht — da will ich Ihnen schon lieber etwas schenken? Sagi'S, steckte die Hand in die Hosentasche und rechte mir eine Anzahl Kupfermünzen — es mochten etwa zehn Kreuzer sein — her. Sehen Sie, mich packte, als ich das sah, eine Wuth, wie ich sie vielleicht in meinem Leben noch nicht empfundenhabe. Ich nehme ihm die Kupfermünzen aus der Hand und schleudere sie ihm gerade in die ausgemästete Fratze hinein. Ich sage Ihnen, solche Schmutzseelen könnte ich bei lebendigem Leibe viertheilen sehen. — Und das Schlimmste an der Sache ist," setzte er dann, trostlos vor sich niederdlickend, hinzu, ״daß ich die Leute noch länger hungern und frieren lassen muß." ״Wie groß ist denn die Summe, deren Sie benöthigen?" fragte ich. Reb Mansche blickte mich ungläubig an. ״Minbestens zwanzig Gulden." ״Gut, ich werde mein Möglichstes thun, um diese Summe zusammenznbringen. Mittag komme ich zu Ihnen mit dem Resultat meiner Mühe." ״O, wenn Sie das könnten, lieber Freund," rief Reb Mansche mit anfleuchtenden Augcn und erfaßte ungestüm meine Hand, ״Sie thäten eine sehr große Mizwoh׳) damit, und ich würde cs Ihnen mein ganzes Leben hindurch dankbar gedenken?' Wir drückten uns wann die Hände und schieden. Für mich war cs die höchste Zeit, daß ich meinen Weg sortfttzte, denn als ich im Hörsaal antangte, war just mit dem Vortrag begonnen worden. Als die Lehrstunde um war, eröfsnete ich unter meinen wohlhabenden Kollegen eine Sammlnng und bald hatte ich die gewünschten zwanzig Gulden beisammen. Fröhlich eilte ich Mittag zu meinem alten Freunde und schwelgte in dem Gedanken, was für ein glückliches Gesicht dieser beim Anblick des Geldes machen werde. Als ich in das Zimmer trat, lag Neb Mansche auf dem Kanapee, er war ganz blaß und klagte über ein Stechen in der Brust. Die alte Dienerin war eben in; Begriffe, ihm mit besorgter Miene eine Tasse Thee zu reichen. *) Belästigung. *) Zu bedsuecn. ף Wohtihar.

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