Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 35 (28.8.1885)
- Article
- Geschichte eines Ausgewiesenen
- Date
- 1885-08-28
- Page
- 550 (sequence 2)
- Language
- German
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ich da noch lange erzählen. Ich rieth ihr nochmals! ab, — natürlich vergebens — und da ich wußte, daß; meine Frau noch einer Magd bedürfe, ss bot ich ihr; sogleich die Stelle in unsere!!: Hause an. Ueberglücklich, : unter Thräuen des Dankes, willigte sie natürlich sofort ein — und so ist sie jetzt bei uns. Der Mann ist in W. zur Kur, und das wackere Weib sendet wöchentlich i!;ren Lohn dorthin! Selbstverständlich wollen wir ihr die Arbeit möglichst erleichtern — doch läßt sie sich darauf durchaus nicht ein. ״Für meinen Lohn will ich auch die entsprechende Arbeit leisten," sagt sie n!ir, ״wie die anderen Mägde arbeiten, so will ich cS auch. Sie würden mir meine Freude, die ich daran habe, meinem guten Manne, der sich, als er noch konnte, so für mich gequält hat, jetzt Helsen zu können, völlig verderben." AuS diesem Grunde schlug sic auch einen höheren Lohn aus, da sie nur jo viel haben wollte, wie die übrigen Mägde. Das ist so recht das Muster eines echten BiederwcibcS," schloß mein Freund. ״Sie werden sie nie traurig und verdrossen sehen, immer ijt sie heiter, und man sieht ihr die stille, innige Freude an, die sie empfindet, für die Gesundheit ihres kranken Mannes arbeiten zu können." — Mein Freund hatte seine Erzählung beendet. Mein Geist beugte sich in unbegrenzter Hochachtung vor dem Edelsinn des wackern WeibeS, dem ich so gern meine Unterstützung angeboten hätte. Doch durfte ich es nach dem Gehörten nicht wagen, ohne die Frau zu beleidigen. * * * Zehn Jahre waren vergangen seit meinem Besuche in T. Ich hatte mich von meinen Geschäften zurückgezogen und lebte jetzt behaglich und ruhig mit meiner Frau und meinen Kindern. Die Geschichte der Frau N. hatte ich längst vergessen, auch war ich nicht wieder nach T. gekommen. — Da saß ich eines TageS — vor etwa drei Monaten war eS — in meinem Zimmer, als ein ärmlich gekleideter Mann, eine bleiche Frau, deren abgehärmtem Antlitz man auch die Spuren früherer Schönheit ansah, nebst sechs Kindern von etwa zwei bis zehn Jahren, zu mir hereintrctten. Das Gesicht der Frau ka!n mir sehr bekannt vor, doch konnte ich mich anfangs nicht besinnen, wo ich sie schon einmal gesehen hatte. — Doch endlich fiel es mir ein — es war die Frau N. Erschreckt und erstaunt über ihr dürftiges Aussehen bat ich die Familie Platz zu nehmen und fragte nach ihre!« Begehr, indem ich zugleich Zn verstehen gab, daß ich die Frau schon von T. her kannte. ״Ja, lieber Herr," js erzählte Frau N.» ״das ist ganz richtig. Ich erinnere mich auch, Sie vor ungefähr zehn Jahren, als ich »och im Haufe des Herrn B. in T. war, dort gesehen zu haben. Seit der Zeit ist es uuS ja noch so ziemlich gegangen bis jetzt. Mein Mann hier kam einige Wochen nach Ihrer Abreise, Gott sei Dank, gesund wieder aus dem Bade zurück und konnte sein Geschäft wieder anfangen. Doch wir hatten kein Glück mehr. In! Anfang, nm erst ein bischen in den Gang zu formnen. behielt ich noch die Stelle bei Herrn B., aber als schließlich meine Kräfte es nicht mehr anshielten. du sing ich an, meinem Manne im Geschäfte bchülfllch zu sein. Doch es wollte nicht gehen. Wir sahen schließlich ein, daß wir in T. nicht mehr leben konnten, Unterstützung konnten wir nicht annchmen in dem Orte, wo wir geboren waren und uns redlich ernährt hatten — und so beschlossen wir, nach Deutschland zu gehen, um dort zu versuchen, uns durchznschlagen. Mein Mann ging erst allein fort, arbeitete in Frankreich, in der Schweiz, in England — doch konnte er nirgends sichere Existenz finden. Da kehrte er denn zurück, und wir gingen nach der Stadt B. in Deutschland, wo, wie wir wußten, schon viele russische Juden sich ordentlich ernährten! Und da hatten wir denn auch ziemlich Glück. Dort wurden uns alle unsere Kinder geboren, — eins ist uns leider schon gestorben. Meinem Manne gelang es, in einer großen Fabrik Arbeit zu bekommen, und ich trug auch das Meinige durch einen Kleinhandel bei, und so lebten wir denn glücklich und ruhig in B., wo sich unserer auch brave Menschen aunahmen, nm uns in unserem Streben behülflich zu sein. Manchmal ging es uns ja auch nicht so gut, wir konnten schließlich nicht anders und mußten kleine Vorschüsse und Unterstützungen au-׳ nehmen. Wir suchten das so weit in unseren Kräften stand zu vermeiden, doch glauben Sie mir, mein lieber Herr, es ging nicht anders. Schließlich ging eS uns doch wieder besser und wir hätten so glücklich und so ruhig Leben können. — Da tarn denn das größte Unglück. Schon seit cm paar Tagen war einigen russischen und österreichischen Inden von der Polizei der Befehl zugesendet worden, die Stadt B. binnen drei Wochen zu verlassen. Warum, weiß ich nicht. Wir hofften, da wir uns ja ehrlich ernährt und gut betragen hatten, daß wir, so wie viele andere ordentliche Lcnie, verschont blieben. Da traf uns denn vor vierzehn Tagen das Schlimmste, wir mußten fort von der Stadt, wo wir zehn Jahre lang so friedlich gelebt hatten, wo unsere beiden ältesten Kinder schon die Schule besuchten, um ordentliche, brauchbare Menschen zu werden. Wir wandten uns an den Vorstand der Gemeinde, die Herren konnten auch nichts thun. Und so sind wir denn gestern fort. Wohin wir jetzt gehen sotten, wissen wir nicht. Nach T. können wir nicht wieder, da die Schande doch zu groß ist, wenn wir jetzt als Bettler wiederkamen. In Deutschlcmd können wir nicht bleiben, La wir hören, daß überall die Nüssen ausgewiesen werden. Was sollen wir aufarlgeu? Sollen wir nach Rußland, wo cS den Juden so schlecht geht? Da sind wir nun mir