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Jeschurun · 1885-08-28 · Heft 35 (28.8.1885) · p. 549

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 35 (28.8.1885)
Article
Bemerkungen zu den Verhandlungen und Beschlüssen der Rabbinerversammlung zu Berlin
Date
1885-08-28
Page
549 (sequence 3)
Language
German
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eine gemeinsame Berathung selbst in der beschränkten Oeffentlichkeit, wie sie in Berlin beliebt worden ist. Sie können nicht ihre eigentlichen Gedanken über den Begriff ״jüdische Religion" enthüllen, weil sie darüber mit sich selbst und unter einander noch nicht im Klaren sind, — sie, die sich als Rabbiner Lehrer und Prediger der jüdischen Religion darstellcn! Eine solche Haltung ist ohne Beispiel. Man nenne uns noch eine einzige - Versammlung, welche bei einem ähnlichen Gegenstände ihrer Berathung ein gleiches Verfahren beobachtet hat. Das Gespenst des drängenden ״Baal vabajith", welcher den armen Rabbinern die Thüre verschließt, wenn sie nach festgesetzter Stunde heimkehrcn, ist ja nur ein Scherz des gemüthlichen Herrn Präsidenten. Doch nein, cS war ihm ernst; freilich nicht mit dem drängenden ״Baal Habajith", aber mit dem Nach-Hauseeilen, jedenfalls mit dem raschen Schlüsse. Und ebenso ernst war es der Versammlung, und deshalb erfüllte sich auch die Hoffnung des ersten Herrn Präsidenten auf die Erledigung der ״Vorlagen trotz ihrer zahlreichen Punkte" im Laufe des Vormittags, d. h. binnen kurzen drei Stunden. (Fortsetzung folgt.) Geschichte eines Ausgemeseneil. von Sn. Hh. Nach einer wahren Begebenheit. Es war im August 187*, als ich von einer GeschäftSreise aus Rußland zurückkehrtc. Abends um 9 Uhr kam ich in der kleinen russischen Grenzstadt T. an, um dort bei einem Geschäftsfreunde die Nacht zuzubringen, da ich nach Preußen keine Verbindung zur Wcitcrfahrt benutzen konnte. Ich lvurde aus das Herzlichste in der Fainilie meines Freundes aufgenommen, und in der angenehmsten Weise verbrachten wir den Abend in seinem gastfreundlichen Hause. Der Halisherr war ein sehr wohlhabender Mann, der sich mehrere Dienstboten hielt. Als wir im besten Gespräch begriffen waren, ließ die Frau dcö Hauses eine der Mägde ins Zimmer rufen, um ihr leise einen Auftrag zu geben, und es siel mir auf, daß diese mit Frau N. angeredet wurde. Erstaunt blickte ich auf. da ich wußte, daß verheirathete jüdische Frauen sich fast nie als Dienstboten zu verdingen pflegen. Ich erstaunte aber noch mehr, als ich in der Frau N. eine bildhübsche, junge Frau erblickte, an deren jugendlichem Antlitz mir besonders der heitere Ausdruck der Gesichtszüge auffiel. Die Frau konnte kaum 20 Jahre zählen. Als sie sich entfernt hatte, fragte ich den Hausherrn nach ihr, und wieso cS käme, daß diese junge Frau mit so feinen Gcsichtszügen bei ihm die Dienste einer Magd verrichte. ״Ja," erwiderte mein Freund, ״daß ist eine einfache und doch sehr selten vorkommende Geschichte, und diese Fran ist wcrth, eine Königskrone zu tragen, aber nicht Anderen gewöhnliche Dienste zu leisten. Wenn Sie wollen, erzähle ich Ihnen kurz ihre Geschichte." Ich war natürlich begierig, dieselbe zu hören. ״Die Frau N.," so erzählte mein Freund, ״ist hier in T. geboren, und verheirathete sich im vergangenen Jahre mit N., einem hiesigen Stadtkinde, der sich durch ehrliche, rechtschaffene Arbeit mit seiner jungen Frau mühsam durchs Leben zu bringen suchte. Aber wie cS so oft geschieht, daß gerade den Armen das Unglück am meisten trifft, so geschah eS auch bei den wackeren Eheleuten. Kaum waren sie ein halbes Jahr verhcirathet, als der Mann bedenklich erkrankte und viele׳ Wochen ans Bett gefesselt war. Da kam natürlich, da der Mann nichts mehr verdienen konnte, bittere Roth ins Haus. Im Anfang der Krankheit lebten sie noch von dem Geringen, was der N. sich sauer erspart hatte, und als dann der Mann das Krankenbett verließ, da war er an Händen und Füßen gelähmt, und das Elend kehrte ein, wo bisher stille Zusriedcnheit bei schwerer, mühevoller Arbeit geherrscht hatte. Natürlich boten wir Alle den armen Leuten unsere Unterstützung an — doch wiesen sie dieselbe zurück. Dazu kam noch, daß der Arzt dringend angerathen hatte, den Mann zur völligen Heilung nach einem deutschen Kurorte zu senden — aber woher die Mittel nehmen? Ich begab mich zu den Leuten, um ihnen nochmals Hülfe anznbieten; als sie sich weigerten, sagte ich ihnen, sie brauchten e§ nicht als Geschenk, sondern nur als geliehen anzunchmcn — wenn der Mann wieder gesund zurückgekehrt wäre, könnten sie cs mir ja zurückcrstatten. ES war Alles vergeblich! ״So lange ich ein Paar gesunde Anne habe, dulde ich nicht, daß eine Kopeke fremden Geldes uns helfen soll. Lieber will ich die niedrigsten Dienste verrichten," sagte die Frau. Und so traf eS denn auch ein. Andern Tags ka!n die Frau zu mir und bat mich, ihr in der Stadt eine Stelle als Magd zu verschaffen, da sie dann für sich selbst wenig Bedürfnisse zu bestreiten brauchte, und für den Dicnstlohn ihrem Manne die Badereise ermöglichen könne. ״Mein Mann weiß nichts davon, denn er würde cs nicht zugcben. Er meint, ich hätte doch noch Ihre gütige Hülfe in Anspruch genomknen und hat sich darin gefügt." Mir traten Thränen der Rührung in die Augen. Welchen Seelcnadel mußte diese einfache, ungebildete Frau besitzen, und wenn ich bisher Achtung vor ihr gehabt, so hegte ich jetzt die höchste Bewunderung für sie. Was sind wir mit all unserm Wohlthun und Spenden, auf das wir wo möglich noch eingebildet sind, gegen eine solche Erhabenheit des Herzens? Ich pries unsere Gemeinde glücklich, einen solchen Schatz zu den ihrigen zählen zu können. — Doch was soll

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